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Zuchtanalyse

INRA 95 oder Weißblaue Belgier: Das sagen Zuchtexperte und Markt

INRA
am Samstag, 16.07.2022 - 05:00 (2 Kommentare)

INRA 95: Was zeichnet sie aus und wie reagiert der Markt ? Der Zuchtexperte Prof. Dr. Brade wirft einen Blick auf die Doppellender und spricht über Ihre Bedeutung in den Milchviehbetrieben.

Weißblaue Belgier oder INRA 95 – Prof. Dr. Wilfried Brade vom Norddeutschen Tierzuchtberatungsbüro hat die Entwicklung und die Züchtung beobachtet. Das Besamen älterer Milchkühe, die nicht zur Reproduktion des Kuhbestandes benötigt werden, mit spezialisierten Fleischrindbullen verbessert nicht nur die Fleischleistung und den Schlachtertrag der Mastkälber. Auch die Rentabilität der Milchviehbetriebe steigt durch die höheren Erlöse für Mastkälber.

Die Kombination dieser Strategie mit gleichzeitigem Einsatz von gesextem Sperma für männliche Kreuzungskälber zur Mast hat sich als besonders effizient erwiesen. Sie ermöglichen in der Weitermast einen höheren Verkaufserlös im Vergleich zu Reinzuchttieren; speziell bei Anpaarung ausgewählter Fleischrindbullen wie den Weißblauen Belgiern.

Allerdings sind derartige Fleischrind-Anpaarungen an Färsen – aufgrund der überproportionalen Zunahme an Schwergeburten strikt zu vermeiden. Und auch bei den Alt-Kühen sind nur solche Fleischrasse-Bullen mit nachgewiesener günstiger Vererbung für den Geburtsverlauf weiterzuempfehlen.

Weißblaue Belgier: Darum sind sie so beliebt

Die belgische Rinderrasse‚ Weißblaue Belgier (WBB), ist vor allem durch eine starke Muskelfülle gekennzeichnet. Spezifisch für die Rasse WBB ist das Vorhandensein sogenannter Doppellender. Diese natürliche Mutation führt zu einem extrem mageren Fleisch und hoher Schlachtausbeute. In den meisten Fällen benötigen die reinrassigen WBB-Kühe eine intensive Geburtshilfe; oft sogar einen Kaiserschnitt. In einigen Ländern ist die Haltung dieser Rasse deshalb sogar verboten.

In Deutschland spielt die WBB-Reinzucht keine Rolle. WBB-Bullen werden jedoch in vielen europäischen Ländern erfolgreich als Vaterrasse in der Gebrauchskreuzung mit Holsteinkühen eingesetzt. Im Jahr 2021 entfielen rund Zweidrittel aller Besamungen mit Fleischrindersperma in Deutschland auf die Rasse WBB. Die erwähnten Kalbeprobleme der WBB in Reinzucht treten im Rahmen der Kreuzung mit Milchrinderrassen (Holsteins, Jerseys) nicht auf, sofern diese Rasse nicht auch über das Doppellender-Gen verfügt. Männliche Nutzkälber aus Einfachkreuzungen WBB x Holstein-Kühe realisieren aktuell die höchsten Verkaufserlöse bundesweit; oft mehr als 150 bis 180 € je Kalb (erster Qualität) gegenüber reinrassigen Holsteinbullenkälbern gleicher Qualität.

Wissenswertes zu INRA 95 – eine neue Fleischrinderrasse zur Masthybriderzeugung

INRA 95 Bulle

In Frankreich, aber auch Italien, ist die Rasse ‚INRA 95‘ als spezialisierte Fleischrinderrasse seit Jahren ein Erfolg. INRA 95 wurde speziell als Paarungspartner für Milchkühe in einer Versuchsherde in Carmaux (nordöstlich von Toulouse) der staatlichen französischen Agrarforschung (INRA = Institut national de la recherche agronomique) als Neuzüchtung entwickelt. Ein spezifisches Zuchtprogramm wurde bereits Ende der 1960er Jahre gestartet.

Das Farbkleid der Rasse ist überwiegend weiß; kann jedoch auch rote oder blaue Flecken tragen. INRA 95 ist somit eine synthetische Rasse, in der Merkmale der Rassen Charolais, WBB, Blonde d'Aquitaine, Limousin und Rouge des prés (auch als Maine Anjou bekannt) erfolgreich kombiniert wurden. 

Ein besonderer züchterischer Schwerpunkt wurde - ab Versuchsbeginn - auf möglichst geringe Kalbeschwierigkeiten und hohe Vitalität der Kälber gelegt. Leichtkalbigkeit, vitale Kälber und eine vergleichsweise hohe Fleischleistung sind somit die besonderen Vorzüge von INRA 95-Hybriden vergleichsweise gegenüber WBB-Hybriden.

Fleischleistung von Kreuzungskälbern: Studie bestätigt INRA 95-Vorzüge

Die Vorzüge der Masthybriden wie die bessere Mast- und Schlachtleistung gegenüber reinrassigen Holstein-Tieren konnten jetzt erstmalig auch bei den Hybridnachkommen von INRA 95-Vätern in einer sehr großen, neuen italienischen Studie gezeigt werden. 

Sollten sich diese Ergebnisse auch in Deutschland bestätigen, wäre die Nutzung von INRA 95-Bullen eine echte Alternative zur bisherigen Bevorzugung von WBB-Bullen in der Masthybriderzeugung mit Milchkühen. Da das Zuchtprogramm reinrassiger WBB-Rinder von vielen Tierschützern abgelehnt wird, könnte der Einsatz von INRA 95-Bullen gegenüber dem intensiven Einsatz von WBB-Bullen auch dem Image der deutschen Rindfleischerzeugung zugutekommen.

Qualitätsliebling WBB: Was sagt der Markt zu INRA 95?

INRA 95 Kalb

Allerdings muss sich der künftig mögliche Einsatz von INRA 95-Bullen erst noch am deutschen Kälbermarkt etablieren, da Kreuzungstiere aus WBB-Anpaarungen zwischenzeitlich eine echte Qualitätsmarke im Kälberhandel sind. Erschwerend kommt an dieser Stelle leider hierzu, dass das Erscheinungsbild der INRA 95-Mastkälber nicht so einheitlich wie das der WBB-Hybriden ist und die INRA 95-Hybridkälber regelmäßig behornt sind.

Die Strategie „beef on dairy“ ist zwischenzeitlich auf vielen Milchkuh haltenden Betrieben bundesweit fest etabliert. Entsprechend spürbar beeinflusst sie bereits auch aktuell den Rindermarkt. Sie hat das Angebot an weiblichen Zuchtrindern (Färsen) verknappen lassen, was aber offensichtlich gleichzeitig auch der Stabilisierung der Erlöse am Zuchttiermarkt diente.

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