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Tiergesundheit

Kriechstrom im Tränkewasser: Erkrankungen bei Kühen drohen

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am Montag, 28.11.2022 - 16:22 (Jetzt kommentieren)

Ist die Wasserversorgung in der Trockenstehphase nicht ausreichend, kann es zu ernsthaften Erkrankungen im geburtsnahen Zeitraum kommen. Das zeigt eine Untersuchung in einem Praxisbetrieb.

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Viele Milchkühe haben um den Abkalbetermin zunehmend mit Pansenfermentations- und Stoffwechselstörungen wie Milchfieber oder Hypokalzämie zu tun. Im ersten Schritt werden meist die Rationsgestaltung und die Mineralstoffversorgung optimiert. Lassen sich die Probleme auf diese Weise nicht in den Griff bekommen, suchen die Betriebe häufig Unterstützung bei einer Spezialberatung.

Ein solches Fallbeispiel wurde von einem erfahrenen Futtermittelberater vorgestellt. Im betreffenden Betrieb wären auf den ersten Blick maximale Futteraufnahme, Gesund- heit und Leistung möglich. Der Betrieb inves- tiert viel in den Kuhkomfort. Auch die Mischqualität und die physikalische Beschaffenheit der Ration sind überdurchschnittlich gut und die Fütterungsfrequenz ist hoch.

Erkrankungen im Trockenstand

Im Beispielbetrieb wurde die Wasserversorgung der Tiere untersucht.

Trotzdem beschrieb der Betriebsleiter eine geringe Futteraufnahme bei den Trockenstehern, ein erhöhtes Auftreten von Festliegen und vermehrt leistungsschwache Kühe in der Frühlaktation sowie einen Verdacht auf eine subklinische Pansenazidose. Verschiedene Rationsanpassungen brachten keinen Erfolg. Auffällig waren zudem die hohen Creatinkinasewerte, ein Enzym, das an der Energiebereitstellung für die Muskelaktivität beteiligt ist.

Die Tierbeobachtung zeigte festen Scheibenkot im Trockensteherabteil und ein auffälliges Trinkverhalten: wartende Kühe vor der Tränke. Wenige Tiere tranken „schlückchenweise“. Wenige Tiere urinierten. Der abgesetzte Urin war bräunlich gefärbt.

Pansen als Wasserreservoir

Die Erfahrung zeigt: Eine geringe Wasserversorgung ist insbesondere bei den Trockenstehern problematisch und häufig ursächlich für verschiedene Probleme.

In der Milchviehhaltung werden Wasseraufnahme und -qualität bis heute zum Teil sträflich vernachlässigt. Dabei hat das Wasser einen großen Einfluss auf homöostatische Prozesse, also das Gleichgewicht von beispielsweise Calcium und Blutzucker (Ketose), die Thermoregulation und die Fermentationsbedingungen im Pansen.

Der Pansen beinhaltet rund 50 Prozent des im Körper befindlichen Wassers und kann daher als eine Art Wasserreservoir bezeichnet werden. Die Kuh ist also in der Lage, einen gewissen Wassermangel zu kompensieren, bekommt jedoch Probleme mit dem Wasserhaushalt, wenn dieser Zustand länger anhält.

Um im Betrieb aus dem Fallbeispiel Licht ins Dunkle zu bringen, wurden ausgewählte Tiere zum Trockenstellen mit einem Pansenbolus ausgestattet. Dieser misst den pH-Wert, die Wiederkauaktivität und die Pansentemperatur. Über die Pansentemperatur kann indirekt die Wasseraufnahme kalkuliert werden, da bei jedem Trinken die Temperatur im Pansen abfällt.

Puffernder Speichel

Bekannt ist, dass der Pansen im abkalbenahen Zeitraum Umstellungen unterliegt, beispielsweise bedingt durch Rationsumstellung oder das Umstallen in den Trockensteherstall. Dies belastet wiederum die Pansenmikroben. Der in den großen Mundspeicheldrüsen gebildete Speichel hat eine hohe Pufferkapazität und ist in der Lage, beispielsweise Milchsäure zu neutralisieren, die während ungünstiger Fermentationsbedingungen im Pansen im Übermaß gebildet werden kann.

Laktierende Kühe produzieren im Mittel 250 l Speichel pro Tag, wobei ältere Kühe mehr Speichel produzieren. In Kombination mit entsprechenden Futterzusatzstoffen kann der pH-Wert im Pansen auf natürliche Weise stabilisiert und die Fermentation optimal unterstützt werden. Verschiedenen Studien zeigten, dass eine restriktive Wasserversorgung bei Kühen zu einem Rückgang der Speichelproduktion um bis zu 88 Prozent führt, doch nicht nur die Menge, sondern auch die Osmolarität des Speichels werden bei Wassermangel reduziert.

Der negative Zusammenhang zwischen Trockenmassen(TM)- und Wasseraufnahme ist vielen unklar. So nannte das US-amerikanische National Reasearch Council 2001 eine Formel aus Grundbedarf, TM-Aufnahme, TM-Gehalt der Ration und Außentemperatur. Daraus ermitteln die Wissenschaftler einen Bedarf von 45 l Wasser für Trockensteher bei einer Temperatur von 10 °C. Bei einer Außentemperatur von 26 °C steigt der Bedarf auf 60 l an.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2016 mit insgesamt 27 Studien bei Milch- und Mastvieh zeigte einen Rückgang der TM-Aufnahme von durchschnittlich 16 Prozent bei einer limitierten Wasserversorgung. Das entspricht bei einer trockenstehenden Kuh einer verminderten TM-Aufnahme von rund 2 kg.

Das Problem einer unzureichenden Futteraufnahme im abkalbenahen Zeitraum zeigt sich beispielsweise in einer Ketose oder Labmagenverlagerung und wurde sowohl in der Literatur hinreichend beschrieben als auch in der Praxis beobachtet. Auch im Hinblick auf einen stabilen Stoffwechsel ist eine hohe TM-Aufnahme über 13 kg bei Trockenstehern erforderlich, um spätere Probleme in der Frühlaktation zu vermeiden und den Übergang gut zu gestalten.

Geringe Pansenfüllung auffällig

Im Fallbeispiel fiel auf, dass theoretisch hohe TM-Aufnahmen möglich wären. Trotzdem zeigten die Kühe eine schlechte Pansenfüllung und eine reduzierte Futteraufnahme.

Besonders auffällig war im Fallbeispiel auch die mithilfe der Temperatur im Pansen dargestellte Wasseraufnahme. Hier wird die mit rund 15 bis 20 l sehr schlechte Wasseraufnahme der Kuh deutlich. Andere Tiere zeigten bereits zwei bis drei Wochen vor der Geburt eine Untertemperatur. Dies ist ein indirektes Anzeichen für eine Stoffwechselschieflage in Form einer Ketose in der Trockenstehphase.

In einer Studie aus dem Jahr 2022 wird ein Rind, das festliegt, beschrieben. Auffällig waren dunkler Urin und ein hoher Creatinkinasewert. Beides normalisierte sich innerhalb von 24 Stunden nach einer intensiven Wasserversorgung wieder. Zudem beschreiben die Autoren eine Schädigung des Muskelgewebes, vor allem an der Hinterhand. Ein ähnliches Bild zeigte sich auch auf dem Betrieb aus dem Fallbeispiel.

Wasserversorgung unzureichend

Umfangreiche Literaturstudien, Pansenmessergebnisse und Tierbeobachtungen ließen im Betrieb aus dem Fallbeispiel die Schlussfolgerung zu, dass etwas an der Wasserversorgung und der Wasseraufnahme getan werden musste. Chemische und physikalische Expertenprüfungen der Wasserbeschaffenheit bleiben jedoch unauffällig.

Eine folgende Untersuchung konnte ein Problem mit Kriechstrom aufdecken, der die Tiere an der Wasseraufnahme hinderte. Die Wasserbereitstellung wurde daraufhin vollständig saniert und hygienisiert. 

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