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Kälberaufzucht

So hoch sind die Kälberverluste wirklich

Landwirt tränkt einem Kalb Biestmilch
am Freitag, 07.02.2020 - 10:30 (Jetzt kommentieren)

In der Milchviehhaltung gehören Kälberverluste zum Alltag. Wie hoch sind die Kälberverluste bundesweit wirklich? Und was kann man dagegen tun? agrarheute hat zwei Expertinnen gefragt.

Die Geburt ist gut verlaufen. Irina Prem steht in der Abkalbebox und beobachtet, wie die Kuh ihr Kalb abschleckt. Neben viel Biestmilch und sauberen Iglus setzt die Landwirtin auf eine genaue Tierbeobachtung. „Wenn ein Kalb an Durchfall erkrankt, behandele ich es sofort“, sagt sie.

Das zahlt sich aus: Die Milchviehhalterin aus Schwarzach hat kaum Kälberverluste in der Aufzuchtphase. Auch der Anteil an verendeten Kälbern innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Geburt inklusive Totgeburten ist mit 2,3 Prozent gering. Doch das ist nicht auf allen Betrieben so.

Bayern: Rund 6 bis 10 Prozent Kälberverluste

In Bayern liegen die durchschnittlichen Kälberverluste in den ersten drei Lebensmonaten bei 3,7 Prozent (siehe Tabelle: „Kälberverluste nach ausgewählten Bundesländern“). Die Totgeburten sind bei dieser Zählung nicht berücksichtigt.

Rechnet man die Totgeburten mit, liegen die durchschnittlichen Aufzuchtverluste laut Analyse des Landeskontrollverbands (LKV) für männliche Kälber bei rund 10 Prozent. „Bei weiblichen Kälbern verlieren wir in Bayern rund 6 Prozent“, sagt Dr. Ingrid Lorenz vom Rindergesundheitsdienst Bayern.

„Das sind gute Werte. Im Vergleich zu anderen Bundesländern stehen wir gut da.“

Kälberverluste nach ausgewählten Bundesländern
Bundesland Geborene
Kälber
Kälber-
verluste [%]
Bayern (1) 1.251.279 3,7 (3)
Baden-
Württemberg (2)
342.318 4,5 (3)
Rheinland-
Pfalz (1)
120.470 4,8 (3)
Sachsen (2) 209.484 5,4 (3)
Schleswig-
Holstein (2)
356.094 7,3 (5)
Niedersachsen (2) 877.474 8,2 (4)

1) Daten von 2018;  2)Daten von 2019;  3)in den ersten
drei Monaten; 4) in den ersten sechs Monaten; 
5) bis zum neunten Monat

Die Totgeburten sind nicht berücksichtigt.

Quelle: HIT-Datenbank

Tote Kälber kosten viel Geld

In Rheinland-Pfalz etwa sterben im Schnitt 11 bis 12 Prozent in den ersten sechs Monaten, allerdings inklusive Totgeburten. „Das ist unbefriedigend hoch“, meint Heidrun Mengel vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz. Tote Kälber kosten richtig viel Geld.

Die Spanne bewegt sich nach Kalkulationen des Bildungs- und Wissenschaftszentrums Aulendorf zwischen 26 und 400 Euro, je nach Alter des Kalbs und vorheriger Behandlung. Woran liegt es, dass Kälber sterben?

Platz 1: Durchfall und Kälbergrippe

Ein Holsteinkalb im Stall

„Die allermeisten Tiere sterben in der Aufzuchtphase an Infektionskrankheiten“, sagt Ingrid Lorenz. Dabei spielt in den ersten drei Wochen vor allem der Neugeborenendurchfall eine entscheidende Rolle. „Sind die Tiere älter, stellt die Rindergrippe das größte Risiko für Kälberverluste dar.“ Das hänge vor allem damit zusammen, dass die Kälber in der Regel nach drei Lebenswochen in Gruppen gestellt oder zur Mast weiterverkauft würden. 

Das Problem sei, dass die Tiere zu diesem Zeitpunkt noch kein vollständig stabiles Immunsystem haben. „Die Tiere sind in diesem Alter noch anfällig. Wir nennen das die immunologische Lücke“, sagt Ingrid Lorenz. Die meisten Kälber werden zu Mastbetrieben nach Norddeutschland transportiert. „Die langen Transportzeiten sind ein großer Stress für die Kälber“, sagt die Tierärztin aus Bayern. Ein zusätzliches Problem ist, dass jedes Tier seine eigene Keimflora mitbringt. Das führt dazu, dass sich unterschiedliche Viren und Bakterien verbreiten.

Kälberverluste: Abhängig von der Rinderrasse

Sieht man sich die Kälberverlustraten genauer an, erkennt man auch einen Einfluss der Rasse. Da ist zum einen der geringe Wert der männlichen Holsteinkälber. Wenn ein solches Kalb krank wird, müsse sich der Landwirt genau überlegen, wie viel Geld er in die Behandlung des Tiers investiere.

Für Heidrun Mengel ist das nicht der einzige Grund. „Holsteinkälber sind weniger stabil“, sagt sie. „Die kommen mit einem leichteren Gewicht auf die Welt als zum Beispiel Fleckviehkälber.“ Zudem sinkt die Qualität der Biestmilch mit zunehmender Milchleistung ab.

„Dadurch kommt es zu einem Verdünnungseffekt des Kolostrums.“

Je mehr Biestmilch, desto besser

Kuh und Kalb im Stall nach der Geburt

Biestmilch ist aber mehr als nur eine erste Mahlzeit; sie wirkt als Schutz gegen Infektionen in den ersten Lebenswochen. „Viele Landwirte wissen zwar, dass das Kolostrum wichtig ist, aber viele wissen nicht, wie viel sie tränken sollen“, sagt Ingrid Lorenz. Sie empfiehlt, den Kälbern direkt nach der Geburt so viel Biestmilch wie möglich – mindestens aber 3 bis 4 l – zu geben.

„Der Hauptgrund für kranke Kälber sind Fehler bei der Biestmilchversorgung.“ Im Winter benötigen Kälber bei sinkenden Temperaturen mehr Kolostrum. Die Faustregel heißt: „Je 5 °C geringere Außentemperatur sind 1 bis 2 l mehr Kolostrum zu tränken“, sagt Heidrun Mengel. Angst davor, dass man zu viel gibt oder dass Flüssigkeit in den Pansen läuft, müsse man nicht haben. „Bei einem frischgeborenen Kalb ist der Pansen so groß wie eine Kaffeetasse. Da kann nichts reinlaufen.“ Ein weiteres Problem ist die Fütterung nach der Biestmilchgabe.

Tipp: Milch ansäuern und ad libitum tränken

Viele Landwirte tränken ihre Kälber nach wie vor rationiert. Die Tiere sollen so früher entwöhnt werden. „Das belastet aber das Immunsystem der Kälber.“ Heidrun Mengel rät, die Milch anzusäuern und ad libitum zu vertränken. „Das klappt jedoch nur, wenn das Kalb vom ersten Tag an nie die Erfahrung macht, dass es aufsteht und keine Milch da ist.“

Dazu kommt, dass die höheren Milchgaben nicht nur den Kälbern guttun, sondern sich auch in höheren Leistungen der späteren Kühe auszahlen. So zeigen Untersuchungen, dass gesunde Kälber, die ausreichend Milch erhalten, mehr Milchdrüsengewebe und eine hohe Leberkapazität entwickeln.

„Wenn die Kälber aber schon in den ersten sechs Wochen krank sind, kommt es nicht zur optimalen Ausbildung der Organe.“ Deshalb gilt: „Je besser sich Landwirte um ihre Kälber kümmern, desto mehr Milch geben die späteren Kühe“, sagt Heidrun Mengel.

Nur 2 Prozent Kälberverluste: So geht’s!

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