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Erfahrungsbericht

Milchviehbetrieb: Wenn das Veterinäramt mit der Schließung droht

Kuehe am Futtertisch
am Dienstag, 09.11.2021 - 12:00 (1 Kommentar)

Das Veterinäramt kommt unangemeldet auf den Betrieb und droht mit Schließung, doch die Betriebsleiterin geht in die Offensive und wendet das Blatt.

Als die Betriebsleiterin von den Vorgängen erzählt, merkt man, dass vieles von dem, was seit 2019 auf dem Betrieb geschah, nicht spurlos an ihr vorübergegangen ist. Zum Beispiel als im Oktober 2019 die Amtsveterinäre und die Polizei frühmorgens auf dem Betrieb auftauchten. Eine unangemeldete Kontrolle. Nachdem die Amtspersonen den Betrieb verlassen hatten, war das Schlimmste zu erwarten, denn die Behörden drohten mit Tierhaltungsverbot.

Die Begründung: hohe Abgänge und problematische Schlachthof- und Sektionsbefunde. Für die Tierhalterin war dies in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe. Nicht nur, dass sie die Einschätzung für falsch hielt; ein Tierhaltungsverbot wäre für den Betrieb einem wirtschaftlichen Ruin gleichgekommen.

Stallschließung wurde durch gute Beratung verhindert

Prof. Dr. Barbara Benz

Um das Unheil einer Stallschließung abzuwenden, suchte sie Rat bei Prof. Dr. Barbara Benz. Benz vertritt an der Hochschule Nürtingen-Geislingen das Fachgebiet Nutztierhaltung und ist als Beraterin zum Thema Tierwohloptimierung in Baden-Württemberg unterwegs. In dieser Funktion beurteilt die Haltungsexpertin, wie tierwohlgerecht Ställe sind und wo Verbesserungsbedarf besteht.

Dass es einiges zu verbessern gab, sah auch die Beraterin. Dabei fielen im Stall zuerst die verschmutzten Liegeboxen auf. Eine Folge davon waren viele Tiere mit Klauenerkrankungen und einem hohen Anteil an geschwollenen Karpalgelenken.

„Wenn Tiere lahm sind, kommt häufig ein Teufelskreis in Gang“, erklärt Benz. „Durch die Lahmheiten kommt es zu Liegeschäden und das geschwächte Immunsystem wird anfälliger für Krankheiten. Da sich die Tiere weniger bewegen, nehmen sie weniger Futter auf und nehmen ab. Dies verstärkt die Gefahr von Stoffwechselerkrankungen und erhöht den Lahmheitsdruck zusätzlich.“

Für eine genauere Analyse bewertete die Expertin mittels der App Q-Wohl BW alle Stallbereiche nach einem Ampelsystem. Dabei bestätigten sich die ersten Schwachpunkte, wie zu viele verschmutzte und lahme Tiere und auch bei den Gelenksschwellungen stand die Ampel der App auf rot. Darüber hinaus zeigte sich, dass sich die Tiere beim Liegen nicht richtig ausstrecken konnten und teilweise einen zu niedrigen Body Condition Score (BCS) hatten (siehe Grafik „Ergebnisse der App Q-Wohl Baden-Württemberg zu Beginn und heute“).

Schnell umsetzbare Maßnahmen im Rinderstall

Kuehe in Liegeboxen

Im ersten Schritt nahmen Beraterin und Betriebsleiterin die Liegeboxen unter die Lupe. Hier galt es vor allem, die Steuerung der Kühe anzupassen. So war der Nackenriegel zu weit vorne in der Box. Dadurch konnten die Tiere nicht mit allen vier Füßen in der Box stehen. Das wurde ausgeglichen, indem der Riegel etwas nach hinten versetzt und durch eine niedrig positionierte Kette ersetzt wurde. Außerdem entfernte die Tierhalterin das Bugbrett. Dies ermöglichte es den Tieren, ihre Vorderbeine nach vorne auszustrecken. So liegen die Tiere jetzt gerade in der Box und verkoten sie weniger. Ein weiterer Effekt: Wenn Kühe ihr Liegen entsprechend anpassen können, sind sie in der Lage, ihre Karpalgelenke zu entlasten, was die Schwellungen vermindert.

Um die Eutergesundheit zu verbessern, werden die Beläge jetzt zweimal am Tag mit 100 g Strohmehl je Liegefläche eingestreut.

Verbesserte Fressplätze

Erhoehter Fressplatz

Der aufwendigste Teil des Stallumbaus war der Einbau der erhöhten Fressstände. Die vorne 12 cm und hinten 10 cm hohen und 1,50 m langen Fressstände mit Fressplatzteilern erlauben es den Tieren, zum einen ruhig zu fressen und dabei auf einer trockenen Oberfläche zu stehen. Zum anderen kann der Mistschieber häufiger reinigen, was sich positiv auf die Laufganghygiene und die Sauberkeit der Füße auswirkt.

Verbesserte Futterhygiene

Anschieberoboter

Im Zuge der Fressplatzsanierung wurde auch der Futtertisch mit einer neuen Epoxidharzbeschichtung versehen. Das sorgte für eine bessere Futterhygiene und sollte auch die Futteraufnahme verbessern. Zusätzlich investierte der Betrieb in einen Futteranschieberoboter. Er schiebt das Futter alle zwei Stunden automatisch an.

Die nächsten Schritte für mehr Tierwohl

Auch wenn die gesteigerte Milchleistung von 6.000 auf 7.000 kg deutlich macht, dass die Maßnahmen Wirkung zeigen, hat Prof. Benz den Stall mittels Kuhwohlapp erneut bewertet. Dabei sieht man deutlich, dass sich der Betrieb in den Bereichen, in denen es zu Beginn kritisch war, stark verbessert hat. Dass noch nicht alles gut ist, machen die Ergebnisse bei der Eutergesundheit deutlich. Sie sind auf Infektionen mit dem Erreger Staph. aureus zurückzuführen. Eine entsprechende Sanierung inklusive Merzung von Zellzahlmillionärinnen ist im Gange. Auch bei den Verletzungen ist der Wert noch zu hoch.

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