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Milchproduktion

Schweizer Milchbranche gibt sich neue Regeln

von , am
09.12.2010

Bern - Nach langwierigen Diskussionen und Auseinandersetzungen zwischen Milchwirtschaft und Verarbeitern sowie nach enormen Marktproblemen gibt sich die Schweizer Milchbranche neue Spielregeln.

© Michael Simon/fotolia

Die Branchenorganisation Milch verzichtet nun definitiv auf eine Mengensteuerung. Ab Januar 2011 soll der Markt durch eine Unterteilung in A-, B- und C-Milch stabilisiert werden. Das haben die Delegierten kürzlich beschlossen.

Im Zusammenhang mit der Aufhebung der Milchquoten ab Mai 2009 hat die Schweizer Molkereibranche lange Zeit nach Lösungen gesucht, um in Zukunft eine den Absatzmöglichkeiten entsprechende Versorgung des Milchmarktes zu gewährleisten.

Segmentierung statt Mengensteuerung 

Die Delegierten der für diese Zwecke gegründeten Branchenorganisation Milch (BOM) haben im November 2009 ein entsprechendes Mengenführungs-Modell beschlossen. Es sollte ab 1. Januar 2010 gelten, wurde aber unzureichend umgesetzt. Im April unternahm die Branchenorganisation einen neuen Anlauf beim Versuch, den Milchmarkt und die vorhandenen Übermengen in den Griff zu bekommen.

Der Vorstand fasste den Grundsatzentscheid, dass 10 Prozent der angelieferten Molkereimilch von Anfang Mai bis Ende Juli vom Markt genommen und exportiert werden müssen. Damit sollte die sich nach unten drehende Preisspirale gestoppt werden. Im Juni war die Mengensituation immer noch angespannt, ein wesentliches Problem waren die enormen Butterlager, die sich heuer auf Rekordhöhe bewegen. Anfang September vollzogen die Mitglieder der BOM eine Kehrtwende: Anstelle der Mengensteuerung sollte der Markt durch eine "Mengensegmentierung" stabilisiert werden.

Modell an der Realität zerbrochen

Markus Zemp, Präsident der BOM, fand bei der Delegiertenversammlung klare Worte: "Ich kann nicht zufrieden sein mit dem, was wir in diesem Jahr erreicht haben. " Die hohen Erwartungen der Milchbauern, dass mit dem bisherigen Mengenführungsmodell der Markt stabilisiert werden könne, seien an der Realität zerbrochen. Angesichts der sehr unterschiedlichen Meinungen über Mengen und Preise auch unter den Bauern müsse sich die BOM nunmehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken.

Im bisherigen Mengenmodell war festgehalten, dass Milchverträge für mindestens ein Jahr abgeschlossen werden, wobei eine Milchmenge und ein Preis definiert wurden. Für den Preis galt ein von der BOM ausgehandelter Richtpreis als Orientierungshilfe. Für Rohmilch, die darüber hinaus produziert und abgeliefert wird, wurde eine Online-Milchbörse installiert. Die Börse hätte Transparenz liefern sollen, kam aber nie richtig ins Laufen, viele Milchhändler verkauften überschüssige Mengen unter der Hand. Es entstand ein Graumarkt, der es der Branchenorganisation nicht ermöglichte, aufgrund von aktuellen Marktdaten durchsetzungsfähige Entscheidungen zur Mengenreduktion zu treffen.

Klarere Milchkaufverträge

Dieser kleinste gemeinsame Nenner wurde nunmehr in Bern genehmigt: Das neue vom BOM-Vorstand vorgeschlagene Modell sieht vor, dass die Verarbeiter und Milchhändler die Mengen in eigener Verantwortung managen. In den Verträgen zwischen Produzenten und Milchhändlern müssen die Mengen nach folgendem Verwendungszweck definiert werden: ein A-Segment für Milchprodukte, die im geschützten Inlandmarkt verkauft werden, ein B-Segment für Milch, die ohne Stützung in der EU verkauft wird und ein C-Segment für Molkereiprodukte, die ohne Beihilfen auf dem Weltmarkt verkauft werden.

Ferner müssen die Milchhändler mindestens 60 Prozent ihres Rohstoffs im A-Segment kaufen und verkaufen. Vollständige Transparenz unter den Vertragspartnern und gegenüber der BOM soll dafür sorgen, dass die Regeln auch eingehalten werden. Verschiedentlich wurde von den Delegierten betont, dass die Milchproduzenten von den Abnehmern nicht dazu gezwungen werden dürfen, C-Milch zu produzieren, also Milch, bei der die Produktionskosten meist deutlich höher liegen als der Erlös am Markt.

Politik bleibt im Spiel

BOM-Geschäftsführer Daniel Gerber mahnte die Delegierten, das Modell funktioniere nur, wenn künftig volle Transparenz herrsche und wenn sich alle an die beschlossenen Regeln halten. Genau daran haben manche Milchbauern Zweifel, denn die Branchenorganisation stellte bisher immer wieder neue Regeln auf, die von einzelnen Akteuren nicht befolgt und deshalb bald hinfällig wurden. Albert Rösti, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), sagte, man stimme dem neuen Modell zu. Da dieses aber keine nationalen Ausgleichs- und Solidaritätsmaßnahmen enthalte und nicht verhindern könne, dass die niedrigpreisigen C-Mengen sehr ungleich verteilt seien, wären ergänzende Maßnahmen nötig.

Damit meinte Rösti in erster Linie die Motion (parlamentarische Initiative) des SVP-Abgeordneten Andreas Aebi, die im Nationalrat bereits angenommen wurde und im Jänner 2011 in der zuständigen Ständerats-Kommission debattiert wird. Die Motion verlangt bekanntlich, dass Milchmengen, die über die Nachfrage am Markt hinaus produziert werden, mit zusätzlichen Abgaben pro Kilogramm belastet werden sollen. Hoffnungen setzt die Milchbauernvertretung auch in die Motion von Bauernverbands-Direktor Jacques Bourgeois, die noch strengere Regeln für die Milchkaufverträge verlangt.

Problem Butterberg nicht gelöst

Auch wenn dank der neuen Regeln der Branchenorganisation Milch der Markt stabiler werden sollte, das Butterproblem bleibt dennoch ungelöst. Das Inkasso für die beschlossene Butterabräumung sei praktisch abgeschlossen, die Exporte von 1.500 Tonnen seien erfolgt, berichtete BOM-Geschäftsführer Gerber. Für den Abbau der Butterberge reicht das aber bei Weitem nicht: Die Butterlager, die im Idealfall zu Jahresende ganz abgebaut sein sollten, wiesen Ende November immer noch einen Stand von 7.500 Tonnen auf.

Auch die sinkenden Mittel des Bundes für eine Verbilligung des Milchfettes, um die inländischen Produzenten zu unterstützen und Importe zu verhindern, dürfte die Branche weiterhin vor Probleme stellen. BOM-Präsident Zemp erklärte dazu, die Industrie sei zwar bereit, einen Teil von jährlich 100.000 Tonnen importiertem Pflanzenfett durch Milchfett zu ersetzen. Man werde aber nicht darum herum kommen, auf nationaler Ebene eine entsprechende Finanzierung zu schaffen. (aiz)

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