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Baltikum

Landwirtschaft im Baltikum: Größe allein, macht´s nicht

Milchproduktion Litauen
am Montag, 08.06.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Die baltischen Staaten haben einen erstaunlichen Strukturwandel erfahren. Die meisten kleinen Milchviehbetriebe haben aufgehört. Dafür sind bei den Großbetrieben außerlandwirtschaftliche Investoren eingestiegen. Wie erfolgreich sie sind, zeigen Beispiele aus Estland und Litauen.

Estland, Lettland und Litauen, sind von der Fläche zusammen etwa halb so groß wie Deutschland. Alle baltischen Staaten haben nach der Wende eine rasante Entwicklung erfahren – insbesondere in der Landwirtschaft. Estland, Lettland und Litauen sind seit 2004 in der EU. Die Förderung der EU lief ab 2015 an und beschränkt sich meist auf Maschineninvestitionen. Hier gibt es bis zu 40 Prozent Zuschüsse. Die EU-Flächenprämien in den Ländern liegen bei rund 150 Euro/ha.

Wie im gesamten ehemaligen Ostblock ging es mit der Landwirtschaft auch hier zunächst deutlich bergab. Viele Flächen wurden nicht mehr bewirtschaftet oder nur durch viele kleine Betriebe, meist zur Selbstversorgung.  Besonders die Zahl der gehaltenen Rinder und Kühe ging rapide zurück.

Russlandembargo traf hart

Die Branche leidet seit 2014 unter dem Russlandembargo, mit Tiefpreisen von teilweise unter 20 Cent/kg Milch. So gesehen ist es ein Wunder, dass im Baltikum überhaupt noch Milch produziert wird. Alternativen für einen Molkereiwechsel gibt es für Milchviehhalter kaum. Die Transportentfernungen betragen häufig 100 km und mehr. Allerdings sind die Molkereiverträge von kurzer Dauer, sodass beide Seiten kurzfristig wechseln könnten.
Da es kaum genossenschaftlich organisierte Molkereien gibt, haben sich viele Landwirte in Erzeugergemeinschaften zusammengeschlossen und liefern entsprechend große Mengen mit entsprechendem Preisbonus von einem zusätzlichen Cent. Es jammert aber niemand über schlechte Milchpreise. Vielmehr ist man stolz, die Wende überlebt zu haben.

Beispiel Estland

Manager Väästa

Vor allem Estland war in der ehemaligen Sowjetunion mit einer Gesamterzeugung von 1,3 Mio. t im Jahr ein wichtiger Milcherzeuger. Heute produziert das Land noch rund 880.000 t Milch. Gerade dort zeigt sich, wie gewaltig der Umbruch war. Gab es 2004 noch 12.500 Milchviehbetriebe, sind es heute gerademal 1.300 mit insgesamt 85.000 Kühen. Mit einer Durchschnittsleistung von 9.500 l Milch je Kuh und Jahr hat es Estland in Europa an die Leistungsspitze geschafft. Dabei melken rund 160 Betriebe etwa 60 Prozent der gesamten abgelieferten Milch.
Milcherzeugung als Investition
Einer dieser Großbetriebe ist der Betrieb Väätsa etwa 100 km südöstlich von Tallinn. Hier werden 2.250 Kühe gemolken. Der Hof gehört zum Konsortium Trigon Dairy Farming Estonia. Fünf Investoren aus Finnland, Schweden und Estland sind die Eigentümer. Es besitzt insgesamt 3.600 Kühe plus Nachzucht auf drei Milchviehbetrieben. Das Futter wächst auf rund 8.000 ha. Der Firma gehört rund die Hälfte der Fläche.
Nachdem Estland am 1.Januar 2011 den Euro eingeführt hat, wurden in Väätsa im Folgejahr insgesamt 11 Mio. Euro investiert. Das Geld floß in eine neue Milchviehanlage nach amerikanischem Vorbild, bestehend aus einem 80er-Außenmelkerkarussell und zwei sechsreihigen Boxenlaufställen, je 250 m lang, mit jeweils 1.100 Plätzen und passendem Gülle- und Futterlager. Drei Separatoren pressen und kompostieren die Gülle auf 32 Prozent Trockensubstanz. Der Kompost wird in den Liegeboxen eingestreut. Das spart Kosten, die Kühe sehen sauber aus und die Zellzahlen liegen nicht über 100.000 Zellen/ml Milch.
90 Mitarbeiter arbeiten in Väätsa, davon allein 55 in der Milchproduktion. Der durchschnittliche Monatslohn beträgt 1.400 € netto. Hier, wie im gesamten Baltikum, ist es schwierig, die passenden Mitarbeiter zu bekommen. Häufig setzt man Menschen aus der Ukraine ein, aber sie dürfen höchstens neun Monate in Estland arbeiten und müssen dann für drei Monate wieder in ihr Heimatland zurückkehren.
Der Betriebsleiter Lenno Link hält Größe und Leistung für die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Damit will er vor allem die Kosten  um bis zu 5 Cent/l  senken. Doch obwohl die Produktion rund läuft, verdient der Betrieb erst ab einem Milchpreis von 30 Cent/l. Dennoch will das Management weiter investieren und einen zusätzlichen 1000er-Kuhstall bauen. Das Geld soll dabei nicht von der Bank, sondern von weiteren Investoren kommen. Die Zeit ist günstig, denn außerlandwirtschaftliche interessierte Geldgeber gibt es reichlich.

Litauen: Mitarbeiter als Anteilseigner

Betriebsleiter Padovino

In der litauischen Firma Padovinio ZUB in Padovinys gibt es zwar drei Hauptgesellschafter, aber viele Mitarbeiter besitzen ebenfalls Anteile am Unternehmen. Es umfasst 2.700 ha, 1.200 Milchkühe (durchschnittliche Jahresmilchleistung von 12.000 kg Milch), 2.700 Rinder zur Nachzucht und 110 Mitarbeiter. Der Betrieb liegt 30 km von der polnischen Grenze entfernt und war schon in sozialistischen Zeiten eine der führenden Kolchosen im Land.
Der Neuanfang begann 1984: Viele Mitglieder der alten Kolchose verkauften ihre Anteile. Es blieben etwa 110 Mitglieder, die sich damit gleichzeitig alle einen Arbeitsplatz sicherten. Die Geschäftsanteile der ausscheidenden Mitglieder wurden im Wesentlichen von den jetzigen Haupteigentümern und Führungskräften der Genossenschaft gekauft. Als Anteilseigner sind aber auch die Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens interessiert. Dabei betont der Chef Algis Bulevicius, 60 Jahre, sei es als Führungskraft wichtig voranzumarschieren, aber dabei nicht zu vergessen, die Leute mitzunehmen.

Auf den ersten Blick sind 110 Mitarbeiter für 2.700 ha und rund 4.000 Rinder reichlich bemessen. Doch die Angestellten kümmern sich nicht nur um die landwirtschaftlichen Arbeiten, sondern leisten auch alle Bau-und Reparaturarbeiten auf dem Betrieb. Zuletzt bauten sie eine Halle für die Kälberaufzucht. Dafür kaufte man ein Ständerdach, die restlichen Arbeiten übernahmen die Mitarbeiter.
Auf den Neubau eines großen 1.000er- Kuhstalls hat die Genossenschaft zehn Jahre lang hingearbeitet. Der Druck am Anfang war groß, das erwirtschaftete Geld an die Gesellschafter auszuzahlen und es war eine  unternehmerische Kunst, zehn Jahre lang Rücklagen zu bilden. So konnten die Stall-
investitionen in Höhe von 4,5 Mio. Euro (rund 3.700 Euro je Stallplatz) ohne Bankkredit und ohne EU- Fördergelder getätigt werden. Den Neubau stellten sie während der Milchkrise 2014 in mehreren Schritten fertig. Bei Inbetriebnahme der Anlage waren die Milchpreise zum Glück schon wieder angezogen.

Bei niedrigen Kosten Gewinne möglich

Im Moment erhält der Betrieb 27 Cent (plus 21 Prozent Mehrwertssteuer) je Liter Milch. Damit verdient er noch kein Geld. Und das, obwohl der Milchpreis mit Zuschlägen für die Milchqualität sogar rund 2 Cent höher liegt als im Landesdurchschnitt. Da in den letzten Jahren aber Geld verdient werden konnte, wirft der niedrige Preis den Betrieb nicht aus der Bahn. Dabei profitierte das Unternehmen von der Nähe zu Polen. Hier konnte in den schlechten Jahren viel Milch beim Nachbarn abgesetzt werden. Mittlerweile erzeugen die Polen aber ausreichend eigene Milch.

Vorteile für Mitarbeiter

Die Kühe werden im ersten Drittel der Laktation dreimal täglich gemolken, die restliche Zeit zweimal am Tag. Eine Arbeitsschicht besteht aus drei Melkern und einem Treiber oder Springer. Die Mitarbeiter kommen alle aus der Umgebung. Um sie zu halten, bietet der Betrieb einen Transportservice zur Arbeit, stellt die Arbeitskleidung und jungen Mitarbeitern eine eigene Wohnung zu einer symbolischen Miete. Der monatliche Lohn liegt bei etwa 1.000 Euro netto.

Jungviehaufzucht in Altställen

Während für die Milchkühe neu gebaut wurde, ist das Jungvieh in den alten Ställen untergebracht. Dafür hat man die Außenwände herausgebrochen und Folien angebracht. Die Laufflächen wurden in mehrere große Boxen mit Stroheinstreu unterteilt. In einem weiteren Stall stehen die abkalbenden Kühe mit eigener Melktechnik. Die jüngsten Kälber befinden sich in Einzelboxen, die in einer großen freitragenden Halle stehen. Dort bleiben sie die ersten zwei Wochen und erhalten Vollmilch. Danach werden sie zwei Monate in Gruppen mit Milchaustauscher aufgezogen und nach drei Monaten umgestallt. Der Aufwand lohnt sich: Die Kälberverlustrate beträgt nur 0,5 Prozent!
Das gesamte Grundfutter erzeugt der Betrieb selbst. Die Erträge sind aufgrund der niedrigen Bodenpunkte zwar gering, aber durch eine optimale Konservierung ist die Futterqualität gut.

Auch in Litauen viele Kontrollen

Angesprochen auf Probleme, nennt Chef Bulevicius zuerst die steigenden Umweltauflagen und die dauernden Kontrollen. „Etwa alle 14 Tage gibt es irgendeine neue Kontrolle.“ Dazu komme, dass der Betrieb in der Nähe eines Dorfs liege, wo vor allem die Zugezogenen darauf achteten, dass die Landwirtschaft sie nicht zu sehr belästige. Daher muss man auch hier, im dünnbesiedelten Baltikum, zum Beispiel beim Ausbringen der Gülle sehr vorsichtig sein.

Fazit

Nach einigen schwierigen Jahren des Stillstands, hat die Milchproduktion im Baltikum  spätestens seit dem EU-Beitritt und der Einführung des Euro den Anschluss an die führenden Milcherzeuger in der Welt geschafft. Dafür wurde sehr viel Geld in Land, Gebäude und auch Technik investiert. Aber wo nur das Geld regiert, sieht man häufig deutliche Mängel in der täglichen Arbeitserledigung und auch in den Details.
Das größte Problem in den baltischen Staaten, wie überall ist es, gute Leute zu finden und an den Betrieb zu binden. Es ist mühsam, Mitarbeiter zu überzeugen und mitzunehmen.
Wenn man das Melk- und Futterniveau in den Betrieben betrachtet, kann man sagen, dass die baltischen Staaten auf westlichem Standard liegen. Auch hier gibt es schon Umweltprobleme und Diskussionen mit der Bevölkerung.

Landwirtschaft im Baltikum: Größe allein, macht´s nicht

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