Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Kriechstrom im Melkstand

Kriechströme im Melkstand: Wie sie sich auswirken und was man tun kann

Landwirt am Melkstand
am Sonntag, 24.04.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Plötzlich erhöhte Zellzahlen ohne Anzeichen für Euterentzündungen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt die Ursachen und Wirkungen von
Kriechströmen im Melkstand und wie man ihnen Herr wird.

Für Rolf Müller war es ein Alptraum. Die Zellzahl in der Tankmilch ging plötzlich nach oben. In knapp eineinhalb Monaten von 100.000 auf 300.000 somatischen Zellen pro Milliliter. „Das war massiv“, erinnert sich Rolf Müller aus dem schweizerischen Ottoberg. Er prüfte die Milch seiner Kühe mit einem Schalmtest und konnte keine Euterentzündung feststellen. Doch die Kühe gaben die Milch nicht mehr vollständig her. Er stand vor einem Rätsel.
 

Kriechströme festgestellt

Sein Melkmaschinenservice prüfte Spannungsunterschiede im Melkstand. Diese Differenzen sind die Auslöser von sogenannten Kriechströmen, auch Streuströme oder vagabundierende Ströme genannt. Obwohl alle Geräte und die metallische Einrichtung im Melkstand ordentlich geerdet waren, stellte der Installateur Spannungsdifferenzen fest. Daher empfahl er dem Landwirt, das Eidgenössische Starkstrominspektorat (ESTI) zur genaueren Abklärung heranzuziehen.

Der Inspektor des ESTI prüfte Spannungen an den Punkten im Melkstand, an denen die Tiere mit Einrichtungen in Berührung kamen, und zwar vor dem Melken und während des Melkens. Das Ergebnis: An den Rohren des Melkstands waren Stromflüsse von bis zu 70 mA (Milliampere) festzustellen. Bereits kleinere Ströme von nur 1 mA reichen aus, um Berührungsspannungen von 1 V auszulösen. Und die wiederum können Kühe wahrnehmen.

Separat erden oder isolieren

Was war der Grund für das plötzliche Auftreten von Kriechströmen? Im Betrieb wurde das Erdungssystem geändert. Der Landwirt hatte ein Notstromaggregat anschließen lassen, das sowohl das Wohnhaus als auch den Stall mit Strom versorgte. Dafür wurde die Stromzufuhr an einem Punkt zusammengefasst. Das hatte zur Folge, dass mehr Strom über den Netzschutzleiter zum zentralen Erdungspunkt, der Güllegrube, floss. Und zwar sowohl vom Wohnhaus als auch vom Stall. Dabei passierte der Strom den Melkstand und sorgte für Kriechstrom.

Melkstand von der restlichen Erdung abgetrennt

Erdungssammelschiene

Damit der Strom künftig nicht mehr durch den Melkstand fließen konnte, musste man die Melkvorrichtung vom restlichen Erdungssystem trennen und zu einem neuen, zentralen Erdungspunkt hin ausrichten. Daran wurde dann die gesamte Rohrkonstruktion angeschlossen. Das ließ sich mithilfe einer isolierten Erdungssammelschiene relativ einfach ausführen, da schon eine separate Stromverteilung sowie Fehlerstromschutzschalter (FI) von 30 mA vorhanden waren. „Es mussten nur ein paar Drähte umgehängt werden“, erklärt Landwirt Müller.

Schnelle Besserung

Nach der Maßnahme fiel innerhalb von zwei Wochen die Tank-Zellzahlen wieder auf 140.000 Zellen/ml. Eine Erstkalbskuh, die bis dahin die Milch nur mithilfe einer Oxytocinspritze abgab, machte zwei Tage nach dem Umstellen der Erdung keine Probleme mehr beim Melken. Das Tier war besonders anfällig für den Kriechstrom, der in geringerer Stärke wohl schon vor dem Zusammenlegen von Wohnhaus und Stall vorhanden war. „Kühe reagieren sehr empfindlich auf Kriechströme“, weiß Müller.

Schon im Jahr 2003, drei Jahre nach dem Bau von Laufstall und Melkstand, hatte sein Melkmaschinentechniker Kriechstrom im Melkstand festgestellt. Damals waren korrodierte Metallteile im Melkstand die Ursache. Es entstanden galvanische Elemente, bei denen chemische in elektrische Energie umgesetzt wird. Die Abhilfe war einfach: Es genügte, das Gestänge des 2-x-6-Side-by-Side-Melkstands besser zu erden.

Schon beim Planen auf die Erdung achten

Um Spannungsdifferenzen und damit Kriechströme zu vermeiden, sollte man schon beim Planen einen Experten hinzuziehen, empfiehlt der Landwirt. Denn es sei einfacher, Spannungsdifferenzen bei der Planung vorzubeugen, als im Nachhinein die Erdungsleiter trennen und neu führen zu müssen. So könnten Fachleute in der Nähe befindliche elektrische Installationen, wie zum Beispiel Trafostationen, Photovoltaikanlagen oder Stromleitungen berücksichtigen, um mögliche Spannungsunterschiede zu vermeiden. Außerdem spart man sich die Kosten für Nacharbeiten.

Wichtig sei immer, dass es einen zentralen Erdungspunkt gebe. Bei bestehenden Ställen gehen Stromflüsse nicht immer zum zentralen Erdungspunkt, da häufig alles miteinander verbunden ist und sich hierdurch Leiterschlaufen bilden. Sie führen zu Kriechströmen an stromleitenden Einrichtungen. Will oder muss man die Erdung ändern, sollte man das von einem Elektrofachmann machen lassen. Denn Fehler können lebensgefährlich für Mensch und Tier werden.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Dezember 2022
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
agrarheute Magazin Cover

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...