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Stallbau

Tierwohlstall: Vor allem im Sommer ist die Ventilation entscheidend

Israelische Kühe besuchen im Sommer spezielle Duschplätze. Dort nässen grobtropfige Kuhduschen das Fell ein, während Ventilatoren für Luftaustausch sorgen.

Das Rind kann sich an ein breites Temperaturspektrum anpassen. Am besten ist es jedoch, wenn sich die Tiere in der thermoneutralen Zone befinden, denn dann benötigen sie keine Energie für den Ausgleich.

am Mittwoch, 24.08.2022 - 05:00

Als Wiederkäuer produzieren Rinder ruminale Verdauungswärme. Ist es zu warm, senken sie die Futteraufnahme. Ist es zu kalt, fressen sie mehr. Den Bereich, in dem keine zusätzliche Energie aufgebracht werden muss, um eine konstante Temperatur aufrechtzuerhalten, bezeichnet man als thermoneutrale Zone. Diese unterscheidet sich je nach Alter und Stoffwechselleistung der Tiere.

Junge Tiere produzieren selbst weniger Wärme, während sie gleichzeitig über die relativ große Körperoberfläche viel Wärme verlieren können. Damit ausreichend Energie für das Immunsystem übrig bleibt, ist es sinnvoll, Kälbern mit speziellen Lampen Wärme zu spenden oder über Kälberjacken den Wärmeverlust zu vermindern. Außerdem haben sich zugfreie Liegebereiche als Kleinklimazonen bewährt, die zum Beispiel mit Deckeln ausgestattet sind. Diese Bereiche können entweder geschlossen oder mit Windschutznetzen ausgeführt sein, sodass feuchte Luft leichter entweichen kann.

Umgekehrt meiden Kühe unter Hitzestress das Liegen, weil sie im Stehen mehr Wärme an die Umgebung abgeben können. Sie suchen gezielt Stallbereiche mit Luftbewegung auf. Das lange Stehen kann sich aber negativ auf die Klauengesundheit auswirken. Sowohl bei Hitze- als auch bei Kältestress ist von erhöhten Krankheitsrisiken auszugehen. Stresshormone führen zu einer Immunsuppression, was dazu führt, dass sich die Tiere weniger gut mit Krankheitserregern auseinandersetzen können.

Welchen Einfluss die Außentemperatur auf die Verlustraten haben kann, zeigen Studien von Dr. Seeger vom Rindergesundheitsdienst Baden-Württemberg. So verdoppelten sich die Verluste bei kleinen Kälbern und bei Tieren zwischen zwei und vier Monaten starben 41 Prozent mehr. Insgesamt waren die Tierverluste bei unter 24 Monaten alten Tieren bei Kälte um 61 Prozent höher und bei Wärme um 27 Prozent.

Regulieren durch Verdunstungskälte

Das Erzeugen von Verdunstungskälte ist für das Rind ein wichtiges Instrument zur Thermoregulation. Das passiert zum Beispiel durch eine höhere Atemfrequenz mit 70 bis 80 Atemzügen pro Minute. Damit geben die Tiere mehr feuchte Atemluft ab, wobei der Übergang vom flüssigen zum gasförmigen Zustand bei der Verdunstung Wärmeenergie entzieht. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Luft Wasser aufnehmen kann. Deshalb beurteilt man beim Stallklima nicht nur die Lufttemperatur, sondern gleichzeitig die relative Luftfeuchte (Temperatur-Humiditäts-Index, kurz THI). 30 °C warme Luft kann bis zur 100-prozentigen Sättigung zwar rund 30 g Wasser pro Kubikmeter aufnehmen, während es bei 0 °C nur rund 5 g sind. Wenn in der Umgebungsluft aber eine relative Luftfeuchte von über 70 Prozent erreicht ist, dann ist das Potenzial weitgehend ausgeschöpft. Damit der Abkühlmechanismus der Tiere funktionsfähig bleibt, muss daher für einen guten Luftaustausch gesorgt werden. Dies gilt besonders, wenn grobtropfige Kuhduschen angeboten oder Vernebelungsanlagen eingesetzt werden. Sie sollte man nur in Intervallen betreiben und idealerweise automatisch regeln.

Sensorgestütztes Stallklima

Unabhängig vom Alter des Stalls empfiehlt es sich, die Stallklimatisierung mithilfe von Sensoren zu unterstützen. So können im Stall Lufttemperatur und relative Luftfeuchte erfasst werden und auf dem Dach messen Wind- und Regensensoren die aktuellen Wetterbedingungen. Eine intelligente Steuerung verknüpft die Informationen und regelt die Öffnung der Firstentlüftung und der Curtains oder Hubfenster.

Die Steuerungstechnik wird künftig noch bedeutender werden. Dabei geht es nicht nur um Wetterextreme, sondern auch um den abgestimmten, energieeffizienten Einsatz der Automatisierungstechnik im Stall. So ist es beispielsweise sinnvoll, wenn Curtains oder Hubfenster schließen und Ventilatoren pausieren, während eine Einstreuanlage unterwegs ist, denn so wird das Verwehen von Einstreumaterialien verringert. Das Potenzial intelligenter Steuerungssysteme ist aber noch größer.

Zusätzliche Sensoren können Schadgase messen und beispielsweise eine Laufgangbefeuchtung und Entmistungstechnik aktivieren.

Tipps für den Stallneubau

Beim Stallneubau sollte man generell darauf achten, dass Dachüberstände großzügig geplant sind. Damit vermeidet man Sonneneinstrahlung genauso wie den Eintrag von Niederschlägen. Bei mehrhäusig gebauten Ställen verringern Schattierungseinrichtungen den Wärmeeintrag durch direkte Sonneneinstrahlung. Große Giebelwände können ebenfalls wärmegedämmt ausgeführt werden, um das Gebäude möglichst wenig aufzuheizen. Helle Dacheindeckungen heizen den Stall weniger auf als dunkle. Photovoltaikanlagen reduzieren den Wärmeeintrag gegenüber ungedämmten Dacheindeckungen. Eine aktive Kühlwirkung haben Gründächer, weil sie Regenwasser speichern und die Verdunstungskälte nicht nur nach unten, sondern in die Umgebung wirkt.

Der Einsatz von Ventilatoren ist aufgrund der Zunahme heißer Perioden mit wenig Wind an den meisten Standorten unvermeidbar. Grundsätzlich ist zu überlegen, ob Luft umgewälzt (Horizontalventilatoren an der Decke) oder der Luftaustausch unterstützt werden soll (Axialventilatoren an den Außenwänden). Wichtig ist auch, dass nicht nur geplant wird, wohin die Abluft geht, sondern auch, wo die Zuluft herkommt. Damit Luft ungehindert strömen kann, sind mögliche Hindernisse im Stall wie an der Dachkonstruktion zu bedenken.

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