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Milchproduktion

Milchviehhaltung: Kühe umtreiben ohne Stress

von , am
10.09.2013

Echem - Manchmal müssen Milchviehhalter ihre Kühe von einen Ort an einen anderen bewegen. Doch wie geht das ohne Stress? Antworten auf diese Fragen gab es beim "Low Stress Stockmanship"-Seminar.

Philipp Wenz geht ein paar Schritte auf eine Kuh zu und stoppt einen Meter vor dem Tier, das sich in Bewegung gesetzt hat. Sofort tritt Wenz wieder zwei Schritte zurück. Die Kuh geht weiter, wie gewünscht, den Gang entlang. "Beim 'Low Stress Stockmanship' arbeiten wir mit sanftem Druck", erzählt der 46-Jährige den 20 Teilnehmern eines Seminars für Milchviehhalter im landwirtschaftlichen Bildungszentrum in Echem.

Durch sanften Druck kommunizieren

Philipp Wenz ist selbstständiger Berater für den stressarmen Umgang mit Weide- und Stalltieren. "Gehen wir auf das Tier zu, üben wir Druck aus. Diesem Druck weicht es aus, indem es sich in Bewegung setzt. Treten wir dann wieder ein paar Schritte zurück, nehmen wir den Druck weg und belohnen dadurch die Kuh für ihre Bewegung." Den Druck brauche das Tier, um zu lernen. Immer wieder tritt er auf die Kühe zu, die er lenken möchte und weicht einige Schritte zurück, wenn sie auf seinen Druck reagieren. Er trainiert mit ihnen diese Art der Kommunikation zwischen Rind und Mensch, die typisch ist für das "Low Stress Stockmanship".
 
Wenz erklärt, dass die Arbeit mit den Rindern Kommunikation sein sollte, die über Nähe und Distanz abläuft. Der sanfte Druck wird nur über die körperliche Nähe vermittelt. Wichtig ist es auch, nicht laut zu rufen, denn: "Eine laute Stimme stresst Kühe, weil sie ein sehr sensibles Gehör haben", weiß der Trainer. Man solle die Tiere nur in normaler Gesprächslautstärke ansprechen oder einfach nur schnalzen. Außerdem sei es wichtig, sich dem Tier mit den Händen am Körper zu nähern. Fuchtelnde Arme beunruhigen die Kühe.

Von handzahm bis scheu

Um das Verhalten von Rindern zu verstehen, ist es wichtig, einige Grundregeln zur Wahrnehmung der Tiere zu kennen. Philipp Wenz erklärt den Teilnehmern, wie die Beobachtungs- und die Bewegungszone von Rindern deren Verhalten beeinflussen. "Befinde ich mich in der Bewegungszone einer Kuh, werde ich von ihr registriert. Sie hat mich gesehen und das kann sie auch von schräg hinten, denn Rinder leben mit einem Weitwinkel- oder Panorama-Gesichtsfeld von 300 Grad. Menschen dagegen haben nur ein 180-Grad-Gesichtsfeld. Nähere ich mich der Kuh weiter, betrete ich irgendwann ihre Bewegungszone, d. h. das Tier beginnt, aufzustehen oder loszugehen, weil ich in seiner Nähe bin."
 
Beide Zonen sind von Tier zu Tier unterschiedlich groß, je nach den Erfahrungen, die ein Rind in seinem Leben bereits gemacht hat. Handzahme Tiere haben keine Bewegungszone. Man kann an sie herantreten, ohne dass sie weglaufen. Es gibt aber auch Rinder, deren Bewegungszone sehr weitläufig ist. Sie sind scheu. Sobald sie einen Menschen sehen, laufen sie weg. "Deshalb sollten Sie immer alle Rinder, die um Sie herumstehen, im Blick haben, um nicht von einer unvorhergesehenen Reaktion eines Tieres überrascht zu werden und in Gefahr zu geraten", sagt Wenz mit erhobenem Finger.

Besseres Arbeiten, weniger Unfälle

Die Arbeit mit dem sanften Druck muss regelmäßig trainiert werden. Landwirt und Tiere müssen sich erst aufeinander einstellen. "Aber 'Low Stress Stockmanship' ist letztendlich eine Investition in die Zukunft", betont Pilipp Wenz. Als Gegenleistung erhalte man eine ruhige und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Tieren, deren Arbeitseffizienz gesteigert wird.
 
Außerdem verringert sich die Unfallgefahr erhelblich: "Das ist ein Hauptgrund, weshalb wir  dieses Seminar zusammen mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen anbieten", berichtet Christian Lüschow von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. 1.900 Unfälle mit Rindern in Niedersachsen werden der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft jährlich gemeldet, darunter auch schwere und tödliche Unfälle. "Deshalb wünschen wir uns, dass ein angemessener Umgang mit den Tieren schon in der Ausbildung Thema ist und stärker als bisher vermittelt wird, um Unfälle von Anfang an zu vermeiden."

Druck wegnehmen fällt schwer

Schließlich sollen die Seminarteilnehmer ihre neuen Kenntnisse im Stall umsetzen. Zusammen mit dem Trainer üben sie das zielgerichtete Treiben der Tiere. Vielen fällt es allerdings schwer, den Druck immer wieder wegzunehmen und zurückzutreten, wenn die Kühe sich in Bewegung setzen: "Das ist eben anders, als wir das sonst machen. Normalerweise laufe ich weiter hinter der Kuh her, wenn sie nach meinem Antreiben losgeht. Jetzt aber soll ich wieder rückwärts gehen. Da muss ich mich erst dran gewöhnen", berichtet Manuela Grammann-Gebken, Milchviehhalterin aus Melle. Aber ihrem Mann will sie diese Art des Treibens unbedingt zeigen. "Ich habe das Gefühl, dass so alles etwas ruhiger abgeht, als das bisher bei uns der Fall ist. Ich werde nur erstmal noch ein bisschen alleine im Stall üben."
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