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Tierhaltung

Nachhaltige Landwirtschaft: Darum brauchen wir Nutztiere

Grünland, das nicht ackerfähig ist, lässt sich nur über Nutztiere zu Lebensmitteln wie Milch und Fleisch verwerten.Bildunterschrift
am Sonntag, 03.09.2023 - 05:00

Bei allem Umbau der Tierhaltung wird es auch künftig Nutztiere geben müssen, sagt unser Experte.

Prof. Dr. Dr. habil Wilhelm Windisch ist Ordinarius für Tierernährung und leitete bis 2022 den Lehrstuhl für Tierernährung an der Technischen Universität München (TUM).

Die weltweit verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche ist begrenzt und muss immer mehr Menschen ernähren. In dieser Situation werden Nutztiere wichtiger denn je. Der entscheidende Faktor ist die nicht essbare Biomasse.

Nicht essbare Biomasse lässt sich nur über Nutztiere verwerten

Die Bereitstellung von Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft ist unvermeidlich mit enormen Mengen an nicht essbarer Biomasse verknüpft – angefangen von Koppelprodukten der Ackernutzung wie etwa Stroh, über die Gründüngung (zum Beispiel Kleegras) bis zu den Nebenprodukten der Verarbeitung von Erntegütern in der Müllerei, Brauerei, Ölmühle oder Zuckerfabrik. Hinzu kommt das Grünland, das nicht ackerfähig ist und ausschließlich nicht essbare Biomasse liefert. In der Summe zieht 1 kg pflanzliches Lebensmittel mindestens 4 kg nicht essbare Biomasse nach sich.

Die nicht essbare Biomasse muss wieder zurück in den landwirtschaftlichen Stoffkreislauf, sei es durch Verrotten auf dem Feld oder über den Weg der Vergärung in Biogasanlagen beziehungsweise durch Verfüttern an Nutztiere. Aber nur letztere machen daraus zusätzliche Nahrung für den Menschen und zwar völlig ohne Nahrungskonkurrenz. Nutztiere erhöhen demnach die Anzahl an Menschen, die man mit derselben landwirtschaftlichen Nutzfläche ernähren kann, um mindestens die Hälfte.

Von Wiederkäuern produziertes Methan ist nicht das Problem

Die Rückführung der nicht essbaren Biomasse in den Stoffkreislauf setzt die darin gebundenen Mengen an Stickstoff, Phosphor oder Kohlenstoff wieder frei, und zwar unabhängig davon, ob die Biomasse verrottet oder über Biogas beziehungsweise Nutztiere verwertet wird. Der einzige Unterschied ist die Tatsache, dass ein Teil des zirkulierenden Kohlenstoffs beim Verfüttern an Wiederkäuer vorübergehend als Methan erscheint. 

Diese Emissionen sind zwar grundsätzlich klimaschädlich, unterliegen jedoch einem raschen Abbau in der Atmosphäre. Zudem sind der Bestand an Wiederkäuern und die Methanemissionen aus der deutschen Tierhaltung inzwischen unter das vorindustrielle Niveau gesunken. Unter diesen Bedingungen stellt sich eine Gleichgewichtskonzentration an Methan in der Atmosphäre ein, die so gering ist, dass weitere Einsparungen kaum noch klimarelevant sind. 

Ein Verzicht auf Nutztiere entlastet somit Umwelt und Klima kaum. Im Gegenteil: Wir müssten zur Ernährung derselben Anzahl an Menschen deutlich mehr Ressourcen (Acker, Wasser, Energie etc.) verbrauchen, was Emissionen und die Klimabelastung wieder ansteigen ließe.

Nutzungskaskade für Biomasse: Teller, Trog, Tank

Es kommt letztlich darauf an, aus der begrenzt verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche mit möglichst geringer Umweltund Klimawirkung ein Maximum an Lebensmitteln zu erzeugen. Dies gelingt nur mithilfe von Nutztieren in einer ausgeglichenen Kreislaufwirtschaft unter Vermeidung von Nahrungskonkurrenz.

Das primäre Ziel ist es, möglichst viel pflanzenbasierte Nahrung aus landwirtschaftlicher Biomasse zu gewinnen. Nutztiere übernehmen erst in einem zweiten Verwertungsschritt die Transformation der unweigerlich anfallenden, nicht essbaren Biomasse in weitere Nahrung für den Menschen. Der Rest an Biomasse ist energetisch zu verwerten, etwa in einer Biogasanlage.

Landwirtschaftliche Biomasse hat somit folgende Nutzungskaskade: Teller, Trog,Tank. Es geht hier also nicht um die Nutztierhaltung an sich, sondern vielmehr um ihre Balance innerhalb des Ernährungssystems.

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