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Milchmarkt

Kommentar: 'Macht- und Muskelspiele' beherrschen den Milchmarkt

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
25.10.2016

Edeka schreibt einen Entschuldigungsbrief an seine Kunden. Ein höherer Erzeugerpreis würde mehr bewirken, findet LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Am Milchmarkt geschehen zurzeit recht wunderliche Dinge: Während die Europäische Union ein millionenschweres Programm auflegt, um die Milchmenge zu reduzieren, zahlt Theo Müllers Sachsenmilch ihren Erzeugern drei Cent* Zuschlag, wenn sie mehr Rohstoff als bisher anliefern. Und Edeka entschuldigt sich bei seinen Kunden, weil fetthaltige Milchprodukte wie Butter und Käse knapper als gewöhnlich werden.

Für beides - Müllers Lockangebot und Edekas Kundenbrief – gibt es einen einfachen Grund: EU-weit fahren die Milcherzeuger seit Monaten die Produktion zurück, viele stiegen völlig aus. Es war nur eine Frage der Zeit, wann Milch wieder knapp sein wird.

Lieferengpässe bei DMK

Jetzt scheint es soweit zu sein. Nicht nur Branchenriese DMK muss Lieferengpässe einräumen. Weil nicht nur die Menge zurückging, sondern auch sparsamere Fütterung nun Bremsspuren bei den Inhaltsstoffen hinterlässt, geht den Verarbeitern der Rahm aus. Bis zu 25 Prozent der durchschnittlichen Wochenmenge sollen fehlen.

Geradezu paradox ist, dass gerade jetzt das EU-Reduktionsprogramm zu greifen beginnt. Alle, die davor gewarnt haben, dass sich die Politik in die Mengenregulierung einmischt, dürften sich jetzt bestätigt sehen.

Erzeugerpreise steigen fast homöopathisch

Auf der anderen Seite überrascht das Ausmaß der Milchlücke schon ein wenig. An den Erzeugerpreisen kann man es nämlich noch längst nicht ablesen. Sie steigen zwar seit kurzem, aber nur sehr langsam in fast schon homöopathischen Dosen.

Wenn es jedoch tatsächlich so ist, dass Nachfrage und Angebot den Preis regeln, dann müsste doch Edeka & Co. derzeit das unbändige Bedürfnis quälen, mit den Molkereien endlich in neue Preisverhandlungen zu treten. Vermittelt über die Verarbeiter würden die Einzelhandelskonzerne den Milcherzeugern dann ein Preisangebot machen, das sie unmöglich ablehnen könnten.

Schuld auf Lieferanten abgewälzt

Edeka indes scheint dieses Bedürfnis nicht zu verspüren. Stattdessen versucht man seine Kundschaft zu vertrösten. Die Schuld wird in dem Kundenbrief auf die Lieferanten abgewälzt. Das sieht nach Zeitspiel aus: Irgendwann wird wieder mehr Milch da sein, und der Handel kann wie immer den Rahm abschöpfen, ohne exklusive Aufschläge zahlen zu müssen.

Wie es aussieht, wird es noch lange dauern, bis auf dem Milchmarkt berechenbare Verhältnisse einziehen. Die Phase der Macht- und Muskelspiele ist noch in vollem Gange. Erzeuger und ihre Molkereien müssen jetzt aufpassen, dabei nicht völlig mattgesetzt zu werden.

*: In der Printausgabe der LAND & Forst 42/16 wurden irrtümlich 4 Cent genannt.

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