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Bericht aus der Ukraine

Milchviehhalter bei Kiew: „Ich mache mir Sorgen um meine Mitarbeiter!"

Milchviehstall-Ukraine-Kees-Huizinga
am Montag, 14.03.2022 - 09:55 (Jetzt kommentieren)

Kees Huizinga ist Niederländer und bewirtschaftet einen Betrieb in der Ukraine. Er berichtet, wie der Betrieb mit dem Krieg umgeht. Seine Schilderungen geben die Lage in der Ukraine von Anfang März 2022 wieder.

Kees Huizinga im Milchviehstall

Mit diesem Tag hätte der Niederländer Kees Huizinga niemals gerechnet, doch als Putins Armee einen Krieg gegen die Ukraine begann, spürte die ganze Welt das Nachbeben. Kees Huizinga ist Milchviehhalter in der Ukraine. In den letzten 20 Jahren führte er gemeinsam mit seinen beiden Geschäftspartnern den 15.000 ha großen Betrieb TOV Kischenzi im Zentrum der Ukraine. Sie hatten hier ein friedliches Leben.

Der Betrieb befindet sich in der Stadt Kischnzi, 200 km südlich von Kiew. Hier halten die Betriebsleiter 2.000 Holstein-Friesian-Milchkühe und 450 Sauen. Das Land wird hauptsächlich für den Anbau von Exportkulturen wie Weizen, Mais und Sonnenblumen genutzt. Zudem werden auf 350 ha Gemüse mit Tropenbewässerung angebaut.

Kees, der fließend Ukrainisch und Russisch spricht, sagte: „Wir haben damals dort mit 1.000 ha begonnen und sind nach und nach auf eine Größe von 15.000 ha angewachsen. Zum Großteil sind die Flächen gepachtet, da Ausländer in der Ukraine kein Land besitzen dürfen.“

Kriegsausbruch: Niederländer gibt ukrainischer Landwirtschaft im Westen eine Stimme

Als Kees Huizinga vom Ausbruch des Kriegs erfuhr, schickte er seine Frau Emmeke und ihre beiden kleinen Töchter sofort über Rumänien nach Hause in die Niederlande. Eine Woche harrte er auf seinem Betrieb in der Ukraine aus, bis er schließlich seiner Familie in die Niederlande folgte. Im Westen will er seinen Einfluss nutzen und für die ukrainische Landwirtschaft eintreten. Den Betrieb vertraute er den fähigen Händen seiner 400 ukrainischen Mitarbeiter an.

„Als ich Landwirt wurde, wusste ich, dass ich im übertragenen Sinne einen Krieg gegen die traditionellen Feinde der Lebensmittelproduktion wie Schädlingen, Unkraut und Krankheiten führen muss“, sagt Kees Huizinga. „Ich hatte aber niemals erwartet, dass ich mich einmal wortwörtlich in einem Kriegsgebiet mit einem tödlichen Feind befinden würde.“

Kees ist Mitglied im ukrainischen Landwirtschaftsverband, der rund 1.100 Mitglieder hat und insgesamt 3,5 Mio. ha in der Ukraine bewirtschaftet. Der niederländische Landwirt wurde von den Mitgliedern gebeten, in den Westen zu gehen und für sie eine Stimme zu sein, falls die Internetverbindung in der Ukraine ausfällt.

Anbauplanung für das Jahr 2022 muss an den Krieg angepasst werden

Die Arbeit auf den Hof in der Ukraine geht unterdessen weiter. „Die 2.000 Kühe werden immer noch gemolken, doch wir müssen unser Anbauprogramm umfassend überarbeiten“, sagt er. „Kurz bevor ich abreiste, gaben die Kühe 34 l/Tag. Wir melken zweimal täglich in einem 80er Melkkarussell“, sagt er. „Die Kühe erhalten eine Mischung aus Maissilage, Luzerneheu, Sojabohnen, Sonnenblumen, Zuckerrübenschnitzeln und Mineralien, wobei wir die meisten Zutaten selbst anbauen.“ Für den Weltmarkt baut der Betrieb Mais, Weizen, Gerste und Sonnenblumen an, die von den Schwarzmeerhäfen aus exportiert werden. Doch diese Häfen wurden von den Russen geschlossen. Die Ukraine ist der größte Sonnenblumenexporteur der Welt und einen Anteil von über 50 Prozent an der weltweiten Sonnenblumenproduktion.

„Im Moment geht die Arbeit weiter. Doch wir überprüfen unsere Anbauplanung für den Fall, dass sich die Situation ändert. Die Feldarbeit beginnt in wenigen Wochen, sodass wir noch etwas Zeit haben, uns neue Pläne zu machen“, sagt Kees.

Treibstoff und Dünger sind knapp. Sie müssen also mit dem arbeiten, was da ist. „Wir könnten den Zuckerrübenanbau in diesem Jahr einstellen, weil wir nicht wissen, ob die Fabriken in Betrieb sein werden. Unser Betrieb erzeugt 70.000 bis 80.000 t Getreide pro Jahr, aber im Moment sind die Exportmärkte geschlossen“, sagt er.

Landwirte versorgen die ukrainische Armee

In der Region, in der Kees Huizinga seine Produkte anbaut ist es derzeit noch recht ruhig. „Im Moment sind keine Russen in unserem Gebiet. Ich hoffe, dass das so bleibt“, sagt er. Doch einiger seiner ukrainischen Mitarbeiter sind in den Krieg gezogen. „Etwa 25 Mitarbeiter kämpfen derzeit gegen die russische Invasion. Einige andere arbeiten als lokale Sicherheitskräfte, um nach Saboteuren Ausschau zu halten“, beschreibt Kees Huizinga. „Die Mitarbeiter, die in den Kampf gezogen sind, sind telefonisch nicht mehr zu erreichen“, sagt er. „Ich kann nur hoffen, dass sie überleben werden.“

Wie viele andere Höfe und Dörfer bereitet auch der Betrieb von Kees Huizinga Lebensmittel vor uns liefert sie an die ukrainische Armee in Kiew. Der Krieg in der Ukraine wird sich aber auch auf die Lebensmittelpreise in der ganzen Welt auswirken. „Wenn der Krieg jetzt aufhört, können sich die Dinge allerdings nur zum Besseren wenden. Davon bin ich überzeugt“, sagt er. „Man schätzt, dass die Ukraine den Nahrungsmittelbedarf von 600 Mio. Menschen decken kann. Das ist sehr gut für ein Land mit nur 44 Mio. Einwohnern und etwa 35.000 landwirtschaftlichen Betrieben“, beschreibt der Landwirt.

Kees Huizinga: „Putin muss gestoppt werden.“

„Die Lösung dafür liegt auf der Hand“, sagt Kees Huizinga. „Der Krieg muss jetzt aufhören. Putin muss gehen. Alle fragen, was sie tun können. Das Beste, was sie tun können ist, auf die Politiker einzuwirken, damit sie den oberen Mächten sagen, dass Putin gestoppt werden muss.“

„Wir alle müssen jetzt zusammenstehen und dem Grauen jetzt ein Ende setzen. Ich muss so schnell wie möglich wieder auf den Hof zurückkehren. Ich mache mir große Sorgen um meine Mitarbeiter. Sie haben genug Nahrung, aber die äußeren Umstände sind ungewissen“, sagt Kees.

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