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Direktvermarktung

Neuer Stall und neue Hofmolkerei: Warum Familie Bauer ins Risiko geht

Statt die Kuhzahl zu erhöhen und mehr Milch abzuliefern, haben sich Michael und Stefanie Bauer dazu entschlossen, ihre Milch selbst zu verarbeiten und zu vermarkten. Damit schaffen sie einen Mehrwert, tragen aber auch mehr Risiko.

am Freitag, 25.11.2022 - 05:00 (2 Kommentare)

Auf dem Betrieb im fränkischen Obermichelbach, rund 20 km westlich von Nürnberg, stehen die Kühe zwar im Zentrum aller Tätigkeiten, doch rund um die Tiere haben Michael und Stefanie Bauer eine eigene Welt erschaffen: die Welt der Rosa Kuh. Die Farbe, mit der man wohl eher Schweine assoziieren würde, ziert eine breite Palette von Produkten vom Joghurt bis zum Speiseeis. Kommt man auf den Betrieb, hat man den Eindruck, man besuche eine Molkerei mit angeschlossenem Milchviehbetrieb, und auch wenn die Molkerei den meisten Umsatz macht; ohne die Milchviehhaltung ginge dennoch nichts.

„Die Kühe sind vom Umsatz her das Schlusslicht in unserer Produktion, aber ohne Kühe würden die Molkerei und die Biogasanlage nicht funktionieren“, erklärt der 38-jährige Milchviehhalter. Auch als reiner Milchviehbetrieb wäre es nicht gegangen. „Aktuell leben vier Generationen vom Betrieb. Hätten wir nur die 60 Kühe, würde das auch nicht funktionieren.“ Waren sie daher zum Wachsen verurteilt? „Das vielleicht nicht, aber die Biogasanlage, die 2004 mit 250 kW in Betrieb gegangen ist und die wir seit 2018 auf 800 kW flexibilisiert haben, fällt voraussichtlich 2024 aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG). Für uns war klar, dass wir etwas machen müssen, was diese Umsatzeinbußen zumindest ausgleicht“, erklärt der Milchviehhalter die Wachstumsschritte.

Daher begannen Bauers 2018 mit der Planung der Molkerei und dem neuen Kompoststall für die Kühe. 2019 wurden die ersten Altgebäude entkernt und die Molkerei inklusive Kühlräume und Pufferspeicher entstand auf der Fläche der alten Maschinenhalle. Ende 2019 folgte die Verrohrung der Molkerei und zeitgleich der Rückbau des alten Laufhofs. Hier entstand der neue Kompoststall für die Kuhherde. Im Februar 2020 haben die Tiere den Stall bezogen und im März 2020 wurde das erste Mal automatisch gemolken. Zum gleichen Zeitpunkt lieferte die Familie die ersten Molkereiprodukte an den Handel aus. Das Ziel, die Umsatzeinbußen aus dem Biogasbereich auszugleichen, erreichten die Betriebsleiter schon fast ein Jahr nach Produktionsbeginn mit der Molkerei.

Familie Bauer vermarktet seit 2015 direkt

Die Marke Rosa Kuh hat das Ehepaar schon 2015 kreiert. Die Idee geht auf ein rosafarbenes Stofftier der Tochter zurück. Unter dem Namen begannen sie ihre Erzeugnisse und die von umliegenden Betrieben, zu denen auch Metzger, Nudelmacher oder Imker gehören, zu vermarkten. Das begann zuerst direkt am Betrieb und hat sich mittlerweile auf fünf weitere Standorte erfolgreich ausgedehnt. Die Produkte werden über eigene Automaten direkt an Endkunden, aber auch an Wiederverkäufer in der Landwirtschaft, sowie die Gastronomie, Kindergärten und den Handel vermarktet. Mittlerweile gibt es auch einen Onlineshop. Zweimal in der Woche versendet die Familie Rosa-Kuh-Produkte per Post an Onlinekunden.

„Anfang 2020 haben wir auch begonnen, unsere Milch direkt zu vermarkten. In unserer Molkerei erzeugen wir neben Frischmilch Milchmixgetränke, Joghurt und Eis. Mit unserer Fotovoltaik- und unserer Biogasanlage geschieht dies CO2-neutral.“

Seit Anfang 2021 vermarktet die Familie ihre Milch fast komplett. Rund 400.000 kg Milch sind das im Jahr. Damit hält sie die Wertschöpfung der kompletten Produktionskette in ihrer Hand. „Doch damit sind auch Risiken verbunden. Was machen wir mit der Milch, wenn der Absatz sinkt?“, fragt Bauer. Eine Lösung haben sie gefunden: Ein Teil der Milch wird neuerdings zu Butterkäse verarbeitet. Damit die Produktion und der Absatz funktionieren, arbeiten außer ihm, seiner Frau und seinen Eltern, sechs feste Mitarbeiter und sechs Teilzeitkräfte auf 450-Euro-Basis im Betrieb mit.

Milchviehhaltung, Biogasanlage und Molkerei: Ein Kreislauf

Neben der Molkerei befindet sich der luftige Kuhstall. Die Kompostfläche ist auf zwei Seiten offen und bietet dem Besucher einen guten Blick über die gesamte Herde. „Wir haben uns für das Konzept entschieden, weil die Tiere hier den maximalen Komfort haben“,erklärt Stefanie Bauer den Bau des neues Stalls. Jede Kuh hat rund 10 m² Platz. Füttern und Melken erfolgen automatisch.

Dennoch bleibt genug Arbeit. So muss der Kompost regelmäßig aufbereitet werden und die Futterküche des Futterautomaten will Nachschub. Die Kühe liefern die Grundlagen: Milch für die Molkerei, Gülle und Mist für die Biogasanlage. „Es macht Spaß den kompletten Kreislauf zu sehen. Vom frischen Gras auf der Wiese bis zu unseren Kühen. Die erzeugte Milch wird dann 50 m weiter zu Markenprodukten verarbeitet und die Gülle erzeugt in der Biogasanlage zusammen mit Mist, Gras und Mais Energie“, schwärmt Michael Bauer vom Kreislauf auf dem Hof.

3 Mio. Euro investiert

Die Familie hat in den letzten fünf Jahren enorme Investitionen geschultert. Rund 3 Mio. Euro sind in die Molkerei und den neuen Stall geflossen. „Besonders die ersten Jahre waren schwer, weil die neuen Felder mit den alten verbunden werden mussten. Jetzt liefert die Biogasanlage auch die Wärme für unsere Molkerei. Bei einem 500-m³-Pufferspeicher und zwei Blockheizkraftwerken an zwei Standorten ist ein hydraulischer Abgleich schwierig“, erklärt der Landwirt. Auch bis die Automatisierung im Stall und der Molkerei rund gelaufen seien, habe es gedauert.

In Zukunft wollen die Landwirte die Milch weiterer Betriebe verarbeiten und direktvermarkten. Ihr Ziel sind 3 bis 4 Mio. kgverarbeitete Milch im Jahr. Dazu planen sie ein Logistiklager mit Kommisionierung und Lkw-Rampe. Die eigene Milch soll mindestens zur Hälfte auf eigenen Verkaufsstandorten angeboten werden. Außerdem planen sie eine große Veranstaltungsfläche am Hof. Wie sie ihren Betrieb verändert haben und was sie damit vorhaben, daran lassen sie die Gesellschaft teilhaben. Regelmäßig sind Michael und Stefanie Bauer auf Facebook, Instagram und Youtube aktiv. „Ich finde, wir Landwirte müssen uns nicht verstecken. Wir produzieren so gute Lebensmittel, wie es sie weltweit wahrscheinlich kein zweites Mal gibt.“

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