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Analyse

Ökolandbau: Kombination aus Weide- und Anbindehaltung vor dem Aus?

Kuehe-Weide-Kombinationshaltung
am Montag, 30.08.2021 - 12:56 (3 Kommentare)

Geraume Zeit hatten gerade die kleinen Milchviehhalter in Bayern gehofft, dass die Kombinationshaltung eine Perspektive für die Weiterentwicklung von Betrieben mit Anbindehaltung schaffe. Doch wie sicher ist, dass es so kommt? Die letzte Messe ist noch nicht gelesen, aber die Aussichten werden durch den jüngsten Vorstoß des Lebensmittelhandels schlechter.

2019 gelang der bayerischen Milchwirtschaft etwas Besonderes: Mit aktiver Unterstützung durch das Landwirtschaftsministerium unter Michaela Kaniber kam es zu einem Schulterschluss aller Branchenvertreter, mit Bauernverband, Verband der Milcherzeuger und den drei Molkereiverbänden. Das Ergebnis war eine Definition von Kombinationshaltung, bei der Milchkühe noch einen Teil des Jahres angebunden sein durften, solange sie sich – unter bestimmten Bedingungen – mindestens 90 oder 120 Tage im Jahr frei bewegen durften.

Die gemeinsame Erklärung zur Kombinationshaltung war ein Hoffnungsschimmer für die zahlreichen Betriebe in Bayern, die ihre Kühe einen Teil des Jahres auf Weiden treiben, aber keinen neuen großen Laufstall bauen können. Sei es, weil dieser zu teuer ist oder weil das Baurecht ihnen diese Möglichkeit derzeit schlicht nicht einräumt.

Netto und Lidl äußern sich zum Label "Keine Anbindehaltung"

Der Hoffnungsschimmer Kombinationshaltung flackert nach dem jüngsten Vorstoß des Lebensmittelhandels noch schwächer. Wie agrarheute Anfang August berichtete, werben bereits mehrere Handelsketten auf ihrer frischen Trinkmilch ihrer Eigenmarken mit dem Label „keine Anbindehaltung“. Auf Nachfrage hat „netto“ nun erklärt, was das bedeutet. Eine Unternehmenssprecherin teilte mit: „Das Label „Keine Anbindehaltung“ kennzeichnet aktuell unsere Frische Vollmilch (3,8% Fett) 1 Liter sowie die Frische Bergbauernmilch (3,7% Fett) 1 Liter unserer Eigenmarke Gutes Land. Nach aktuellem Stand werden die Kühe nach Haltungsformstufe 3 gehalten. Beide Produkte entsprechen den strengen Kriterien der Einstiegsstufe des Deutschen Tierschutzbundes und sind mit der 1 Stern-Auszeichnung „Für Mehr Tierschutz“ zertifiziert.“

Besonders kritisch ist der letzte Satz, den die Sprecherin hinzufügt: „Die von Ihnen angesprochene Kombinationshaltung wird durch die Anforderungen der „Für Mehr Tierschutz“-Einstiegsstufe ausgeschlossen.“ Wenn die Kombinationshaltung bereits in der Haltungsformstufe 3 ausgeschlossen ist, dann ist sie das auch in der Stufe 4, in die unter anderem der Ökolandbau fällt.

Auch der Discounter Lidl äußert sich auf Nachfrage von agrarheute ähnlich. Eine Unternehmenssprecherin erklärte: „Mit dem Hinweis „Keine Anbindehaltung“ kennzeichnen wir Milchprodukte unserer Eigenmarke „Milbona“, die aus einer Tierhaltung mit ausreichend Bewegungsfreiheit und dem konsequenten Verzicht auf eine Anbindehaltung stammen.“ Darüber hinaus seien diese Milchprodukte mit dem Tierschutzlabel oder dem „Pro Weideland – Deutsche Weidecharta“ gekennzeichnet und entsprechen den jeweiligen Kriterien. „Die Zertifizierung mit dem Tierschutzlabel gewährleistet unter anderem die ganzjährige Bewegungsfreiheit und einen komfortablen Fress- und Liegeplatz für jede Kuh. Die Weidemilch stammt von Kühen, die an mehr als 120 Tagen im Jahr über sechs Stunden täglich auf der Weide stehen. Für jede Milchkuh sind pro Jahr mindestens 2.000 Quadratmeter Grünland vorhanden, wovon 1.000 Quadratmeter als Weidefläche zur Verfügung stehen“, teilt die Lidl-Unternehmenssprecherin weiter mit. „Eine Kombination von Weidehaltung und Anbindehaltung ist davon ausgeschlossen.“

Warum die Kombination aus Weide- und Anbindehaltung nun noch schlechtere Karten hat

Was das Unternehmen netto nur andeutet, stellt Lidl deutlich heraus: Wenn die Vorgabe „keine Anbindehaltung“ für frische Trinkmilch gilt, dann muss es auch für andere Milch und verarbeitete Milchprodukte wie Käse und Joghurts gelten. In Verbindung mit der Ankündigung von Aldi, ab 2030 nur noch Frischfleisch der höchsten Haltungsstufen 3 und 4 anzubieten, ist klar wohin die Reise auch bei Milch geht: Keinerlei Milch oder Milchprodukte aus Anbindehaltung mehr im Handel, selbst wenn die Anbindehaltung nur einen Teil des Jahres besteht.

Um es ganz deutlich zu sagen: Das ist noch nicht entschieden. Doch die Gefahr, dass es so kommt, wächst. Wer genau hinschaut, kann heute noch zwischen einer unterschiedlichen Handhabung von Eigenmarken mit dem Label des Deutschen Tierschutzbundes ("keine Anbindehaltung") und anderen Eigenmarken ohne dieses Label (Kombinationshaltung) differenzieren. Aber schauen die Kunden im Supermarkt so gründlich hin, wenn sie den Aufdruck "keine Anbindehaltung" sehen? Entsteht hier nicht bereits im Kleinen eine Erwartungshaltung, die irgendwann auch im Großen befriedigt werden soll? Entscheidend wird sein, wieviel deutsche (süddeutsche) Milch der Handel künftig in seinen Supermärkten anbieten will und kann.

Noch haben sich weitere Lebensmitteleinzelhändler dem Vorstoß der Discounter nicht angeschlossen. Doch angesichts der Geschwindigkeit, mit der der Rest des Lebensmittelhandels nachzieht, wenn ein Unternehmen sich in eine Richtung bewegt, ist klar: Die Kombinationshaltung ist keine Zukunftsperspektive für kleine Betriebe mehr. Das trifft auch Ökobetriebe hart, die sich bislang über die Haltungsstufe 4 noch in Sicherheit gefühlt haben können.

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