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Fütterung

Hohe Kraftfutterpreise: Teures Kraftfutter einfach weglassen?

Kuehe am Futtertisch
am Sonntag, 27.03.2022 - 05:00 (1 Kommentar)

Sind Futtermittelpreise zu hoch, dann ersetzt man die teuren durch günstigere Komponenten oder lässt sie einfach gleich weg. Doch so einfach ist es leider nicht.

Bedarfsnormen

Die hohen Preise für Konzentratfutter veranlassen fast schon reflexartig, den Anteil an Kraftfutter in der Ration zu vermindern. Dabei ist zu bedenken, dass die Tiere auch bei hohen Futtermittelpreisen einen entsprechenden Bedarf haben, der weiterhin gültig ist und befriedigt werden muss (siehe „Bedarfsnormen je Tier und Tag“). Hierbei sind zwar Abweichungen möglich, aber diese sind umso geringer, desto höher das Leistungsniveau in der Herde ist (siehe auch „Toleranzbereiche bei der Energie- und Rohproteinversorgung“). Die Konsequenzen, die sich aus einer Minderversorgung ergeben, sind sowohl aus gesundheitlichen Aspekten als auch ökonomisch gravierend.

Wer den Kraftfutteraufwand spontan willkürlich mindert, provoziert einen Rohprotein- und Energiemangel. Das führt nicht nur zu einem Abfall der Milchleistung, sondern auch zu einem Ungleichgewicht im Stoffwechsel, das schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen kann. Wird der tägliche Energiebedarfs um 15 Prozent unterschritten, führt das zu gesundheitlichen Störungen, insbesondere ketotischen Belastungen. Weitere Folgen bei Energiemangel:

  • gesenkter Eiweißgehalt der Milch unter 3,2 Prozent,
  • belastete, funktionsgestörte und geschädigte Leber,
  • gesenkte Futtteraufnahme,
  • erhöhter Gehalt an somatischen Zellen in der Milch (Zellzahl),
  • mehr Labmagenverlagerungen,
  • mehr Nachgeburtsverhaltungen,
  • mehr Gebärmutterentzündungen,
  • zunehmende Lahmheiten,
  • gravierend sind die Fruchtbarkeitsstörungen (gestörtes Puerperium, verzögerte und stille Brunst, verzögerter Eisprung mit gestörter Gelkörperbildung, sowie gestörtes Follikelwachstum).

Neben Energiemangel wirkt sich auch Eiweißmangel gravierend auf die Gesundheit der Tiere aus. So senkt ein Eiweißdefizit die Futteraufnahme. Er mindert die Bakterienproteinsynthese im Pansen und senkt die Faserverdaulichkeit. Es kommt zum Abfall der Milchleistung und im Extrem fällt auch der Milcheiweißgehalt ab. Er beeinträchtigt den Stoffwechsel und senkt den Harnstoffgehalt in der Milch auf unter 50 ml/l. Außerdem beeinträchtigt ein Einweißmangel die Entwicklung des Fötus. Er führt zu festem Kot und möglicherweise zu Jauchesaufen.

​​​​​​​Wie passt man die Fütterung an?

Toleranzbereiche

Daher gilt es entsprechende Anpassungen beim Kraftfutter mit Bedacht und nur in kleinen Schritten durchzuführen. Wie geht man vor, um die Ration wegen hoher Konzentratpreise anzupassen? Zum einen muss man die Bedarfsnormen kennen (siehe „Bedarfsnormen je Tier und Tag“). Dann kalkuliert man die Ration in drei Schritten:

  1. Schritt: Grobfutterration richtig kalkulieren: Dafür die Silagen (und Stroh) so kombinieren, bis die nötige Fasermenge ausgeschöpft ist (siehe „Kennzahlen zur Kalkulation“). Milchpotential der Tiere ermitteln (= Milchmenge je Tier u. Tag).
  2. Schritt: Ration ausgleichen: Grobfutterration (siehe 1. Schritt) ergänzen mit Getreide und /oder Rapsextraktionsschrot bis das Milchpotential aus MJ NEL und Rohprotein gleich ist (Bedarf siehe „Kennzahlen zur Kalkulation“). Das heißt, es sind die Liter Milch aus MJ NEL und die Liter Milch aus Rohprotein zu kalkulieren. Der Unterschied zwischen beiden darf maximal 2 Liter (besser nur 1 Liter) betragen.
  3. Schritt: Aktuelle Mischration kalkulieren: Ausgeglichene Ration (siehe 2. Schritt) mit Nebenprodukten ergänzen (Biertreber, Pressschnitzel) und/oder Trockenkonzentraten beziehungsweise Mischfutter bis beabsichtigte Milchleistung erreicht ist. Dabei sind zwei Fragen zu stellen:
    • Wie viel Liter Milch bringt die Zulage?
    • In welchem Verhältnis steht der Preis des Futters zum Milchpreis?

Zum ökonomischen Vergleich der Rationen und finanziellen Bewertung der Zulagen zur Grobfutterration bietet die Kennzahl IOFC (Income over feed cost) eine gute Möglichkeit. IOFC in € / Kuh = Milchmenge (kg / Kuh) x Milcherlös (€ / kg) - Futterkosten (€ / Kuh)

Die Werte liegen je nach Milchleistung zwischen 3 und 10 € je Kuh. Dabei gelten folgende Richtwerte: Liegt der IOFC bis 40 Prozent der Futterkosten an den Erlösen, dann ist das ein gutes Ergebnis. Werte über 60 Prozent der Futterkosten an den Erlösen zeigt dringenden Handlungsbedarf auf.

Regeln beim Zukauf, besonders bei erhöhten Futtermittelpreisen

Kennzahlen
  1. Die physiologischen Anforderungen der Tiere und die Bedarfsnormen sind objektiv und unabhängig von der Preissituation, sie bestimmen, was zugekauft werden muss.
  2. Bisherige Maßnahmen, Rezepturen und Dosierungen sind in ihrer Richtigkeit und Notwendigkeit mit den Maßstäben der gültigen Bedarfsnormen und physiologischen Anforderungen unter den beriebsspezifischen Bedingungen und aktuellen Futtermittelpreisen zu prüfen.
  3. Betriebe sind vor Angeboten zu warnen, die kommerziell begründet, aber ohne sachlichen (physiologischen) Hintergrund sind.
  4. Vor dem Einkauf müssen die Rezepturen (Bestandteile von Mischungen und ihrer Anteile) und die für die Rationsberechnung notwendigen Inhaltsstoffe bekannt und geprüft sein.
  5. Bei Preisvergleichen sind grundsätzlich die auf die Einheit Rohprotein oder MJ NEL bezogenenen Preise zu vergleichen, nicht die Produktpreise.
Mit Material von Professor Dr. Manfred Hoffmann

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