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Praxisbericht

Milchwirtschaft in Irland: Vollweide statt Stallhaltung

Immo Cornelius/agrarheute
am
22.04.2016

Weideperioden von bis zu zehn Monaten im Jahr sind in Irland nicht ungewöhnlich. Wie irische Milchviehhalter diese umsetzen, lesen Sie hier.

Viele irische Milcherzeuger halten ihre Kühe auf der Weide. Thomas Campion aus der Nähe von Kilkenny ist einer davon. Seine 170 Milchkühe plus Nachzucht hält er auf knapp 100 Hektar, davon 94 Hektar Grünland.

Der Großteil des Grünlands liegt direkt um den Hof. Auf diesen Flächen weiden die Kühe des Betriebes Tag und Nacht bis zu zehn Monate im Jahr. In diesem Zusammenhang spricht man von der Vollweidehaltung.

Geringe Kosten durch Vollweidehaltung

Bei der Vollweidehaltung geht es vor allem darum, die Futterkosten gering zu halten. Weidegras, als das kostengünstigste Futtermittel, ist dabei essentiell und stellt die Hauptkomponente in der Fütterung dar. Kraftfutter wird nur in sehr geringen Mengen eingesetzt (1-2 kg/Kuh).

Auf eine Fütterung im Stall verzichtet Betriebsleiter Campion weitestgehend, um die Futteraufnahme auf der Weide nicht einzuschränken. Lediglich Heu und Stroh wurden zu Beginn der Weidesaison im Februar gefüttert, um die fehlende Struktur des noch sehr jungen Grasaufwuchses auszugleichen.

Low-Input-Strategie: Minimaler Betriebsmitteleinsatz

Das System der Vollweide entspricht der low-input-strategy, bei der die Kosten für die Milcherzeugung durch einen minimalen Betriebsmitteleinsatz so gering wie möglich gehalten werden. Die Leistung steht dabei nicht im Vordergrund. Auf dem Betrieb Campion wurden so 5.800 Liter pro Kuh und Jahr realisiert.

Auch die Rasse wird den Haltungsbedingungen angepasst. Bei Weideperioden von bis zu zehn Monaten müssen die Kühe robuster und kleiner sein. Thomas kreuzt Holsteins daher mit neuseeländischen Friesians.

Lange Weidesaison

Da Weidegras weder konserviert noch vorgelegt werden muss, lassen sich die Futterkosten umso stärker reduzieren, je länger die Kühe auf der Weide stehen. Deswegen werden in Irland ausgedehnte Weideperioden angestrebt. Die Weidesaison beginnt daher meist schon vor Vegetationsbeginn Ende Februar und dauert bis Ende November.

Der ganze Vegetationszeitraum kann so genutzt werden, um möglichst viel Milch aus Weidegras zu produzieren.

Portionsweide für hohe Futterausnutzung

Ziel der Vollweide ist somit auch eine hohe Flächenproduktivität. Um diese zu realisieren, werden die Grünlandflächen auf dem Betrieb Campion als Portionsweiden gefahren. Grünland ist in Irland meistens eingezäunt und/oder durch Hecken eingegrenzt. Zusätzlich wird bei der Portionsweide ein weiterer Zaun quer über die Fläche gespannt. Mithilfe dieses Zaunes lässt sich den Kühen zweimal täglich nach dem Melken ein neuer Abschnitt zur Beweidung zuteilen.

Durch die Zuteilung von begrenzter Weidefläche soll eine hohe Futterausnutzung erreicht werden. Die Kühe grasen die zugeteilte Fläche dabei komplett ab, ehe Ihnen ein neuer Abschnitt zur Verfügung steht - Futterverluste werden so minimiert.

Hoher Anspruch ans Weidemanagement

Das System der Portionsweide ist aufwändig. Neben der täglichen Futterzuteilung müssen regelmäßig Aufwuchsmessungen durchgeführt oder Zäune instand gehalten werden. Zudem leidet die Grasnarbe durch die begrenzte Flächenzuteilung gerade am Anfang der Saison unter einer hohen Trittbelastung. Das feuchte irische Klima mit durchschnittlichen Niederschlägen von über 1.000 mm/Jahr verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Mit dem System der Vollweide sparen die irischen Kollegen viel Geld und Arbeitszeit, gleichzeitig stellt aber gerade die Portionsweide höhere Ansprüche an das Weidemanagement.

Was Saisonkalbungen mit der Vollweidehaltung zu tun haben, lesen Sie demnächst in einem weiteren Artikel über die irische Milchviehhaltung auf agrarheute.com.

Strategien nach der Quote: Vollweidehaltung in Irland

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