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Interview

Die Trends im Stallbau

Rohbau eines Milchviehstalls aus Holz mit Baugerüst
am Donnerstag, 11.04.2019 - 05:00

Wo geht die Reise hin? Wie sieht die zukünftige Generation Milchviehställe aus? Wir haben bei Christiane Brandes vom Innovationsteam Brandes nachgefragt und über Anforderungen und Trends im Stallbau gesprochen.

Kosten, Anforderungen, Bürokratie – wie machen sich diese Hürden im Stallbau bemerkt?

Ein Kuhplatz soll natürlich nicht teurer sein als unbedingt nötig. Da haben sich die Ziele in den letzten Jahren nicht geändert. Investitionswillige Landwirte scheitern nun aber an sehr restriktiven Umweltauflagen und Hürden im Genehmigungsverfahren. Der bürokratische Hürdenlauf macht Vorhaben teuer und langwierig. Bei der Vielzahl der Auflagen, die regional oft unterschiedlich ausfallen, und zahlreichen Behörden, die zu involvieren sind, wirken die Genehmigungsverfahren zunehmend unberechenbar und abschreckend. Die Bereitschaft der Banken, in lange Planungsverfahren zu investieren, deren Ende oft offen ist, sinkt auch. Selbst wenn alle vorgenannten Gründe einen Landwirt nicht von seinem Vorhaben zum Stallbau abhalten können, dann ist es oft die öffentliche Auslegung der Projekte im Rahmen des Genehmigungsverfahrens, die weiteren Druck erzeugt. Meist ist es der Beginn einer unsachlichen Diskussion der Medien, die nicht selten mit regelrechten Hetzkampagnen im sozialen Umfeld enden, die ein Stallbauvorhaben scheitern lassen.

 

Geht es dabei noch um das Tier, das Tierwohl und den Menschen, der seine Familie ernährt?

Der Stallbau an sich mit dem Fokus auf Kuhkomfort, gute Arbeitswirtschaft und damit eine Effizienzsteigerung für den Betrieb ist leider schon fast in den Hintergrund getreten. Jetzt geht es um die Befriedung der Umweltaspekte eines Genehmigungsverfahrens, die weitaus höher angesiedelt sind. Neben Selbstverständlichkeiten, wie das Auffangen des verschmutzten Oberflächenwassers, sind es enorme Brandschutzauflagen eigentlich nicht entflammbarer Ställe mit zum Beispiel selbstschließenden Brandschutzwänden oder eingezäunten, beleuchteten Evakuierungsflächen für Kühe im Außenbereich. Diese Auflagen verursachen teilweise nicht nur ärgerliche Mehrkosten, sondern strengere Immissionsschutzauflagen, zum Beispiel zum Schutz vor Ammoniakeintrag in den Wald, die den mit dem Stallneubau verbesserten Komfort für die Tiere ad absurdum führen. Wurde über Jahre der natürliche Stall mit natürlicher Belüftung und hohen Luftwechselraten gefordert, müssen nun vormals offene Ställe wieder verschlossen werden und statt offenem First die Abluft über Schornsteine in höhere Luftschichten abgeführt werden. Leidtragende sind die Tiere, die wie im vergangenen warmen Sommer hechelnd in geschlossenen Ställen bleiben.

 

Welche Stallbauformen, Techniken, Strukturen und Größenordnungen sind derzeit gefragt?

Sicherlich gibt es zwei große Trends: Der Betrieb, der weiterhin auf konventionelle Melk- und Fütterungstechnik setzt und im sechsreihigen Milchviehstall mit planebenen Laufböden, Tiefboxen und mittigem Futtertisch über Skaleneffekte in Kostenführerschaft Milch produziert. Die Investitionskosten sind geringer und menschliche Arbeitskraft wird fest eingeplant. Auf der anderen Seite steht der Automatisierungstrend, der sich nicht nur auf die Melktechnik, sondern auch auf das Füttern und Treiben ausdehnt. Beim Versuch, die menschliche Arbeitskraft durch Technik zu ersetzen, entstehen neue Stallbauformen und Investitionsstrukturen mit neuen Möglichkeiten. Die Gewinnung zahlreicher Tierdaten ermöglicht eine sehr enge Überwachung des Tiers und Hilfe bei Managemententscheidungen. Jede Stallbauform, ob klassisch oder automatisiert, hat ihre Vor- oder auch Nachteile und so muss betriebsindividuell entschieden werden, welche Bauform für den jeweiligen Bauherren passend ist. Problematisch ist zurzeit, dass bei neueren Entwicklungen der Automatisierung, wie der Fütterung, die Erfahrungen zur Langlebigkeit der Systeme und zu den Auswirkungen auf die Kostenentwicklung fehlen.

 

Welche Trends aus dem Ausland fassen hier gerade Fuß und welche sind noch nicht angekommen?

Weniger neu, aber nach wie vor in den USA sehr beliebt sind Sandboxen, planebene Lauf-und Fressgänge und eine gute Belüftung, wenn es sein muss auch mit großen Ventilatoren. Bei Stromkosten von 3 bis 7 Cent/kWh ist eine mechanische Stallbelüftung sinnvoll. Von den Axialventilatoren über den Liegeboxen, die es auch in Deutschland gibt, über Windtunnelbelüftungen, die eine Mischung aus natürlicher Belüftung und Unterdrucklüftung darstellen, entstand für die Regionen mit sehr heißem und auch sehr kaltem Klima der Cross Ventilated Stall. Die Kühe sehen das Tageslicht nie und der Stall wird ausschließlich über an der Stalllängsseite sitzende Außenwandventilatoren mit Unterdruck belüftet. So sind auch sehr breite Ställe mit 16 Reihen oder mehr möglich. Doch die „CrossVents“ stehen genau aus diesem Grund in der Kritik, weil ein Teil der Kühe immer sehr verbrauchte Luft bekommt. Ganz neu ist daher der Trend zum Vierreiher in Kombination mit der natürlichen Belüftung mit Überdrucksystem. Leider sind bei diesem Stall sowohl die Baukosten als auch der Strombedarf recht hoch.

 

Welche Rolle spielt die Automatisierung?

Die Automatisierung ist nicht aufzuhalten. Sie hat in fast allen anderen Wirtschaftszweigen Einzug gehalten, warum nicht auch in der Milcherzeugung? Es gibt viele Routinearbeiten, die von Robotern konstanter und präziser erledigt werden können. Kühe nehmen die monotonen Bewegungen und damit die Berechenbarkeit von Robotern gut an. Wie schnell und ob sich die Automatisierung durchsetzt, hängt im Wesentlichen von den Investitionskosten, den laufenden Betriebskosten oder dem fehlenden Fachkräftemangel ab.    

Automatisierung im Milchviehstall

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