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Reportage

Ein Milchviehbetrieb in Bayern: 10.500 kg Milch und 80 gemerzte Kühe

Irina Prem im Stall
am Mittwoch, 27.11.2019 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Irina Prem ist Fleckviehzüchterin mit Passion. Innerhalb von drei Jahren hat sie die Milchleistung ihrer Herde von 8.000 auf 10.500 kg gesteigert – und das als Quereinsteigerin.

Hufflepuff will mehr. Genüsslich drückt sie ihren Rücken gegen die Kuhbürste. „Typisch“, sagt Irina Prem, während sie ihrer Kuh bei der Massage zuschaut. Die Landwirtin steht im Laufgang – mit Kappe, blauem Hoody und Gummistiefeln – und säubert Liegeboxen.

Ein Auge hat sie dabei immer auf ihre Kühe gerichtet – egal bei welcher Arbeit. „Ich weiß immer, wie es meinen Tieren gerade geht“, sagt sie. Bei 115 Milchkühen ist das keine Leichtigkeit. Zusammen mit ihrem Partner Gerhard Primbs leitet sie einen Milchviehbetrieb in Schwarzach.

Betriebsspiegel
Landwirtschaftliche  Nutzfläche (ha) 116, davon 65 Grünland und 51 Ackerland
Anzahl Milchkühe (Stück) 115
Jährliche Milchleistung (kg/Kuh) 10.500
Lebensleistung  (kg Milch/Tier) 18.870
Zellzahlen (Zellen/ml) 50.000
Remontierungsrate (%) 35
Nutzungsdauer 717 Futtertage (4,3 Jahre)
Melkungen pro Tag 2,6

Problem: Hohe Zellzahlen und Aborte

Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei 10.500 kg – und das bei Fleckvieh. Zum Vergleich: In Bayern liegt die durchschnittliche Fleckviehleistung (MLP) mit 8.000 kg rund 3.000 kg darunter. In den Schoß gefallen ist Irina Prem und ihrem Lebensgefährten die hohe Herdenleistung aber nicht.

„Das war schon ein hartes Stück Arbeit“, sagt Irina Prem. Die Ausgangslage war 2015, als sie den Betrieb von ihren Schwiegereltern übernahm, gar nicht gut. Damals hatten die Kühe durchschnittliche Zellzahlgehalte von 280.000 Zellen/ml – inklusive Staphylococcus aureus.

„Der ist ein echtes Arschloch“, sagt die Milchviehhalterin. Das Problem: Der Erreger ist ansteckend und nicht einfach zu therapieren. Hinzu kam, dass 70 Prozent der Kühe mit Neospora caninum-Parasiten verseucht waren. „Deshalb hatten wir auch viele Aborte“, sagt sie. Was also tun?

Herdensanierung: 80 Kühe gemerzt

Irina-Prem-Hof

Von April 2015 bis Mitte 2016 hat Irina Prem 80 Kühe zum Schlachter gebracht. „Das war schon schlimm“, sagt sie. „Mein Schwiegervater hat ein Jahr nicht mehr mit mir gesprochen.“ Auch in den Folgejahren mussten noch ein paar Kühe weg, da sie mit S. aureus infiziert waren.

Gleichzeitig hat die Landwirtin 70 Kühe nachgekauft. „Die Herdensanierung hat uns 200.000 Euro gekostet.“ Doch die gebürtige Ostfriesin ließ sich nicht unterkriegen, und das, obwohl sie eigentlich nicht vom Hof kommt, sondern gelernte Energieelektronikerin ist.

Ihr landwirtschaftliches Wissen eignete sie sich selbst an. „Das Internet, Tierärzte und Bücher haben mir alles beigebracht." So weiß sie auch, dass man den Grundstein für eine gute Milchleistung beim Kalb legt. „Alle Fehler, die du im ersten Jahr der Aufzucht machst, gehen auf die Milchleistung, und alle Fehler im zweiten Jahr gehen auf die Lebensleistung.“

Kalb: „Grundstein für eine gute Milchleistung“

Deshalb hat sie auch die Fütterung der Kälber verändert. Ab 2015 fütterte Irina Prem ihren Kälbern neben pasteurisierter Biestmilch nur noch Milchaustauscher. „Ich hatte Angst, dass die Milch noch Staphylococcus aureus enthält“, sagt sie. Erst als sich die Zellzahlgehalte stabilisierten, stand die Option Milch wieder zur Debatte. „Aktuell bekommen unsere Kälber wieder Vollmilch.“

Damit die Kälber genügend Immunglobuline aufnehmen, werden sie nach der Geburt mit Biestmilch gedrencht. „Ich habe einen ganz weichen Gummischlauch; den merken die Tiere gar nicht.“ Rund 30 Kälber behält sie zur Nachzucht. Nach 14 Tagen kommen die Kälber in die Gruppenhaltung. Dort bekommen sie Luzerneheu, Kraftfutter und Melasse.

Grassilage hat höchste Priorität

Irina-Prem-prüft-Grassilage2

Auch die Fütterung der Milchkühe hat die Landwirtin angepasst. Sie weiß, dass sie nur mit bestem Grundfutter die Basis für hohe Milchleistungen erzielt. Die Gras- und Maissilage hat für die Ostfriesin höchste Priorität. „Mit ihrer Qualität steht und fällt die Milchleistung“, sagt Irina Prem.

Die Futterration berechnet ein Berater von Schaumann. „Jedes Mal, wenn wir das Silo frisch aufmachen, zieht er eine Futterprobe.“ Die Teil-TMR besteht aus Grassilage, Maissilage, einer Schrotmischung, Rapsschrot, Futterfett, Natriumbikarbonat, Propylenglykol und Wasser.

„Wir machen eine Kompakt-TMR, das heißt, wir vermischen Wasser und Getreideschrot zu einem Brei und fügen dann alle anderen Komponenten hinzu.“ Der Vorteil: Die Kühe selektieren nicht. Die Kompakt-TMR ist auf 28 kg Milch am Barren aufgemischt und wird mittels Roboter nachgeschoben. „Wir haben dadurch mehr Besuche beim Melkroboter."

Viel Platz im Außenklima-Laufstall

Seit 2014 hat Irina Prem die Melkroboter von DeLaval im Einsatz. Der Vorteil: Mehr Melkungen am Tag sind möglich. „Wir haben Kühe, die gehen sechsmal am Tag zum Roboter“, sagt sie. Je häufiger die Kühe zum Melken gehen, desto mehr Milch geben sie – bis zu 70 l täglich.

Der neue Außenklima-Laufstall trägt zum Tierwohl bei. Dort stehen seit 2014 die Milchkühe. „Unsere Tiere haben mehr Luft, Licht und Platz“, sagt Irina Prem. Ausgelegt ist der Stall für 125 Kühe, drin sind aber nur 100 Tiere. Der Vorteil: „Ich habe weniger Rangstreitigkeiten und Verletzungen.“

Und so weniger Milchverlust. Doch damit nicht genug. In Zukunft will Irina Prem verstärkt auf die Zucht setzen. „Ich will den Betrieb schließlich voranbringen“, sagt sie. Bei 34,75 Cent Milchgeld kein leichtes Unterfangen. Aber die Landwirtin ist zuversichtlich. „Wir schaffen das.“

10.500 kg Milch bei Fleckvieh: So geht's

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