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Zucht

Erbkrankheiten: 'Ich will einen Stier ohne Kürzel'

© Erich Keppler/pixelio
von , am
10.03.2014

Landwirte wünschen sich einfache Rezepte für den Umgang mit Rinder-Erbkrankheiten. Sie würden dafür auch auf etwas Zuchtfortschritt verzichten. Wissenschaftler und Zuchtverbände sehen das anders.

Diskuskutierten über das Thema Erbkrankheiten (v.l.): Dr. Jens Baltissen, Otto Hausegger, Reinhard Scherzer, Prof. Johann Sölkner, Peter Stückler, Johannes Tanzler. © G. Zercher
Als im Vorjahr die genetischen Ursachen für vier Erbkrankheiten beim Fleckvieh entdeckt wurden, ging ein Beben durch die Fleckvieh-Zucht, vor allem weil zahlreiche Top-Vererber plötzlich einen deutlichen Makel aufwiesen. Wille stellte sich als Träger des Gendefekts Zwergwuchs heraus, Rumgo vererbt Minderwuchs und Thrombopathie. Inzwischen ist klar, dass fast die Hälfte der am häufigsten eingesetzten Fleckvieh-Besamungsbullen Träger eines Gendefekts ist.

Wie geht man mit dem neuen Wissen um?

Die Branche hat zwar den ersten Schrecken überwunden, aber es herrscht in weiten Kreisen noch immer Ratlosigkeit über den richtigen Umgang mit diesem Wissen. Das zeigte sich auch beim Seminar "Erbfehler in der Rinderzucht - Erkennung und erfolgreiches Management", das die Rinderzucht Austria vergangene Woche in Salzburg veranstaltete.
 
Dort erklärten Forscher und Wissenschaftler der ZAR, der Technischen Universität München sowie der Veterinärmedizinischen Universität in Wien in großer Tiefe und Breite, wie sie die jüngsten Gendefekte aufspürten. Sehr anschaulich erläuterten sie auch, welche Rolle Gene, Chromosomen, Mutationen, rezessive und dominante Vererbungsgänge beim Ausbruch einer Erbkrankheit spielen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage "Wie setzt man dieses Wissen in der Praxis um?" konnten aber auch sie nicht liefern - allenfalls Strategievorschläge.

Drei Strategien zur Auswahl

Dr. Christa Egger-Danner. © G. Zercher
Dr. Christa Egger-Danner von der ZuchtData Wien erläuterte drei Strategien zum Erbfehlermanagement: Merzung, Reduktion und Embryonentransfer. Bei der Merzung werden die Stiere, die Träger eines Erbdefekts sind, nicht mehr in der Besamung eingesetzt. Damit könne die Ausbreitung der Erbkrankheit zwar relativ schnell eingedämmt werden, allerdings verlangsame sich hierbei der Zuchtfortschritt am deutlichsten, weil auch die positiven Eigenschaften dieser Vererber nicht weitergegeben werden.
 
Dieser Nachteil könne mit der Reduktion umgangen werden. Hier würden die Trägerstiere zwar vom Breiteneinsatz ausgeschlossen, in der gezielten Anpaarung aber sehr wohl eingesetzt. "Dadurch werden die Kosten und Schäden, die die Erbkrankheit verursacht reduziert, der Zuchtfortschritt bleibt jedoch erhalten", meinte Egger-Danner.
 
 
Als dritte Option nannte sie den Embryonentransfer (ET). Bei ihrer Modellrechnung kam sie zu dem Ergebnis, dass "durch den verstärkten Nutzung von ET der jährliche monetäre Zuchtfortschritt im Vergleich zum Referenzszenario nicht nur erhalten, sondern sogar gesteigert werden kann." Ihr Fazit lautete: Deutlich höhere Kosten, aber auch ein größerer Züchtungsgewinn.

„Zuchtfortschritt wird überbewertet“

Die Bedeutung des Zuchtfortschritts scheinen Wissenschaftler, Zuchtverbände und Züchter unterschiedlich zu gewichten. Der Fleckvieh-Züchter Reinhard Scherzer aus Kärnten sagte bei der anschließenden Diskussionsrunde, dass der Zuchtfortschritt in seinen Augen überbewertet werde. Eine Kuh solle unter den Voraussetzungen des jeweiligen Betriebes gut funktionieren. "Wenn man dafür die Erbfehler unter Kontrolle bringt, können wir Landwirte auf den einen oder anderen Prozentpunkt Zuchtfortschritt verzichten." Peter Stückler von der Besamungsstation Genostar vertrat indes die Meinung: "Zuchtfortschritt ist nicht nur Leistungsfortschritt, sondern auch Fitnessfortschritt und Gesundheitsfortschritt. Wir kaufen Anlagenträger weiterhin an, wenn sie genetisch überlegen sind". Vermarktbar seien sie in allen Betrieben, die ein Anpaarungsprogramm einsetzten.

Landwirte wünschen sich einfache Rezepte im Umgang mit Erbkrankheiten

Züchter Scherzer fasste die Erwartung seiner Berufskollegen mit den Worten zusammen: "Wir erwarten Erbfehlerfreiheit". Nach dem Vortrag von Professor Gottfried Brem sah er zwar ein, dass es die nicht gibt, "weil Erbfehler Makel sind und auch wir nicht frei von Makeln sind". Angesichts dessen hoffte der Züchter zumindest auf eine baldige Eindämmung der Erbkrankheiten, vor allem der Thrombopathie (TP).
 
Ferner berichtete der Kärtner Landwirt, dass es eine große Unsicherheit in der Bauernschaft angesichts der Erbkrankheiten gebe. Er appellierte deshalb an die Zuchtverbände viel Aufklärungsarbeit zu leisten. "Denn die Mehrzahl der Landwirte kennt die Bedeutung der Kürzel nicht. Manche Kollegen sagen verkürzt: 'Ich will einen Stier ohne Kürzel'". Mit den Kürzeln sind die Abkürzungen gemeint, die einen Bullen als Träger eines Gendefekts kennzeichnen. Auch ein Gast aus dem Publikum meinte: "Die Kürzel sind zu kompliziert". Der Vorwurf ist begründet, zumal es für die seit 2013 neu untersuchten Gendefekte derzeit noch keine genaue Regelung der Kennzeichnung gibt. Demnächst soll jedoch Einheitlichkeit hergestellt werden.
 
Seine Berufskollegen forderte Scherzer dazu auf, wieder mehr eigene Verantwortung über die Auswahl der Besamungstiere zu übernehmen, "denn es betrifft uns alle".
 
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