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Aus der Wirtschaft

Experten warnen: Nutztierhaltung am Scheideweg

von , am
25.06.2012

Berlin - Zu einem Neuanfang in der Nutztierhaltung haben die Professoren Folkhard Isermeyer und Thomas Jungbluth aufgerufen.

Die BSE-Testpflicht für gesund geschlachtete Rinder ist nun offziell aufgehoben. © Mühlhausen/landpixel
Wenn Wirtschaft und Wissenschaft nicht bereit seien, bestimmte Entwicklungen grundlegend zu überdenken und Alternativen zu erarbeiten, bestehe das Risiko, dass die Tierhaltung in Deutschland auf längere Sicht "vor die Wand" fahre, so die Wissenschaftler. Sie begründen ihre Einschätzung mit der wachsenden Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen und den derzeitigen Produktionssystemen. Setze sich diese Entwicklung fort, werde die Politik "die Daumenschrauben für die Tierhalter weiter anziehen" und damit deren Kosten in die Höhe treiben.
 
Dies werde letztlich die Wirtschaftlichkeit der Nutztierhaltung hierzulande in Frage stellen und zur Abwanderung von Produktionskapazitäten führen, mit erheblichen Folgen für Einkommen, Beschäftigung und Wirtschaftskraft in ländlichen Räumen. Isermeyer und Jungbluth betonten übereinstimmend den bestehenden Handlungsdruck: "Reden reicht nicht". Verantwortliche in Politik und Forschungsförderung seien gefordert. Jungbluth verwies auf den Zeitraum von acht bis zehn Jahren, den die Entwicklung neuer Haltungssysteme erfordere. Man habe daher "keine Zeit zu verlieren". Das von der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA) vorgelegte Strategiepapier biete die Chance für einen Kurswechsel. Diese Chance gelte es zu nutzen.

Radikaler und umfassender Ansatz

Isermeyer sprach von einem radikalen und umfassenden Ansatz, den die DAFA mit ihrer Strategie verfolge. Anstatt Einzelbeiträge zu Detailfragen zu erarbeiten, gehe es darum, die praktische Nutztierhaltung insgesamt und damit zugleich ihre gesellschaftliche Akzeptanz nachhaltig zu verbessern. Das könne nur gelingen, "wenn man erstens die wichtigsten Kernprobleme umfassend anpackt und zweitens mit der Wirtschaft, der Politik und den gesellschaftlichen Gruppen eng zusammenarbeitet". Isermeyer: "Wir wollen umsetzbare Lösungen erarbeiten und nicht nur Teilbeiträge zu wissenschaftlich spannenden Einzelfragen". Gleichzeitig brauche man die Lösungen, die am Ende in einer offenen Marktwirtschaft funktionierten. Deshalb müsse man bei den Forschungsvorhaben dafür Sorge tragen, dass nicht nur die Züchter, die Stallbauer oder andere Produktionstechniker jeweils unter sich blieben. Vielmehr müssten praxisrelevante Ökonomen mitwirken und die Frage untersuchen, wie sich mögliche Innovationen auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirkten. Das betreffe zum einen die Produktionskosten, zum anderen aber auch die Frage, wie sich bessere Qualität durch die Lebensmittelwirtschaft vermarkten lasse.

Agrarwissenschaft zeigt Kooperationsbereitschaft

Jungbluth geht davon aus, dass die hiesige Agrarforschung die an sie gestellten Erwartungen erfüllen kann. Die bislang im Rahmen des Fachforums deutlich gewordene Kooperationsbereitschaft stimme ihn zuversichtlich, "dass wir die erforderliche Interdisziplinarität in den Forschungsprojekten hinbekommen", betonte der KTBL-Präsident. Er räumte zugleich das Risiko ein, sich später in der konkreten Forschungsarbeit im Klein-Klein zu verlieren. Deshalb sehe die Strategie eine straffe Organisation vor. Für jedes der geplanten sechs Cluster werde es ein "Führungstrio" geben, das für Zielorientierung und Zusammenhalt verantwortlich sei. Jungbluth und Isermeyer sehen nun vor allem die Politik am Zuge. Eventuelle Hinweise auf bestehende Programme und Fördermittel, die man für Einzelprojekte nutzen könne, reichten nicht aus. Stattdessen müsse sich der neue Ansatz auch in der Forschungsförderung niederschlagen. Als wünschenswert bezeichnete Isermeyer eine Förderstrategie, die vom Bundeslandwirtschaftsministerium und vom Bundesforschungsministerium gemeinsam getragen werde. Zudem könnten andere neue Finanzierungsquellen genutzt werden, etwa die Förderung von Innovationspartnerschaften im Rahmen der Zweiten Säule, die die EU-Kommission in ihren Reformvorschlägen in Aussicht gestellt habe.

Zwei Ansätze für verbesserte Haltungssysteme

Eine Verbesserung der Haltungssysteme bezeichneten beide Wissenschaftler als unerlässlich. Dabei seien zwei Typen von Projekten vorgesehen: Zum einen solche, bei denen Wissenschaftler zusammen mit praktischen Landwirten die heutigen Haltungssysteme schrittweise weiterentwickelten. Zum anderen bedürfe es Vorhaben, bei denen die Wissenschaft komplett und zunächst ohne Restriktionen querdenke und ganz neue Ansätze der Nutztierhaltung untersuche. Hier dürfe es keine Denkverbote geben, mahnten beide Wissenschaftler. Es gehe darum, ergebnisoffen neue Verfahren zu eruieren, bevor sie im Anschluss auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen seien. Isermeyer zeigte sich zuversichtlich, dass es gelinge, beide Gruppen, die Praxisorientierten und die Querdenker, "in gegenseitigem Respekt arbeiten zu lassen, damit sie sich nicht gegenseitig als ‚alternative Spinner‚ oder ‚ewig Gestrige‚ verunglimpfen". Keinesfalls dürften beide Ansätze gegeneinander ausgespielt werden.

Gesellschaftliche Erwartungen analysieren

Eine wesentliche Bedeutung messen die beiden Initiatoren des DAFA-Fachforums Nutztierhaltung der vorgesehenen Analyse der gesellschaftlichen Erwartungen an die Nutztierhaltung bei. Gegenstand dieses Clusters sei dabei nicht eine oberflächliche Konsumentenbefragung, sondern der Versuch, vertiefte Einblicke in die Präferenzen von Verbrauchern sowie deren Erwartungen an die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere zu bekommen. Isermeyer räumte ein, dass die Agrarforschung bei diesen Fragen überfordert sei. Ergebnisse seien daher nur in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa den Kommunikationswissenschaften und der Psychologie, zu erzielen. Insgesamt solle mit der Analyse der gesellschaftlichen Anforderungen an Tierhaltung eine wesentliche Grundlage geschaffen werden für die Arbeit in den anderen Clustern Ländlicher Raum, Rind, Schwein und Geflügel. Schließlich habe man sich in einem Cluster zur Aufgabe gemacht, Indikatorensysteme zu entwickeln. Ein wichtiges Ziel sei hierbei, im Laufe der Zeit zu immer belastbareren Aussagen über den tatsächlichen Zustand der Nutztierhaltung zu kommen. Dann könne die Gesellschaft in einigen Jahren auf der Grundlage von Fakten beurteilen, ob sich unsere Tierhaltung in die richtige oder in die falsche Richtung entwickele und wo man gegebenenfalls nachjustieren müsse.
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