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Milchproduktion

Neue Serie: Aus dem Leben eines Kalbes

von , am
22.09.2011

Peiting - Der Lebensweg eines Kalbes zur Kalbin - von Geburt an. Darüber berichten die Schongauer Nachrichten in einer neuen Serie. Lesen Sie bei uns mit.

Im Rahmen der Aktion "Das gesunde Kalb" können 500 Landwirte den Kolostrumstatus ihrer Kälber testen lassen. © Hans-Helmut Herold
Die erste Geburt ist fast immer die schwerste. Das ist beim Menschen so, und beim Rind ebenfalls. Auch die Dauer der Schwangerschaft ist ähnlich: Beim Menschen dauert sie neun Monate, die Tragzeit einer Braunvieh-Kuh ist nur zwei Wochen länger. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten. Denn eine hochschwangere Frau wird kurz vor der Niederkunft sicher keine große Mahlzeit mehr verputzen.
 
Anders das erstgebärende Kalb (Kalbin) auf dem Hof von Alois Häußerer in Peiting-Höfle: Es grast fleißig weiter, während hinten schon die blitzblanken Hufe des Nachwuchses herausschauen.

50 bis 60 Geburten jährlich

Landwirte wie Häußerer, der auf seinem Hof rund 45 Milchkühe und ungefähr ebensoviel Jungvieh hält, kommen auf 50 bis 60 Geburten jährlich. Zwei Monate war im Sommer Pause, doch jetzt geht es wieder regelmäßig los. Für den Landwirt ist es stressig: "Die Hälfte der Kälber kommt in der Nacht, das habe ich mir mal aufgeschrieben", erzählt der 52-Jährige lachend. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass morgens der Nachwuchs überraschend im Stall steht. Doch meistens bahnt sich eine Geburt an, und dann schaut Häußerer regelmäßig nach.
 
Die meisten Tiere brauchen keine Hilfe, da zieht der Bauer das Kalb nur etwas heraus oder hilft per Strick nach. Doch bei fünf Prozent der Geburten muss der Tierarzt kommen, weil sich beispielsweise der Tragsack, in dem das ungeborene Kalb liegt, verdreht hat. Ebenfalls fünf Prozent werden tot geboren. Doch bei dieser Kalbin scheint alles perfekt zu laufen.
 
Schon drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin hat Häußerer sie von den anderen Kälbern, die ständig auf der Weide sind, getrennt. Sie kam abends in den Stall und hat den täglichen Weidegang mitgemacht, um sie besser im Auge zu haben. Am Abend zuvor hat sich Häußerer mit seinem geschulten Auge gedacht, dass etwas passieren könnte - und um 8 Uhr geht es tatsächlich los. Die Kalbin kommt im Freien in einen abgetrennten Bereich, dann heißt es warten.
 
Ein Kalb wird geboren
 
Für Laien ist es gewöhnungsbedürftig, dass zwischen den Vorderklauen des noch ungeborenen Kalbs zeitweise sogar die Zunge schon herumschnellt. Oder dass die Kalbin nicht nur die geplatzte Fruchtblase, sondern später auch die Nachgeburt auffrisst. "Das ist ein Urinstinkt von früher, damit Raubtiere das Jungtier nicht wittern", erklärt Häußerer. Mittlerweile hat sich die Kalbin hingelegt, nur manchmal dringt ein kleines Röhren aus ihrem Maul. "Der Kopf ist wie ein Keil, wenn der durch ist, geht es schnell", sagt Häußerer.
 
'Komm, steh a bissle auf'
 
Mit großen Augen schaut das Kalb, als es Häußerer sanft aus dem Mutterleib herauszieht, es an den Vorderbeinen herumträgt und vor der Mutter ablegt. Die Kuh liegt völlig erschöpft auf der Seite, auch das Kalb wirkt wie tot mit seinem überproportional großen Kopf. "Komm, steh a bissle auf", animiert der Landwirt tätschelnd die Kuh, und tatsächlich rafft sie sich auf und beginnt, ihr Kälbchen abzuschlecken.
 
So macht sie es sauber, es soll aber auch den Kreislauf in Schwung bringen und die Lebensgeister des 30 bis 40 Kilo schweren Kalbes wecken, das sich zitternd auf den Boden kauert. Das Kälbchen will nach rund einer halben Stunde tatsächlich schon aufstehen, purzelt auf wackligen Beinen aber schnell wieder hin.
 
Umzug ins Kälber-Iglu
 
Und dann kommt schon Häußerer mit dem Schubkarren und bringt das Kalb weg von der Mutter, ins vorbereitete Kälber-Iglu. "Ich weiß, dass das hart ist, aber ansonsten wäre es Mutterkuhhaltung." Auf einem Milchviehbetrieb soll die Mutter ja möglichst schnell wieder Milch geben. Nur kurz schaut die Kuh her, als Häußerer das Kälbchen abtransportiert, danach widmet sie sich wieder ihrem mit Cola versetztem Eimer Wasser ("Ein Geheimtipp") und dem Grasen.
 
Biestmilch sorgt für Abwehrkräfte
 
Muttermilch gibt es für das Kälbchen die erste Woche trotzdem: Häußerer melkt der Kuh per Hand einige Liter heraus, diese sogenannte Biestmilch, die extrem fett ist, bekommt das Kalb dreimal am Tag. "So erhält das Tier auch Abwehrkräfte, die es direkt nach der Geburt nicht hat", sagt Häußerer. Es dauert zwar etwas, bis Häußerers Frau Ursula (48) dem Kälbchen die Milch eingeflößt hat. Doch irgendwann hat es kapiert, wie es funktioniert, und saugt fleißig.

Wie sieht die Zukunft des Kalbes aus? Wie sich das junge Tier weiterentwickelt erfahren Sie in einer losen Reihe auf agrarheute.com.
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