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Milchproduktion

Streit um Milchpreis und Anlieferungsmengen geht weiter

von , am
12.02.2010

Bern - Nachdem die Branchenorganisation Milch sich Ende Januar nicht auf eine Erhöhung des Richtpreises einigen konnte, sind die Schweizer Milchbauern zunehmend empört.

© agrarfoto.com

Ihr Dachverband SMP gibt sich noch nicht geschlagen und fordert die Anwendung der bestehenden Instrumente. Die Verarbeiter wiederum verweisen auf die immer noch bestehenden Butterberge, berichtet der LID-Informationsdienst in Bern.

Kritiker stellen bereits die Funktionsfähigkeit der Branchenorganisation in Frage. Schon vor Weihnachten hatten sich eidgenössische Milchbauern und Verarbeiter in der Branchenorganisation Milch (BO Milch) nicht auf einen neuen Richtpreis für Molkereimilch verständigen können. Auch in der Sitzung vom 28. Januar gab es keine Einigung, sodass im Milchmarkt weiterhin, nämlich bis Ende März, der Richtpreis von 62 Rappen (umgerechnet 42 Cent) pro Kilogramm gilt. Gesenkt wurde hingegen der sogenannte Mengenindex, mit dem die Anlieferung geregelt wird, von 103,6 auf 100 Prozent.

Die regionalen Händler müssen ihre Milchmengen nun von Anfang März bis Ende Juni um 3,6 Prozent reduzieren.

Bauern: Wut auf die BO Milch

Die Enttäuschung der Milchbauern über diese "Nullentscheidung" ist laut LID sehr groß, die Reaktionen sind massiv. Im Internetforum des "Schweizer Bauer" werden die Verarbeiter seither mit Kraftausdrücken eingedeckt, viele regionale und kantonale Bauernverbände reagierten mit scharfen Aussendungen auf das Ergebnis der BO-Vorstandssitzung. Der Schweizerische Bauernverband schrieb, es könne nicht sein, dass die Landwirte von positiven Marktentwicklungen nicht auch profitieren könnten. Die Basisorganisation BIG-M kritisierte, dass die versprochene Bindung des Milchpreises an das Indexsystem sich nun als leere Worthülse entlarve. Die Konsequenz müsse deshalb sein, dass die BO Milch wieder aufgelöst werde. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) erklärte, die Branchenorganisation sei weder fähig noch willens, die Misere auf dem Milchmarkt zu beenden.

Verarbeiter: Butterlager noch immer zu groß

Landwirte und ihre Verbände hatten bekanntlich auf eine Erhöhung gehofft, weil in der EU die Milchpreise seit dem Sommer 2009 wieder anziehen und weil auch der vom Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) errechnete Milchpreisindex ansteigt. Die Verarbeiter hingegen argumentierten, die Butterlager seien immer noch zu groß, eine Erhöhung des Richtpreises setze hier falsche Anreize. Die BO Milch ist zwar paritätisch mit Vertretern der Milcherzeuger und der Verarbeiter besetzt. Bei den Produzentenvertretern gibt es aber laut LID zwei, die unter den Milchhandels-Organisationen eine konsequente Konkurrenzstrategie fahren und deren Argumente sich oft mit denen der Verarbeiter decken.

Migros-Vertreter: Votum gegen Richtpreiserhöhung

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Nordostmilch AG haben sie eine Sperrminorität, denn laut den BO Milch-Statuten muss sowohl unter den zehn Produzentenvertretern wie auch unter den zehn Verarbeiter- und Handelsdelegierten eine Dreiviertel-Mehrheit zustande kommen. Gegen eine Richtpreiserhöhung waren dann aber auch die Vertreter von Migros, des Verarbeiters Hochdorf und der Käsereien. Groß ist die Enttäuschung auch bei der Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Aus ihrer Sicht ist das Problem, dass die Instrumente, auf die man sich im vergangenen Jahr geeinigt habe, nicht konsequent angewendet werden. "Den Butterberg von 8.000 Tonnen kann man nicht mit einem tieferen Milchpreis für die gesamte Menge abbauen", argumentiert SMP-Sprecher Christoph Grosjean-Sommer. Notwendig sei es vielmehr, die Vertragsmilchmenge auf die effektive Nachfrage hinunterzukürzen und sämtliche Milch, die darüber hinaus produziert wird, über die Börse zu verkaufen und so abzuräumen. Wenn die Vertragsmenge der effektiven Nachfrage entspreche, dann könne man auch den Richtpreis anhand des BLW-Milchpreisindexes erhöhen.

Bauern: Mengenreduktion abgelehnt

"Eine entsprechende Paketlösung mit einer Mengenkürzung auf 98 Prozent und einer Richtpreiserhöhung um 2,5 Rappen wurde aber ebenso abgelehnt wie alle anderen Kompromissvorschläge ", bedauert Grosjean-Sommer. "Diese Paketlösung wurde in der BO Milch schon innerhalb der Produzentenvertreter nicht angenommen ", erklärt dem gegenüber Lorenz Hirt, Geschäftsführer der Vereinigung der Schweizer Milchindustrie (VMI). Die Verarbeiter hätten ursprünglich eine noch stärkere Mengenreduktion auf 95 Prozent vorgeschlagen, dann hätte man über eine Richtpreiserhöhung diskutieren können. Das sei von der Bauernseite jedoch abgelehnt worden. Letztlich sei der BO Milch-Vorstand auch deshalb mit dem Mengenindex nicht unter 100 Prozent gegangen, weil sonst die 80/20-Regel zur Anwendung gekommen wäre: 80 Prozent der gekürzten Menge müssten die regionalen Handelsorganisationen ihren Milchbauern bei den gewährten Mehrmengen kürzen, 20 Prozent bei den angestammten Lieferrechten. Die Umsetzung dieses Mechanismus wäre für die regionalen Händler schwierig und kompliziert.

Auf keinen Fall aber könne man bei 100 Prozent Menge noch den Richtpreis um drei Rappen erhöhen, sagt Hirt: "Wir haben ein Mengenproblem. Für den Abbau der Butterlager muss die ganze Branche Mittel bereitstellen", betont er.

Branchenorganisation: Grundsatzdiskussion geht weiter

In der Branchenorganisation geht somit der alte Streit weiter: Soll die Schweizer Milchmenge möglichst stark nach Wertschöpfungskanälen segmentiert und der Erzeugerpreis dort, wo es möglich ist, hochgehalten werden - oder muss ohnehin das ganze Milchpreisniveau noch näher in Richtung EU-Level gerückt werden? Für letzteres ist Jacques Gygax, Direktor des Käsereiverbandes Fromarte: "Eine Erhöhung des Richtpreises wäre ein falsches Signal gewesen. Bei der Umsetzung hätten die Verkaufspreise für Molkereiprodukte erhöht werden müssen. Für Käse ist dies nicht möglich, wir verlieren zu den jetzigen Preisen schon Marktanteile", unterstreicht er. Für ihn seien die 100 Prozent und der gleichbleibende Richtpreis schon eine Art Kompromiss, der seiner Ansicht nach nicht den Marktrealitäten entspreche.

Gesprächsangebot: SMP lässt nicht locker

Die SMP als Vertreterin der Milchproduzenten will sich nicht geschlagen geben und nun mit den Gegnern von Mengenkürzung und Preiserhöhung das Gespräch suchen. "Wir werden einmal mehr die Fakten aufzeigen und versuchen, den Knoten zu lösen", sagt Grosjean-Sommer. Ziel sei es, bei einer Vorstandssitzung im Februar auf die Entscheide von Ende Januar zurückzukommen. Wenn der Mengenindex nicht um einige Prozente auf unter 100 reduziert werde, dann fielen 2010 wiederum 8.000 Tonnen Butter an, die niemand wolle. "Wir setzen alles daran, dass die Instrumente der BO Milch ihre Wirkung entfalten können und in erster Linie die Verursacher dieser Überschüsse zur Rechenschaft gezogen werden", gibt sich der Milchbauernvertreter kämpferisch. (aiz)

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