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NGO-Interview zu Milcherzeugung

Greenpeace-Experte: Kühe wichtig für eine nachhaltige Landwirtschaft

Milchkuhweide
am Sonntag, 20.11.2022 - 05:00 (5 Kommentare)

Greenpeace-Agrarexperte Tobias Riedl spricht in einem Interview über Milchpreise, Milchkonsum und die Rolle von Rindern in der Flächennutzung. Seine Schlussfolgerung: Die bestände müssen runter, aber Milchkühe bleiben Teil einer ökologischen Landwirtschaft.

„Kühe könnten in der Ökologisierung der Landwirtschaft eine wichtige Rolle spielen“, sagt der Greenpeace-Experte für Landwirtschaftsfragen, Tobias Riedl, in einem Interview, das die NGO selbst geführt und auf ihre Website gestellt hat.

In dem Gespräch geht er auf Fragen zur Preisbildung, zu den steigenden Produktionskosten, zur Kälberhaltung und zum Milchkonsum ein.

Wer trägt die steigenden Kosten?

Riedl erklärt, dass die steigenden Verbraucherpreise für Milch und Milchprodukte bestenfalls indirekt mit den hohen Energie- und Produktionsmittelpreisen der vergangenen Monate zusammenhängen. Milcherzeuger bekämen ihre Milch nicht anhand der entstehenden Kosten bezahlt.

„Das hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass viele Bäuer:innen nicht einmal ihre Produktionskosten decken konnten“, so Riedl. Hätten Landwirte höhere Kosten aufgrund steigender Energiepreise oder verbesserter Tierhaltungsbedingungen, trügen sie diese zunächst immer selbst.

Was passiert mit den Bullenkälbern?

Die Kälberhaltung, sagt Riedl im Interview, sei die „dunkle Seite der Milchwirtschaft“. Vor allem für Holsteinbullenkälber sei kaum ein Markt vorhanden. Das führe dazu, dass wenig in ihre Gesunderhaltung investiert werde, was zu Verlusten zwischen 10 und 20 Prozent führe. Eine genauere Definition dieser Kälberverluste liefert Riedl nicht.

Ein Großteil der schwarzbunten Bullen gehe mit 14 Tagen in niederländische Mastbetriebe, erklärt der Greenpeace-Experte weiterhin. Dort sähen sie kein Tageslicht, stünden auf Vollspaltenboden und erhielten prophylaktisch Antibiotika. Nur so sei ihre Aufzucht billig und damit noch lohnend.

Ab Januar 2023 dürften Jungtiere, die innerhalb Deutschlands verkauft werden, zwar erst nach vier Lebenswochen den Geburtsbetrieb verlassen, doch seien ihre Haltungsbedingungen in konventionellen Betrieben hierzulande ähnlich schlecht wie in den Niederlanden.

Also alle Kühe abschaffen?

Anders als viele andere NGO-Vertreter plädiert Riedl nicht für eine generelle Abschaffung der Milchviehhaltung. Er sieht Kühe und Rinder als wichtigen Bestandteil einer „Ökologisierung der Landwirtschaft“. Allerdings nur, wenn sie fast ausschließlich mit Gras gefüttert würden.

In der ökologischen Haltung sei die Fütterung raufutterbasiert, die Tiere bekämen überwiegend Gras. In der konventionellen Milcherzeugung hingegen sei es umgekehrt. Dort verfüttere man nur 30 Prozent Grasprodukte, der Rest seien Maissilage und Getreide, die Riedl gemeinsam unter Kraftfutter einordnet. Das führe zu erheblich stärkeren Methanemissionen, vor allem durch den Einsatz von Mineraldünger im Getreideanbau.

Und woher kommt künftig die Milch?

Deshalb und auch aus Gründen der Nahrungsflächenkonkurrenz zum Menschen sei es wichtig, die Tiere künftig hauptsächlich vom Grünland zu ernähren, was einen deutlichen Abbau der Bestände nötig mache.

Die daraus folgende Einschränkung der Milchproduktion sieht Riedl eher unproblematisch, da wir aus Klima- und Gesundheitsgründen unseren Milch- und Fleischkonsum ohnehin um etwa 75 Prozent reduzieren sollten, wie eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie zeige.

Klee für die Fruchtfolgen

Doch auch abgesehen vom Grünland sieht Riedl eine erhebliche Bedeutung von Rinderfutteranbau in der Landwirtschaft. Vor allem Klee spiele eine wichtige Rolle in Fruchtfolgen, könne aber vom Menschen nahrungstechnisch nicht genutzt werden. Hier seien Milchkühe eine gute Möglichkeit, diese Futterpflanze zu verwerten und ihre Vorteile dem Ackerland zugute kommen zu lassen.

agrarheute meint dazu

Das Interview mit dem Greenpeace-Landwirtschaftsexperten ist – verglichen mit anderen NGO-Statements und -Auftritten – sachlich und fachlich ungewöhnlich rational. Dennoch hängt Riedl in einigen Narrativen seiner Organisation fest.

Die Behauptung, Mastkälber und -bullen sähen in den Niederlanden, aber auch hier in Deutschland kein Tageslicht, stünden fast immer auf Spaltenboden und würden prophylaktisch mit Antibiotika gefüttert, ist höchst fragwürdig. Und die erwähnten bis zu 20 Prozent Bullenkälberverluste werden von anderen Quellen widerlegt. Der LKV Bayern beispielsweise erfasste für 2019 10 Prozent Verluste bei männlichen Milchviehkälbern – Totgeburten inbegriffen.

Auch die Erklärung, konventionell gehaltene Kühe erhielten keine raufutterbasierte Ration, ist nicht haltbar. Trotzdem gibt es hier eine gewisse Diskussionsgrundlage, die andere NGO-Vertreter meist komplett vermissen lassen.

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