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Aufzucht

Kälberdurchfall: So bekommen Sie die Krankheit in den Griff

Kalb-Holstein-Kälberstall-
am Montag, 17.02.2020 - 13:30 (Jetzt kommentieren)

Die jährliche Sterberate bei Kälbern liegt bei 7 bis 10 Prozent — die Hälfte davon sind Durchfallkälber. Daher muss der Auslöser schnell gefunden werden. Wir haben mit Dr. Walter Grünberg, Oberarzt an der Klinik für Rinder der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, über die Tierkrankheit gesprochen.

Was sind die häufigsten Auslöser für Kälberdurchfall?

Im Wesentlichen wird eine infektiöse Durchfallerkrankung durch drei Faktoren ausgelöst. Es braucht zum einen natürlich einen Erreger und ein dafür empfängliches Tier und zum anderen eine Umgebung, in der sich der Krankheitsauslöser wohlfühlt. Der Nachweis eines Erregers bedeutet nicht gleich, dass die Kälber krank werden. Schließlich lassen sich Erreger auch bei einem gesunden Jungtier feststellen. Hier müssen die anderen Faktoren eine Schwachstelle aufweisen, wie ein immungeschwächtes Kalb oder Hygienefehler in der Jungtieraufzucht.

Was sind die häufigsten Krankheitserreger?

Zu den klassischen Erregern gehören Viren, Bakterien oder auch Einzeller wie Kryptosporidien.
Beispielsweise verschlimmert sich bei Kryptosporidien die Erkrankung über Tage, während bei bakteriellen Infektionen eine Verschlechterung oft in wenigen Stunden eintritt. Kotverklumpungen können auf Salmonellen und größere Blutbeimengungen auf Kokzidien hindeuten. Aber nur von der Kotkonsistenz Rückschlüsse auf den Erreger zu ziehen, ist wie Kaffeesatzlesen. Hier hilft nur der diagnostische Nachweis.

Kann nur der Tierarzt den Nachweis durchführen?

Es gibt Schnelltests, die der Landwirt über den Tierarzt oder den Handel beziehen kann. Sie zeigen nach etwa 10 Minuten an, ob es sich um einen der vier gängigsten Erreger wie enterotoxische E. coli, Rota-, Coronaviren oder Kryptosporidien handelt und können den Tierhalter bei der Erstdiagnose unterstützen. Bei der Befundinterpretation ist es aber sinnvoll, den Tierarzt mit einzubeziehen, denn einige Erreger lassen sich nur im Labor nachweisen.

Ab wann sollte der Tierarzt gerufen werden?

Das kommt auf die Umstände an. Ist ein einzelnes Tier oder ein ganzer Bestand an Durchfall erkrankt? Und wie ist der Gesundheitsstatus? Bei einem Einzeltier, das ansonsten vital ist und trinkt, reicht es, vorerst eine Elektrolyttränke und ausreichend Wasser anzubieten. Sobald es nicht mehr freiwillig säuft, matt ist, nicht mehr richtig steht oder sogar Fieber hat, muss der Tierarzt gerufen werden. Steht das Kalb mit Artgenossen in einer Gruppe zusammen, muss es nicht unbedingt sofort von den anderen getrennt werden solange es äußerlich gesund erscheint und die Elektrolytversorgung des Kalbs sichergestellt wird. Handelt es sich um einen infektiösen Durchfall, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die anderen Jungtiere bereits angesteckt sind. Die Erkrankung zeigt sich nach wenigen Tagen. Hier ist es dann ganz wichtig, eine weitere Verschleppung des Krankheitsauslösers im Jungtierbestand zu verhindern.

Wie lässt sich der restliche Kälberbestand vor einer weiteren Ansteckung schützen?

Ideal wäre es, die Tiere in den ersten zwei Lebenswochen in Einzelhaltung aufzustallen. In diesem Zeitraum sind die Neugeborenen am anfälligsten gegenüber Erkrankungen. Aus diesem Grund haben sich Kälberiglus in der Praxis bewährt, da die Tiere etwas auseinander stehen. Doch egal ob Iglu oder Box, nach jedem Durchgang sind die Plätze ordentlich zu reinigen und am besten zu desinfizieren. Auch die Eimertränken müssen nach jeder Tränke gesäubert werden. Im Nippel setzen sich die meisten Keime und Erreger ab.

Das Hygienemanagement wird wie beschrieben eingehalten und trotzdem erkranken die Kälber. Warum?

Eine weitere Möglichkeit der Erregerverschleppung geht vom Menschen selbst aus. Beim Gang durch den Milchviehstall können sich über den Kot ausgeschiedene Erreger im Profil der Stiefel festsetzen und gelangen so zu den Jungtieren. Eine weitere unterschätzte Gefahr geht von der Kleidung oder den Händen aus. Kälber saugen gerne an der Kleidung oder an den Fingern. Beim Besuch der nächsten Kälberbox werden die Erreger über den Speichel einfach weiter verbreitet. Aus diesem Grund sind Einweghandschuhe und ein Kittel zum Überziehen eine gute und schnell umzusetzende Maßnahme. Ideal wäre eigene Kleidung für den Kälberbereich, die dort auch gelagert wird.

Rechnet sich der Mehraufwand?

Die Sterberate bei Kälbern liegt bei 7 bis 10 Prozent. Die Hälfte davon lässt sich auf Durchfallerkrankungen zurückführen. Die Infektionsrate liegt um ein vielfaches höher. Kommt es in den ersten vier Lebenswochen zu Magen-Darm-Erkrankungen, ist eine Immunschwäche die Folge und nach sieben Wochen folgen oftmals Atemwegserkrankungen. Zudem verlieren Kälber in der akuten Durchfallperiode schnell an Gewicht und diese Defizite holen sie im Erwachsenenalter so schnell nicht mehr auf. Auch die Erstbesamung kann sich nach hinten verschieben. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch die Leistung in der ersten Laktation fällt geringer aus. Damit der Schaden möglichst unter Kontrolle bleibt, muss der Halter dem früh entgegenwirken.

Hilft es, Kälber antibiotisch zu behandeln, um sie vor Langzeitschäden zu schützen?

Der Antibiotikaeinsatz sollte spezifisch und nicht systematisch erfolgen. Grundsätzlich gilt: Antibiotika ist nur anzuwenden, wenn der Erreger bekannt ist und muss vom Tierarzt begleitet werden.

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