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So schützen Sie Ihre Kälber vor Mykoplasmen

Landwirt-tränkt-Kalb-viel-Biestmilch
am Mittwoch, 17.06.2020 - 09:00 (Jetzt kommentieren)

Kälber erkranken immer öfter an Mykoplasmen. Lungen-, Mittelohr- und Gelenkentzündungen sind die Folge. Das Problem: Die Bakterien lassen sich nur schwer behandeln. Die meisten Antibiotika wirken nicht und es gibt auch keinen kommerziellen Impfstoff. Was kann man tun?

Mykoplasmen haben es in sich: Sie sind hochansteckend, verbreiten sich oft unbemerkt im Bestand und lassen sich nur schwer behandeln. „Mykoplasmen sind sehr kleine Bakterien ohne Zellwand“, sagt Dr. Karen Schlez, Fachtierärztin für Mikrobiologie am hessischen Landeslabor in Gießen.

Mycoplasma bovis kommt weltweit am häufigsten vor. Bei Kälbern führen Mykoplasmen zu Atemwegserkrankungen, Lungen-, Gelenks-, Bindehaut- und Mittelohrentzündungen. Erkrankt ein Kalb an M. bovis fallen nicht nur die Behandlungskosten ins Gewicht, sondern auch die verringerten Gewichtszunahmen.

Mykoplasmen: Kälber als Kümmerer

Eine Kuh in einem LKW: Tiertransporte können Stress auslösen

Das Problem: An Mykoplasmen erkrankte Kälber entwickeln sich häufig zu Kümmerern. „Solche Tiere wachsen langsamer und können später als laktierende Kühe weniger Milch geben“, sagt die Expertin. M. bovis führt aber nicht immer dazu, dass ein infiziertes Kalb erkrankt. „Das passiert häufig erst, wenn das Tier geschwächt ist“, sagt Karen Schlez.

Zum Beispiel durch eine Vorerkrankung, den Transport oder anderen Stress. „In der Praxis sehen wir häufig Rinder, die Mykoplasmen-positiv sind, aber keine Symptome zeigen“, sagt die Tierärztin. Das Fatale daran: Über den Speichel, Tröpfchen in der Luft und Blut geben diese Tiere M. bovis in die Umwelt ab und infizieren so andere Kälber in der Gruppe. Steht in der Gruppe ein geschwächtes Kalb, wird das Tier mit hoher Wahrscheinlichkeit erkranken. Das erhöht den Keimdruck im Stall.

Bei Verdacht auf Mykoplasmen: Tierarzt rufen

„Leider kann man einen Mykoplasmen-Infektion beim Kalb nicht von außen erkennen“, sagt Walter Grünberg, Oberarzt an der Klinik für Rinder der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Aber es gebe Hinweise. Bekommt man die Kälbergrippe anders als sonst nicht mit der jeweiligen Standardbehandlung in den Griff, sollte man hellhörig werden.

Weitere Alarmzeichen sind, dass die Kälber länger krank bleiben und mehr Tiere sterben. Auch eine hohe Rückfallquote ist ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Hat dazu ein Kalb noch eine Mittelohrentzündung oder ein geschwollenes Gelenk, sollte man unbedingt auf Mykoplasmen testen lassen und den Tierarzt rufen.

Mykoplasmen: Nur wenige Antibiotika wirken

Bild-von-Mykoplasmen

Die Angst vor Mykoplasmen ist nicht unbegründet: Die Bakterien lassen sich nur schwer behandeln. „Es gibt nur wenige Antibiotika, die wirken.“ Penicillin, Amoxicillin oder Cephalosporine wirken nicht. „Auch Tetracycline funktionieren nur bedingt“, sagt Walter Grünberg. 

Hat man ein Antibiotikum gefunden, das gegen Mykoplasmen wirkt, stellt man häufig fest, dass es dem Kalb anfangs besser geht. „Ein paar Mykoplasmen kriegt man immer weg“, sagt Walter Grünberg. Aber die restlichen Mykoplasmen haben sich im Schleim oder in anderen Geweben eingeigelt.

Sobald der Landwirt mit der Behandlung aufhört, kommen die Erreger wieder raus. „Dann geht das Spiel von vorne los. Das betroffene Tier kann wieder erkranken und erneut Mykoplasmen ausscheiden.“ Einen kommerziellen Impfstoff gegen Mykoplasmen gibt es in Deutschland bisher nicht. Von stallspezifischen Impfstoffen hält der Experte wenig. „Sie funktionieren leider nur kurzfristig.“ 

Tipp: Mykoplasmen frühzeitig behandeln

Will man ein infiziertes Kalb behandeln, besteht zwar die Chance einer klinischen Heilung. „Das heißt, das Fieber verschwindet und das Tier frisst wieder“, sagt Walter Grünberg. Eine bakteriologische Heilung, also, dass das Kalb erregerfrei wird, ist jedoch bei Mykoplasmen schwierig. Und ein Erfolg ist schwer nachzuweisen, weil die Bakterien ja „Verstecken spielen“.

Was kann man tun? Die beste Chance für eine Heilung besteht, wenn sich die Mykoplasmen in der Lunge befinden und noch nicht eingeigelt haben. Sein Tipp: „Soll eine Behandlung von Mykoplasmen eine Chance auf Erfolg haben, sollte man so früh wie möglich und ausreichend lange mit Antibiotika behandeln.“

Vor Behandlung: Tiere auf Mykoplasmen testen

Bild-Tierarzt-untersucht-Kalb-im-Stall

Auch Entzündungshemmer können sinnvoll sein. „Aber sie können den Behandlungserfolg verschleiern“, sagt er. Sie sorgen dafür, dass das Fieber runtergeht und das Kalb wieder anfängt zu fressen. Das Problem ist, dass man nicht sicher weiß, ob das Antibiotikum wirkt. Sein Rat: „Fangen Sie mit Entzündungshemmer an, wenn Sie sie brauchen, aber setzen Sie das Mittel so bald wie möglich ab.“

Vor der Behandlung ist es zudem sinnvoll, testen zu lassen, wie viele Tiere im Bestand Mykoplasmen-positiv sind. „Ist nur ein Tier betroffen, sollte man kein Risiko eingehen und das Kalb aus dem Bestand nehmen“, sagt Walter Grünberg. Die Gefahr, dass das Kalb andere Tiere anstecke, sei einfach zu hoch. Auch sollte man prüfen, ob und wie viele weitere Tiere in der Gruppe bereits angesteckt wurden. Dazu testet man willkürlich ein paar weitere Tiere. 

Mykoplasmen: Vorsicht bei Tierzukauf

Sind mehrere Kälber positiv getestet, ist der nächste Schritt, die Übertragungskette zu identifizieren. Das heißt: Wo kommen die Mykoplasmen her? „Stammen die Erreger von einem zugekauften Tier, sollte man sich einen anderen Zukaufbetrieb suchen“, sagt Walter Grünger. Sein Tipp: Tiere nur von Betrieben kaufen, die so weit wie möglich dokumentiert haben, dass sie Mykoplasmen-frei sind.

„Bevor man den Betrieb wechselt, sollte man jedoch mit dem Verkäufer reden und ihn darauf hinweisen, dass er möglicherweise Mykoplasmen in seinem Bestand hat“, rät Karen Schlez. Kommt ein Wechsel des Händlers nicht infrage, ist es ratsam, die zugekauften Tiere in Quarantäneboxen zu stellen und auf Mykoplasmen testen zu lassen.

Infizierte Kälber: separieren und behandeln

Landwirt tränkt einem Kalb Biestmilch

Infizierte Kälber sollte man separieren und konsequent behandeln. „Wichtig ist dabei, dass man die Immunabwehr des Kalbs stärkt“, sagt Karen Schlez. Mit guter Belüftung, keiner Zugluft, Mykoplasmen-freier Milch und viel Einstreu. „Das Kalb sollte aufgepäppelt werden, damit es sich nicht noch eine weitere Infektion holt.“ 

Neben der Tröpfcheninfektion ist die Biestmilch ein häufiger Übertragungsweg von Mykoplasmen. Ein neugeborenes Kalb, das Milch von einer Mykoplasmen-positiven Kuh bekommt, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit anstecken. In so einem Fall rät Walter Grünberg: „Weg von der Milch, auf Milchaustauscher umstellen und Kolostrum pasteurisieren.“ Auch geschlossene Betriebe können sich Mykoplasmen einfangen. Etwa über den Tierarzt oder den Besamungstechniker.

„Eigentlich sollte es üblich sein, dass man die Schutzkleidung wechselt, wenn man von Betrieb zu Betrieb geht“, sagt er. Aber leider werde das nicht immer eingehalten. Sein Tipp: „Stellen Sie dem Tierarzt, wenn er zu Ihnen auf den Hof kommt, saubere Schutzkleidung zur Verfügung.“

Tipp: Schwachstellen des Betriebs prüfen

Gleichzeitig ist es wichtig, den Infektionsdruck in der Herde zu senken. Ab der Geburt des Kalbs sollte man prüfen, wo die Schwachstellen des Betriebs liegen. Wie sieht die Abkalbebox aus? Wie viel Kolostrum bekommt das Kalb? „Am besten sucht man sich einen Fachmann, der mit einem die Problembereiche aufarbeitet“, sagt Dr. Melanie Eisert von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

„Sonst wird man die Mykoplasmen nicht los." Und das ist die Krux. „Es gibt bisher kein Medikament, das infizierte Tiere allein, schnell und 100-prozentig heilt“, sagt Karen Schlez. „Mykoplasmen kriegt man nur in den Griff, wenn man sie von mehreren Seiten umzingelt.“

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