Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Reportage

„So haben wir die Mastitis in den Griff bekommen“

Eutergesundheit: Landwirte im Stall
am Mittwoch, 29.05.2019 - 09:00

Jede zweite Kuh von Ulrich Frank und Joachim Schreyer war euterkrank. 50.000 Euro weniger Milchgeld und 20 Merzungen waren schmerzhaft. Und sogar eine Milchliefersperre drohte dem Betrieb. So haben die Landwirte die Krise gelöst.

Es schüttelt den Milchviehhalter Ulrich Frank aus Gailenkirchen in Baden-Württemberg immer noch, wenn er an die Zeit zurückdenkt, als 53 Prozent seiner Milchkühe euterkrank waren. „Ich konnte damals nicht mehr richtig schlafen“, sagt er. Auch seinen GbR-Partner Joachim Schreyer begleitete die Krise bis in die Nacht: „Ich dachte, die hohen Zellzahlen bringen mich ins Grab.“

Die Zellzahlen stiegen von Monat zu Monat. Im Juni 2017 schließlich lagen die durchschnittlichen Zellzahlgehalte in der Herde bei 458.000 Zellen/ml. Eine Milchliefersperre drohte. „Da ging uns richtig die Düse“, sagt Ulrich Frank. Daraufhin haben sie beim Eutergesundheitsdienst (EGD) in Stuttgart angerufen und Martin Spohr kam, um den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Betriebsspiegel der Gliemenhof GbR
Landwirtschaftliche Nutzfläche (ha) 285
Anzahl Milchkühe (Stück) 350
Anzahl Nachzucht (Stück) 220
Milchleistung (kg/Kuh/Jahr) 10.000
Zellzahlgehalte im April 2019 (Zellen/ml) 230.000
Lebensleistung (kg Milch/Tier) 33.000
Remontierungsrate (%) 33
Milchpreis (ct/kg) 38

53 Prozent euterkranke Kühe

Ulrich Frank im Melkstand

Die Diagnose des EGD-Beraters war besorgniserregend. „53 Prozent der Kühe waren euterkrank – mit Zellzahlen über 250.000 Zellen/ml“, sagt Martin Spohr. Auch die Mastitiserreger waren schnell identifiziert: ein Drittel Staph. aureus, ein Drittel Umweltstreptokokken und das letzte Drittel mit unspezifischen Erregern.

„Als Erstes haben wir die Melkhygiene intensiviert“, sagt Martin Spohr. Der Milchviehbetrieb führte die Melkzeug-Zwischendesinfektion mit Peressigsäure ein. Und für die Zitzenreinigung verwendeten die Landwirte Desinfektionsmittelgetränkte Papiertücher.

Buttersäure im Futter

Auch die Melkroutine haben die Landwirte verändert. Dafür stellten die Betriebsleiter einen zusätzlichen Melker ein. „Eigentlich war uns das zu teuer“, sagt Landwirt Ulrich Frank. „Aber zu dritt hast du mehr Zeit für die Problemkühe.“

Neben der Melkhygiene und -routine hat Martin Spohr auch die Fütterung überprüft. Dabei zeigte sich, dass die Tiere von März bis Mai 2017 unter einer schlechten Grassilage gelitten haben. „Das Futter war voller Buttersäure“, sagt der Berater.

Dadurch sind die Milcheiweißwerte und die Milchleistung stark eingebrochen. Im Juni kamen zusätzlich zehn Kühe aus dem Abkalbebereich mit sehr hohen Zellzahlen. „Die waren alle Zellzahlmillionärinnen.“ Und die Hitzewelle im Sommer ließ die Zellzahlen noch weiter ansteigen.

Problem: Sulfat im Wasser

Die Gliemenhof GbR füttert eine Voll-TMR

Im Juli 2017 lagen die Zellzahlgehalte bei 529.000 Zellen/ml. Die euterkranken Kühe erhielten Antibiotika und Entzündungshemmer in der Laktation. „Das war aus der Not heraus“, sagt Ulrich Frank. Die theoretische Tankzellzahl hatte da bereits die Millionengrenze überschritten.

Doch ein Therapieerfolg blieb aus. Erst die Analyse des Tränkwassers brachte eine Erklärung. „Das Brunnenwasser enthielt bis zu 1.400 mg/l Sulfat.“ Tränkwasser für Milchkühe sollte aber nicht mehr als 250 mg/l Sulfat enthalten. „Bei zu hohen Werten saufen die Kühe weniger Wasser und ihr Säure-Basen-Verhältnis verschlechtert sich", erklärt Martin Spohr.

50.000 Euro Milchgeldverlust

Im August 2017 tauschten die Landwirte die Wasserquelle. Statt aus dem Brunnen kommt das Wasser jetzt aus der öffentlichen Leitung. Das Ergebnis: Die Tiere erholten sich und die Neuerkrankungen gingen zurück. Im Oktober 2017 waren die Zellzahlen auf 258.000 Zellen/ml gesunken.

Dennoch ist die Gesamtbilanz ernüchternd: 50.000 Euro Milchgeldverlust, 5 l weniger Milch pro Kuh und Tag und 20 gemerzte Kühe. „Wir haben für vier Monate die S-Klasse und für drei Monate die Güteklasse 1 nicht bekommen“, sagt Ulrich Frank. Dadurch hatten sie rund 16.000 Euro Milchgeldabzug.

Hinzu kamen die Kosten für Tierarzt, Medikamente und Remontierung. „Die Mastitis hat uns pro Kuh bis zu 500 Euro gekostet“. Und bis zur Milchliefersperre war es nicht mehr weit: „Ein Monat länger und die Molkerei hätte uns gesperrt.“

Wasseruhr als Vorsorge

Damit so etwas nicht wieder passiert, sorgt der Betrieb jetzt vor. „Wir haben eine Wasseruhr installiert“, sagt Ulrich Frank. So weiß er immer, wie viel Wasser seine Kühe saufen. „Und wenn ich merke, dass die Tiere zu wenig saufen, kann ich sofort reagieren.“

Auch der EGD-Berater ist zufrieden. Martin Spohr nickt anerkennend mit dem Kopf. „Das ist schon mal ein sehr guter Anfang", sagt er. Denn Wasser sei das wichtigste Futtermittel für Milchkühe.

Die ganze Reportage und mehr zum Thema Eutergesundheit lesen Sie im agrarheute Rinderheft Mai 2019.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe November 2020
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin.jpg