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Milchmarkt

Milcherzeuger appelliert: „Die Krise ist nicht vorüber“

Melken, Melkstand, junger Mann
Norbert Lehmann, agrarmanager
am
10.04.2017

In einem Offenen Brief ruft der Milcherzeuger Benjamin Meise aus Steinhöfel bei Berlin dazu auf, die Lehren aus der Milchmarktkrise zu ziehen und Mehrpreismodelle einzuführen, um die Produktionsmenge zu beeinflussen.

Meise wendet sich in seinem Schreiben an den Deutschen Bauernverband, den Landesbauernverband Brandenburg, Vorstand und Beiräte der DMK Deutsches Milchkontor sowie an Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger. Lesen Sie den Offenen Brief hier im Wortlaut:

"Sehr geehrte Herren,

mit großem Erstaunen verfolge ich die derzeitigen Entwicklungen rund um den Milchmarkt. Zunächst einmal muss ich feststellen, dass die Milchpreise noch immer kein kostendeckendes Niveau erreicht haben, während viele die Krise bereits für beendet erklärt haben. Die Müße, darüber zu debattieren, ab welchen Milchpreis man von einer Krise sprechen kann, erspar’ ich mir. Fakt ist aber, dass für mich als Unternehmer jeder defizitäre Betriebszweig kritisch ist.

Deshalb möchte ich derzeit auch nur ein Zwischenfazit für Brandenburg ziehen: Innerhalb der letzten zwei Jahre hat jeder fünfte Milchviehbetrieb aufgegeben - gute wie schlechte, große wie kleine. Insofern finde ich es vermessen, wenn hier oft noch von einem 'beschleunigten Strukturwandel' gesprochen wird. Wenn überhaupt, haben wir einen massiven 'Strukturbruch' zu beklagen, der allein die Brandenburger Milchbauern bisher rund 250 Mio. € gekostet hat! Aus meiner Sicht ein absolutes Armutszeugnis aller involvierten Akteure.

"Mengenreduzierung kam viel zu spät"

Milcherzeuger Benjamin Meise, Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchhol

Auch wundern mich die Feststellungen der Politik. Bei Aussagen, dass die bestehenden Kriseninstrumente ausreichen würden und auch die Programme zur Mengenreduzierung den Markt gedreht hätten, erscheint mir die Brille allzu rosarot. So greift eine öffentlich geförderte Einlagerung nicht das Übel der Überproduktion bei der Wurzel, sondern verschiebt die Auswirkung nur in die Zukunft. Die Anreizprogramme zur Mengenreduzierung waren von der Idee her gut, nur leider viel zu spät in der Umsetzung.

Einziger Lichtblick dieser Tage ist für mich zu sehen, wie groß die bitter nötig gewordene Bereitschaft zu Veränderungen in der Branche geworden ist. Zwar glaube ich, dass die Forderungen des Bundeskartellamts wichtig und richtig sind, uns Milchbauern diese aber selbst bei 100-prozentiger Umsetzung nicht vor den nächsten Preistälern schützen. Vielmehr sehe ich beim Thema Vertragsgestaltung eher eine teilweise Verschiebung des Preisrisikos von den Landwirten auf die Molkereien. Bei Genossenschaftsbauern ist das aber implizit nur eine Risikoverlagerung von linker zu rechter Hosentasche.

"Es wird wieder für Märkte produziert, die es nicht gibt"

Das kartellamtliche Schlachten heiliger Molkereikühe lenkt aber allzu sehr von der aktuellen Marktentwicklung ab. Die europäische Milchproduktion erklimmt wieder alte Höhen und produziert damit Mengen, die von den Molkereien zum Teil 'verpulvert' werden müssen. Polen hat jüngst wieder damit begonnen, Magermilchpulver in die Intervention einzulagern, einen Ort, an dem bereits ein gigantischer 375.000 t Magermilchpulverberg (= ca. 150 Prozent der US-amerikanischen Jahresproduktion!) liegt.

Es wird also wieder für Märkte produziert, die es nicht gibt. Der Markt quittiert das mit ähnlich niedrigen Magermilchpulverpreisen, wie im historischen Tiefstand des Frühjahres 2016. Damit haben wir zumindest ganz sicher eine Magermilchpulverkrise, die es den Molkereien unmöglich macht, dringend benötigte gewinnbringende Milchpreise an die Milchbauern auszuschütten.

"Branchenorganistion ist eine Totgeburt"

Für die eigentlich allzu offensichtliche Ursache einer steten Überproduktion an Rohmilch interessiert sich aber scheinbar niemand. Lieber versucht man sich an einer Branchenorganisation, die eigentlich schon seit einem Jahr zumindest eine Schwer-, vermutlich aber eher eine Totgeburt ist. Ich will den kleinen Zwilling 'Interessengemeinschaft Milch' nicht gleich schlecht reden und ihm zumindest eine Chance geben, sehe aber auch hier wenig Bewegung.

Letztlich bleibt mir nur, Euch alle erneut darum zu bitten, jegliche zu diskutierenden Maßnahmen danach zu bewerten, inwieweit diese Maßnahmen im Bedarfsfall - wie zurzeit - dazu beitragen, die Produktionsmenge der Rohmilch zu drosseln. Gern bringe ich auch an dieser Stelle nochmals Mehrpreismodelle ins Gespräch, die mir hierfür als durchaus probates Mittel erscheinen.

Mit freundlichen Grüßen

Benjamin Meise, Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz, 15518 Steinhöfel"

Einen ausführlichen Bericht über ein dreifach gestaffeltes Preismodell veröffentlichte der Milcherzeuger Benjamin Meise im Juni 2016 im agrarmanager. Den vollständigen Artikel können Sie hier herunterladen:

So funktioniert ein dreifach gestaffeltes Milchpreismodell

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