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Haltung und Mast

Neues Bild des chronischen Botulismus existent

von , am
23.10.2010

Horstmar-Leer/Kiel - Ein neues Bild des chronischen Botulismus ist bei Rindern als Faktorenerkrankung existent. In dieser Einschätzung waren sich Tierärzte, Landwirte und Mikrobiologen auf der AVA-Botulinum-Tagung einig.

© mbfotos/Fotolia

Wie die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) dazu weiter berichtete, wurde Landwirten, die Biogasgärreste auf ihre Äcker und Wiesen ausbringen, vor dem Hintergrund eines vermuteten Zusammenhangs zwischen einer solchen Ausbringung und Clostridium-botulinum-Toxikosen bei Milchkühen empfohlen, sich schriftlich bestätigen lassen, dass eventuelle Risikomaterialien, insbesondere Schlachtabfälle, Hühnerkot und Speiseabfälle, ordnungsgemäß vor dem Eintrag als Substrat in die Biogasanlage hitzebehandelt wurden.

Unvorstellbare "Ignoranz" 

Nach Aussagen von Mikrobiologen könne ansonsten ein Risiko nicht ausgeschlossen werden. AVA-Leiter und Fachtierarzt Ernst-Günther Hellwig kritisierte, dass eine Reihe von Wissenschaftlern die Ursächlichkeit zum chronischen Botulismus verneinten. Landwirte, die unter anderem Hunderte von Kühen aufgrund dieser Problematik verloren hätten, verstünden diese "Ignoranz" nicht, so Hellwig.

Weitere Forschung nötig

Das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium teilte unterdessen mit, es befürworte weitere wissenschaftliche Anstrengungen zur Erforschung der Faktorenerkrankung bei Rindern. Chronischer Botulismus habe ein äußerst vielfältiges Erscheinungsbild, zum Beispiel Blähungen insbesondere im Vormagenbereich, verzögerte Reflexe, Klauengeschwüre, verringerte Milchleistung, Fruchtbarkeitsstörungen, bestimmte Lahmheiten und gestörtes Allgemeinbefinden bis hin zu Tierverlusten, so dass eine klare Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern nach wie vor schwierig sei.

Erkrankung unter der Lupe

Wie das Kieler Agrarressort erläuterte, wird die Faktorenerkrankung landläufig als chronischer Botulismus bezeichnet, weil häufig als Begleiterscheinung eine starke Zunahme von bestimmten Bakterien, insbesondere Clostridien, darunter Clostridium botulinum, beobachtet werde. Clostridien seien als sogenannte "Allerweltskeime" auch im gesunden Rinderpansen aufzufinden. Es handle sich um eine von einer Reihe von Faktoren ausgelöste Erscheinung. Daher werde das jüngst initiierte Forschungsprojekt der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) zur Rolle der Clostridien bei der Faktorenerkrankung begrüßt, erklärte das Ministerium. Sicher sei es im Moment aber zu kurz gegriffen, das Erkrankungsbild einzig auf Clostridien zurückzuführen.

Keine Seuche 

Da der Rinderhaltung in der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft eine besonders wichtige Rolle zukomme, würden eine Verbesserung der Erkenntnislage und die Verhinderung der Faktorenerkrankung des Rindes gerade am Standort Schleswig-Holstein für wichtig gehalten, betonte das Agrarressort. Insgesamt sei die Kenntnis zu den Ursachen der Erkrankung unbefriedigend. Deshalb würden Anstrengungen zur weiteren Erforschung forciert. Insbesondere werde es für dringend geboten gehalten, möglichst bald zu praxisgerechten und wissenschaftlich fundierten Kriterien zu kommen, die es ermöglichten, betroffene Rinderhaltungen hinreichend sicher ausfindig zu machen, so das Ministerium. Zudem würden Anstrengungen des Bundes begrüßt, die Diagnostik der Clostridien und ihrer Toxine möglichst schnell zu vereinheitlichen. Für fachlich nicht gerechtfertigt hält es das Kieler Agrarressort, bei der Faktorenerkrankung des Rindes von einer Seuche zu sprechen.

Auch Menschen betroffen

AVA-Leiter Hellwig berichtete, dass die mehr als 170 Tagungsteilnehmer von den Aussagen des Neurologen Dr. Dirk Dressler von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) äußerst bedrückt gewesen seien, wonach chronischer Botulismus bei Menschen in infizierten Milchviehbetrieben diagnostiziert worden sei, die "nahe den Kühen" gewesen seien. Mittlerweile litten auch einige Tierärzte an Erscheinungen des chronischen Botulismus. Es seien also Menschen und Tiere gleichermaßen betroffen, was deutlich von Referenten -Tierärzte und Medizinern - bestätigt worden sei. Warum die "Kritiker der Erkrankung" immer noch von "Quatsch" und "Verunsicherung der Landwirte" sprächen, sei von einer Reihe von persönlich betroffenen Landwirten schon als "sehr dreist" bezeichnet worden.

Noch viele offene Fragen

Das Land Schleswig-Holstein habe aktuell aufgrund der erkannten Problematik ein Screeningprogramm zur Erforschung dieser Faktorenerkrankung aufgelegt und nehme diese Problematik der zum Teil sehr hohen Verlustraten sehr ernst, stellte Hellwig fest. Er betonte auch mit Blick auf den möglichen Zusammenhang mit Biogasgärresten, dass eingehende Forschungen zur Abklärung der Problematik von großer Wichtigkeit seien. Es gebe noch zu viele offene Fragen. (AgE)

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