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Landwirt fragt, Experte antwortet

Trächtige Milchkühe verenden auf Weide: Ein Landwirt auf Spurensuche

Bei Biolandwirt Sebastian K. ist im August 2022 eine Milchkuh auf der Weide verendet.
am Mittwoch, 16.11.2022 - 05:00 (2 Kommentare)

Bei Biolandwirt Sebastian K. aus Bad Feilnbach in Bayern verendeten im August und Oktober zwei trächtige Milchkühe auf der Weide. Die Tierärztin vermutete eine Schaumgärung wegen zu viel Kleegras. Der Landwirt ist verunsichert und hat Sorge, dass nächstes Jahr wieder eine Kuh auf der Weide verendet. Was kann er präventiv tun?

Dieser Sommer verlief bei Biolandwirt Sebastian K. aus Bad Feilnbach in Bayern anders als geplant. Mitte August verendete eine trächtige Milchkuh. „Die Jungkuh lag mittags tot auf der Weide mit aufgebähtem Pansen und herausgestreckter Zunge“, sagte der Jungbauer. „Zu der Zeit hatten wir auf unserer Kurzrasenweise einen starken Kleeaufwuchs - witterungsbedingt.“

Die Tierärztin vermutete eine Schaumgärung. „Sie meinte, dass die Jungkuh wahrscheinlich zu viel Kleegras gefressen hat und daran verendet ist“, sagte der Landwirt. Eine pathologische Untersuchung fand nicht statt. Seinen restlichen 34 Milchkühen fehlte nichts. „Meine Tiere ließ ich weiterhin tagsüber auf die Weide.“ Nachts im Stall fütterte der Landwirt Grummet, Kraftfutter und Futterkalk. „Kraftfutter bekommen meine Kühe nur in geringen Mengen. Wir füttern es manuell.“

Im Oktober verendete erneut eine Milchkuh auf der Weide – wieder gegen Mittag. Das Tier war erst vor zwei Tagen besamt worden. „Die Fleckviehkuh lag aufgebläht und mit herausgestreckter Zunge auf der Weide – genau wie die Kuh, die im August verendet ist“, sagte Sebastian K. „Das Komische ist, dass die Weide zu der Zeit nahezu abgegrast war.“

Landwirt geschockt: Zwei tote Milchkühe in drei Monaten

Für Familie K. war das ein Schock. Und ein hoher wirtschaftlicher Verlust. „Wir verloren mit jeder verendeten Milchkuh etwa 2.500 Euro“, sagt der Biolandwirt. „Der größte Verlust ist aber die Arbeit und die Energie, die wir in die Kühe reingesteckt haben, vom Kalb bis zur Kuh“, sagte er.

Für den Landwirt ist klar: „Ich will meine Kühe auch nächstes Jahr wieder raus auf die Weide lassen.“ Aber die Sorge bleibt, dass wieder eine Kuh verendet. Was kann er tun? Siegfried Steinberger von der Landesanstalt für Landwirtschaft (Lfl), selbst Biolandwirt, hat Tipps für ihn.

Tipp 1: Kühe auf Kurzrasenweide grasen lassen

Kleegras, aber auch reine Grasbestände können blähen. Je hastiger eine Kuh davon frisst, desto eher kann es zu einer Pansengärung kommen. Um zu verhindern, dass Rinder zu hastig kleereiches Weidefutter fressen, rät Siegfried Steinberger zur Kurzrasenweide. „Das heißt, der Aufwuchs soll eine Höhe von 5 bis 7 cm aufweisen. Dadurch ist die Futtermenge je Bissen begrenzt und die Gefahr einer zu hastigen Futteraufnahme ist weitaus geringer“, sagt er.

Eine konsequent geführte Kurzrasenweide biete über den gesamten Vegetationsverlauf eine konstante Futterqualität. Das sei der Hauptvorteil der Kurzrasenweide. „Bei einer Umtriebs- bzw. Portionsweide ist die Gefahr für Blähungen deutlich höher“, sagt der Lfl-Berater.

Sofern ausreichend Weidefläche zur Verfügung steht, rät Siegfried Steinberger zur Vollweide. „Vollweide heißt, dass die Tiere bei ausreichenden Futterangebot ausschließlich Weidegras aufnehmen“, sagt er. Eine Zufütterung beschränke sich auf Mineralstoffergänzung und Lockfutter.

Auch beim Eingrasen, also dem Füttern von Frischgras im Stall, sollten Landwirte achtgeben. „Kleegras kann bei hastigem Fressen zu Pansengärungen führen“, sagt der Lfl-Berater.

Tipp 2: Kühe kontrolliert füttern

Was kann man noch tun, um zu verhindern, dass Kühe zu viel Kleegras fressen? Siegfried Steinberger rät: „Will ein Landwirt im Stall zufüttern, ist es wichtig, eine kontrollierte Zufütterung vorzunehmen“. Bei unkontrollierter Fütterung kann es passieren, dass eine Kuh im Stall nichts frisst, etwa weil sie rindert. „Während der anschließenden Weideperiode hat die Kuh umso mehr Hunger und weidet hastig Gras“, sagt er.

Die Wahrscheinlichkeit für eine Pansengärung steige. Hier empfiehlt der Experte: „In der Praxis hat sich deshalb die Nachtweide besser bewährt. Am Tag ist eine kontrollierte Stallfütterung einfacher umzusetzen.“

Tipp 3: Kühe nicht zu viel Kraftfutter geben

„Das nächste Problem, was in der Praxis immer wieder auftaucht, sind falsche Kraftfuttergaben“, sagt der Lfl-Berater. Je nach Weide-/Grasanteil sollten Landwirte auf ein Kraftfutter setzen, das geringe Stärkeanteile, zum Beispiel Trockenschnitzel, hat und eine hohe Pansenstabilität aufweist, etwa Körnermais. Auch zu viel Kraftfutter kann problematisch werden. „Bei hohem Weideanteil sind Tagesgaben von mehr als 3 kg Kraftfutter meist nicht sinnvoll.“

Und dann gebe es noch das Problem, dass die Kraftfutterstationen selten kalibriert würden. „Da weiß man nie, was die Kühe wirklich fressen“, sagt er. „Oftmals sind die Stationen so eingestellt, dass, wenn eine Kuh an einem Tag weniger Kraftfutter frisst, am nächsten Tag die Restmenge erhält.“ Das kann die Verdauung der Tiere durcheinanderbringen und zu einer Pansengärung führen.

Tipp 4: Bei Neuansaat blausäurearme Kleegrassorten wählen

„Immer mehr Betriebe wandeln Ackerland zu hochwertigen Weideflächen um. Will man neu einsähen, sollte man darauf achten, dass man blausäurearme Kleegrassorten wählt“, sagt Siegfried Steinberger. Erhöhte Blausäuregehalte stehen im Verdacht Pansengärungen bei Rindern auszulösen.

„Auch das hastige Fressen von gefrorenem Gras kann einen aufgeblähten Pansen verursachen“, sagt er. Hier sollte man vor allem im Frühjahr vorsichtig sein.

Tipp 5: Vorsicht beim Bärenklau – die Pflanze kann den Pansen aufblähen

Verschiedene Pflanzen können bei hoher Dosierung auch zu Blähungen führen. „Ich denke hier vor allem an dem Bärenklau“, sagt Siegfried Steinberger. „Auf einem Milchviehbetrieb, den ich betreut habe, ist das mal passiert. Da haben die Kühe sehr hohe Mengen an Bärenklau gefressen und am nächsten Tag hat es vier Kühe den Pansen aufgebläht.“

Die Giftpflanzen Herbstzeitlose und Jakobskreuzkraut meiden die meisten Kühe. „Sie fressen eher um die Pflanzen herum“, sagt er. Die Herbstzeitlose kann Durchfall und Koliken auslösen. Pansengärungen eher nicht, so der Experte.

Tipp 6: Salatöl hilft aufgeblähten Kühen

Was kann man tun, wenn eine Kuh einen aufgeblähten Pansen hat? „Ein einfaches Hausmittel ist Salatöl“, sagt Siegfried Steinberger. „Einer ausgewachsenen Kuh gibt man einen Liter Salatöl - direkt in den Schlund.“ Das löse die Bläschen auf und der Schaum falle ins sich zusammen.

Bei Kälbern reiche ein halber Liter Salatöl. „Ich habe immer Salatöl daheim, nur für den Fall. Man steckt nicht in den Kühen drin und oft kann man es sich nicht erklären, warum es das Tier bläht.“ In fortgeschrittenen Stadien kann man mittels Schlundsonde, eingeführt in den Pansen, überschüssige Gase abführen. Die letzte Maßnahme ist der Pansenstich mittel Trokar.

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