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EuroTier

Klauengesundheit: Beton oder Gummiboden im Stall?

am Donnerstag, 17.11.2022 - 05:00 (2 Kommentare)

Beim Für und Wider von verschiedenen Laufflächen im Rinderstall drehen sich die Fragen häufig um die Sauberkeit und Rutschsicherheit auf den Flächen. Doch für gesunde Klauen gibt es eigentlich nur einen richtigen Boden, meint Christoph Mülling, Professor für Anatomie an der Universität Leipzig.

Druckbelastungen

Auf der EuroTier präsentiert Professor Mülling in Kooperation mit der Hochschule Nürtingen einen interaktiven Prüfstand. Das Projekt steht unter dem Titel „Klaue unter Druck“. Hier zeigen Mitarbeiter der Universität/Hochschule, was passiert, wenn eine Rinderklaue mit einem Gewicht von rund 170 kg unterschiedliche Bodenbeläge belastet. Dabei im Vergleich: Betonboden und verschiedene Variationen an Gummibelägen. Wir haben Professor Mülling zu dem Projekt befragt.

Was zeigt der Prüfstand genau?

Christoph Mülling: Alle Bereiche an der Klauenunterseite, die belastet werden, werden farblich dargestellt. Der Farbverlauf macht deutlich, wie viel Druck auf die einzelnen Punkte ausgeübt wird. Wenn man das Ergebnis des Betonbodens betrachtet, dann werden hier nur rund 8 Quadratzentimeter belastet, während es auf dem Gummiboden fast 30 Quadratzentimeter sind. Und auf diese Fläche verteilt sich die Druckbelastung. Das heißt, wir können hier sehen, wie sich die belastete Fläche und die Druckspitzen je nach Bodenart verändern. Allerdings können wir nicht genau sagen, ab welchem Gewicht die Klaue kaputtgeht. Aber wir können sicher sagen, dass bei hohen punktuellen Druckbelastungen,wie wir sie beim Betonboden beobachten, das Risiko von Klauenerkrankungen massiv ansteigt.

Wir wissen und es ist mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen, dass der wesentliche Faktor für nichtinfektiöse Klauenerkrankungen nun mal die Druckbelastungen sind, sie zu Erkrankungen wie dem Rusterholzschen Sohlengeschwür oder Defekten an der Weißen Linie führen. Das können wir durch Gummiböden und Klauenpflege reduzieren.

Gummimatten entlasten um das 2,5 bis 3-fache im Vergleich zum Betonboden

Gibt es Unterschiede in der Qualität bei den Gummiböden?

Christoph Mülling: Wenn es die echten dicken Böden aus elastischem Gummi sind und nicht Kunststoffböden mit Weichmachern, die nach zwei Jahren wieder hart werden, sorgen alle Gummiböden für die bessere Lastverteilung. Da gibt es nur graduelle Unterschiede. Wichtig ist: Hauptsache Gummi! Was man auch sehen kann, ist, dass der Ballen und der Tragrand belastet werden und genau das ist auch das Ziel. Aber entscheidend ist der Unterschied zwischen der Auflagefläche von 32 Quadratzentimetern im Vergleich zu neun Quadratzentimetern beim Betonboden. Das ist mehr als dreifache! Das heißt das Gewicht von 170 kg, das jede Klaue trägt wird dementsprechend auf 32 oder 9 Quadratzentimetern verteilt. Das heißt auch, Gummimatten entlasten die Klaue gegenüber dem Betonboden um das 2,5- bis 3-fache.

Spiegelt das Modell die Verhältnisse in der Praxis wieder?

Christoph Mülling: Nein, das tut es nicht. Wir messen mit der Technik nur die vertikalen senkrechten Druckbelastungen. Wenn eine Kuh läuft, dann rutscht sie seitwärts und sie bremst, da gibt es Verzögerungen, sie dreht sich, wenn sie 90- Grad-Biegungen macht. Das heißt, hier wirken auch horizontale Scherkräfte, zwischen dem Klauenbein und Hornschuh. Und diese horizontalen Kräfte bergen noch ein viel größeres Risiko für die Klauengesundheit. Aber die können wir nicht messen. Aber wir können sagen, dass die hohen Druckbelastungen, das Risiko der Tiere zusätzlich erhöht.

Management entscheidet darüber, wie trocken die Klauen sind

Prof. Christoph Mülling

Aber das heißt, der Grip, den die Tiere auf der Fläche haben, ist entscheidend?

Christoph Mülling: Ja, das ist wahrscheinlich so. Die Kuh sollte auf den Oberflächen nicht rutschen, aber das gewährleisten die modernen Gummioberflächen auch, hier sinken die Tiere 6 bis 8 Millimeter ein und dadurch wird dem Rutschen entgegengewirkt.

Wir haben verschiedene Gummiböden untersucht und die dicken elastischen Unterlagen sind grundsätzlich vorteilhaft. Werden die Flächen allerdings schlecht gemanagt und sie sind dreckig und es kommt zu Hygienemängeln, weil die Entmistung nicht optimal angepasst ist, dann bekommt man mehr infektiöse Klauenerkrankungen. Das hat die Gummimatten in einigen Studien auch in Verruf gebracht. Da hieß es dann, die elastischen Unterlagen brächten zwar eine Halbierung der Sohlengeschwüre, aber dafür stiegen die Erkrankungen mit der Mortellaroschen Krankheit an. Aber das stimmt nicht. Hier ist das Problem, dass die Entmistungstechnik nicht an die Matten angepasst ist. Daher ist es wichtig, dass die Böden trocken sind, oder zumindest die Möglichkeit besteht, wenn die Klauen nass sind, dass sie immer wieder abtrocknen können. Welche Matte man dann nimmt, hängt von den betrieblichen Gegebenheiten ab. Letztlich muss der Boden zum Stallsystem und der Produktions- und Entlüftungstechnik passen.

Prüfstand und Projekt sind noch bis Freitag auf der Eurotier zu sehen und zwar in Halle 26 am Stand D27.

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