Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Tierwohl

Tierwohl: Worauf beim Melken zu achten ist

Beim Melken geht es um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kühe genauso wie um die Funktionssicherheit und Effizienz. Wie bringt man es zusammen?

am Sonntag, 30.10.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Das Melken sollte für das Einzeltier nicht länger als 60 Minuten je Melkzeit beanspruchen. Dabei unterstützen ein ausreichend breiter Zutrieb ohne Stufen und rechtwinklige Kurven. Während vor einigen Jahren die maximale Auslastung von automatischen Melksystemen (AMS) diskutiert wurde, wird heute immer öfter gezielt eine Unterlastung der Systeme eingerichtet. Ein zusätzliches Melksystem erzeugt zunächst hohe Investitionskosten, aber dafür sinkt der Aufwand für das Nachtreiben der Kühe. Auch wenn es inzwischen möglich ist, Tiere mithilfe von Ortungssystemen leichter zu finden, kostet das Holen der Tiere mit überfälligem Melkanrecht viel Zeit. Die individuellen Einstellungen der Melkanrechte entscheiden mit über die Systemauslastung. Da das Lockfutter im AMS sehr attraktiv ist für die Kühe, kommt es zu vielen erfolglosen Besuchen ohne Melkanrecht, die aber dem System Kapazität rauben. Optimal eingestellt berücksichtigt das System nach Einschätzung der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) Bayern eine Mindestzwischenmelkzeit von 7 Stunden und eine Mindestmilchmenge von 8 kg. Um Pansenübersäuerung zu vermeiden, sollten die Tiere je Melkbesuch maximal 2 kg Kraftfutter erhalten. Das passt auch zur Aufenthaltsdauer und Fressgeschwindigkeit der Tiere.

Wartebereich vor dem Melken ist der Schlüssel

Der Wartebereich sollte nicht nur groß genug (mindestens 1,8 m² je Kuh) und mit rutschsicheren Böden ohne klauenschädliche Kanten ausgeführt, sondern auch klimatechnisch gut gestaltet sein. Die technischen Möglichkeiten reichen von Ventilatoren, die gleichzeitig den Insektendruck verringern, bis zu Kuhduschen oder Wasserverneblern. Deren Einsatz endet nicht beim Warteraum, sondern erstreckt sich am besten auch in den Melkbereich selbst.

Wartebereiche werden in Roboterbetrieben häufig mit Spaltenböden ausgeführt, um eine gute Sauberkeit ohne stationäre Entmistungsanlagen zu gewährleisten. Es bietet sich an, hier einen Querkanal einzuplanen. Wird es im Winter sehr kalt, kann es zum Auffrieren von Kot auf den Spalten kommen. Dadurch wird der Untergrund uneben und rutschig, was im Melkwarteraum sehr ungünstig ist. Ein Lösungsansatz sind Spalten mit integrierten Edelstahlrohren, die in zwei Kreisläufen ans Warmwasser aus der Milchvorkühlung angeschlossen wurden. Dadurch gelingt es, den Wartebereich frostsicher zu halten, was bei mehrhäusigen Ställen eine besondere Herausforderung darstellt.

Wird im Wartebereich vor automatischen Melksystemen ein Querkanal eingebaut, ist dort der ideale Platz für den Mistabwurf der Schieber aus den Laufgängen. Die Abwürfe können dort problemlos eingeplant werden. Voraussetzung sind gleichmäßig ausgelastete Systeme, sodass sich nie zu viele Tiere im Wartebereich befinden.

Eutergesundheit beim Melken überwachen

Ein frühzeitiges Erkennen von Eutergesundheitsstörungen ist besonders in automatisierten Melksystemen wichtig, wo die melkende Person zur Vorgemelkskontrolle durch Sensortechnik ersetzt wird. Das Zellzahlmonitoring als Schlüsselindikator für die Eutergesundheit erfolgt hier entweder auf Basis des Gesamtgemelks oder viertelindividuell. Weitere Parameter, die sensorgestützt erfasst und bewertet werden können, sind elektrische Leitfähigkeit, Milchfarbe und -temperatur oder Laktosekonzentrationen. Durch die Kombination unterschiedlicher Parameter lässt sich der Anteil falsch positiver oder falsch negativer Befunde verringern.

Um Neuinfektionen durch kuhassoziierte Erreger zu vermeiden, sollte man das Melken mit gesunden und jungen Tieren beginnen und erkrankte Tiere möglichst zum Schluss melken. Ist dies nicht umsetzbar, empfiehlt sich eine Zwischendesinfektion der Melkzeuge, die in manchen automatischen Melksystemen bereits integriert ist. In den letzten Jahren sind umweltassoziierte Keime bedeutender geworden und so wird im Zusammenhang mit der Eutergesundheit vermehrt auf Laufgang- und Liegeboxenhygiene geachtet.

Um Eutergesundheitsstörungen vorzubeugen, ist zu empfehlen, die Zitzenkondition nach dem Melken regelmäßig zu beurteilen. Dabei wird auf Symptome wie Verfärbungen, Blutungen, Ödeme und Ringbildungen geachtet. Sie weisen darauf hin, dass das Gewebe um den Zitzenkanal oder die Strichkanalöffnung zu stark beansprucht werden.Nach dem Melken sind die Zitzen routinemäßig zu desinfizieren, denn die Strichkanäle sind dann noch geöffnet und Erreger können leichter in die Zitze eindringen.

Das Euter in Betrieben mit AMS zu kontrollieren oder zu behandeln, gestaltet sich manchmal problematisch. Am besten wird bereits beim Stallbau daran gedacht. Dann kann man beim AMS oder im Selektionsbereich eine Melkgrube einrichten.

Melkstandboden klauenfreundlich gestalten

Steile Fischgräten- oder Side-by-side-Melkstände ermöglichen einen schnellen Austrieb der Tiere. Was günstig für die Dauer der Gruppenwechsel ist, kann Nachteile für die Klauen mit sich bringen, da die Tiere häufig mehrere 90-Grad-Drehungen auf dem Melkstandboden durchführen müssen. Da Böden gleichzeitig rutschsicher und reinigungsfreundlich sein sollen, kommen im Melkstand häufig Epoxidharzböden zum Einsatz. In Kombination mit den durch die Baukonstruktion bedingten Wendungen der Tiere kann dies zu übermäßigem Klauenabrieb führen.

Gummibeläge in Melkständen werden in der Praxis kontrovers diskutiert, wobei es vor allem um die Hygiene geht. Grundsätzlich sollten Melkstände nach der Benutzung gründlich gereinigt werden. Zusätzlich sollten regelmäßig im Wechsel alkalische und saure Reinigungsmittel auf den Böden eingesetzt werden, die zum Beispiel mit einer Schaumlanze am Hochdruckreiniger aufgebracht werden können. Es ist hilfreich, Gummimatten nur einseitig zu verschrauben, sodass man sie für Reinigungsarbeiten hochklappen kann.

Beim Melken auf Lichtverhältnisse achten

Am besten ist es, wenn der Melkbereich so wenig wie möglich verschmutzt. Dazu trägt stressfreies Melken bei. Aufgrund der Physiologie des Rinderauges ist darauf zu achten, dass man große Lichtunterschiede beim Zutrieb und im Eingangsbereich vermeidet, denn die Hell-Dunkel-Anpassung ist beim Rind langsamer als beim Menschen. Folglich sollten Zutrieb, Warte- und Melkbereich sowie Austrieb gleichmäßig hell ausgeleuchtet sein. Als Richtwert werden 200 Lux empfohlen.

Ein rutschsicherer Boden trägt ebenfalls zu einem ruhigen Melkablauf bei. Beim Verlassen eines Melkkarussells ist dies besonders wichtig, weil die Kühe rückwärtsgehen müssen, während sich das Karussell weiterdreht. Die Positionierung der Kühe beim Melken ist nicht ganz einfach, da die Größenunterschiede recht hoch sind. Der Grund dafür liegt in der Altersstruktur der Herden, in denen frühe Erstkalbealter genauso gewünscht sind wie lange Nutzungsdauern. Im Melkkarussell kann ein Bügel die Reichweite der Kuh nach vorne begrenzen, der individuell von der melkenden Person angepasst wird und gleichzeitig den Austrieb unterstützt.

Melkbereich mit Integrierten Klauenwaschanlagen

Der Melkbereich eines automatischen Melksystems ist ideal zum Reinigen und Desinfizieren der Klauen, da die Tiere ausreichend lange verweilen, damit ein Biozid einwirken kann. Allerdings sollte der Vorgang für die Tiere angenehm sein, damit es den Melkprozess nicht beeinträchtigt. Dafür ist es wichtig, dass die Reinigung mit geringem Wasserdruck erfolgt. Erst anschließend ist die Applikation eines zugelassenen Biozids zur Vorbeuge von infektiösen Klauenerkrankungen sinnvoll. Klauenwaschanlagen sind in verschiedenen Systemen nachrüstbar oder werden direkt bei der Installation vorgesehen. Die Stärke des Systems liegt im regelmäßigen Anwenden, sodass, auch wenn die Klauenposition nicht jedes Mal optimal ist, von einer hohen Effektivität auszugehen ist.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Dezember 2022
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
agrarheute Magazin Cover

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...