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Rinderhaltung

Uruguay: Mehr Rinder als Menschen

Weide in Uruguay
am Montag, 06.07.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Das kleinste südamerikanische Land zählt zu den größten Rindfleischexporteuren der Welt. Wir haben einen Rindermäster und einen Milchviehhalter besucht.

Wer durch Uruguay reist, durchquert vor allem Regionen mit sanften Hügeln und kleinen Flüssen. Fast überall ist Weideland, nur leicht unterbrochen von Wäldern und Feldern mit Sojabohnen und Sonnenblumen beziehungsweise mit Mais und Getreide. Von den etwa 16 Mio. ha Land werden mehr als
13 Mio. ha von Rinderhaltern genutzt. Das sind über 80 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Darauf grasen fast 12 Mio. Rinder. So hat Uruguay etwa viermal mehr Rinder als Einwohner. Allerdings dienen die meisten Rinder der Fleisch- und nicht der Milchproduktion. Das Fleisch wird vor allem nach China und Europa exportiert. Mit 61 kg pro Person und Jahr ist Uruguay aber auch Weltmeister beim Konsum von Rindfleisch. Die Steaks werden traditionell auf dem Grill zubereitet.
Rindfleisch aus Uruguay genießt weltweit einen besonderen Ruf, wegen seines guten Geschmacks und der hohen Qualität. Schließlich werden die Rinder vor allem auf Naturweiden gehalten und es gibt kaum Zufutter. Hormone, Antibiotika und jedwede andere Leistungsförderer sind verboten.

Weideumtrieb hoch zu Ross

Sattel für die Pferde

Im Westen Uruguays nahe der Stadt Colonia de Sacramento sieht man viele Rinderherden grasen. Das Weideland ist in große Koppeln unterteilt. Dann sehen wir schon auf einem Hügel die Hazienda Brune. Dort empfangen uns Marcelo und Rosina Brune auf ihrem Landgut. Inmitten einer gepflegten Parkanlage steht ihr schönes Wohnhaus. Gleich daneben ist ein großer Fangstand für die Rinder eingerichet. Dort ist gerade Sohn Frederico damit beschäftigt, Rinder gegen Parasiten zu behandeln. Dazu erfasst er mit dem Smartphone die Identität des Tiers. Dann erhält es eine Insektizidgabe. Alles läuft wie am Schnürchen. Solche Behandlungen sind erforderlich, weil es in dieser Gegend neben vielen Fliegen auch Zecken gibt, die die Gesundheit der Tiere beeinträchtigen.
Auf der Hazienda werden 1.800 Rinder gehalten. Dazu kauft die Familie vor allem männliche Absetzer aus dem Norden Uruguays. Dort wird auf den trockeneren Standorten mit spärlichem Grasaufwuchs vor allem Mutterkuhhaltung  betrieben. Das Futter reicht dort für eine Weitermast nicht aus. Daher werden die meisten Tiere im Alter von vier bis fünf  Monaten und einem Lebendgewicht von 150 kg über Zwischenhändler an Mäster verkauft.
Es sind vor allem Tiere der Rassen Angus, Hereford und Kreuzungen. Der Preis liegt im Schnitt bei 2,60 US-Dollar/kg. In den südamerikanischen Ländern wird überwiegend in US-Dollar gerechnet.

Rindermast und Ackerbau

Landwirt Marcello Brune

Bei den Brunes erhalten die Tiere vom ersten Tag an bestes Weidefutter. Die Herden sind nach Altersgruppen aufgeteilt und bekommen regelmäßig eine frische Koppel. Der Umtrieb erfolgt hoch zu Ross. Familie Brunes und auch die Angestellten sind gute Reiter. Die Rinder nehmen im Schnitt rund 1.200 g am Tag zu. Mit einem Jahr und zwei Monaten wiegen sie dann rund 500 kg. Der Tierverkauf erfolgt an große Schlachtketten. Die Erlöse liegen bei 1,90 US-Dollar je kg Lebendmasse, das sind etwa 950 Dollar je Tier. Damit kommen die Brunes zurecht.
Die Hazienda verfügt über 1.650 ha Eigenland plus 450 ha Pachtland. Hinzu kommen noch 300 ha Naturland mit ursprünglicher Vegetation. Auf zwei Dritteln der Nutzfläche wächst Gras; ein Drittel wird mit Weizen, Mais und Soja bestellt. Die Erträge je Hektar liegen bei 40 bis 50 dt Weizen, 80 bis 90 dt Körnermais und etwa 30 dt Soja. Auf einigen Flächen gibt es sogar zwei Ernten pro Jahr.
Interessant ist, dass man zur Weizenaussaat gleichzeitig eine Mischung mit Raygras, Rot- und Weißklee ausbringt. So wächst nach der Weizenernte noch ein guter Futteraufwuchs heran, der beweidet oder siliert werden kann. Auf diese Weise wird auch das Grünland in Rotation erneuert.
Die Körnerfrüchte werden direkt vom Feld verkauft. Vier Mitarbeiter sind auf dem Betrieb beschäftigt. Jeder kann alle Tätigkeiten verrichten, also mit dem Lasso und auch mit der Landtechnik umgehen. Das ist sehr wichtig, denn die beiden Söhne sind nur zeitweise zu Hause. Sie studieren in Montevideo Agrarwirtschaft und werden eines Tages eigene Wege gehen. Auch die Tochter hat bereits ein Studium aufgenommen.

Mit 74 Milchkühen am kämpfen

Milchviehhalter Carlos Hodel

Schwerer als die großen Haziendas mit Mastrinderhaltung, wie die Brunes, haben es in Uruguay viele Kleinbauern mit 100 bis 200 ha Land und 80 Milchkühen. Sie bewirtschaften oftmals weniger fruchtbare Flächen mit spärlicherem Grasaufwuchs. Über einen solchen Betrieb verfügt die Familie Hodels in Colonia Miguelete. In dieser Region schlängelt sich ein kleiner Fluss durch Wälder, Äcker und Weiden.
Auf einer Anhöhe befindet das kleine Gehöft, eine ehemalige Post. Dort wirtschaftet Carlos Hodel. Der 36 Jahre alte Landwirt hat den Betrieb mit 74 Milchkühen plus Nachzucht sowie 164 ha Land von seinen Eltern gepachtet. Außerdem bewirtschaftet er noch einen zweiten Betrieb mit 120 Kühen, der im Besitz der Tante ist. Der Betrieb ist äußerst einfach eingerichtet. Alle Rinder sind ganzjährig auf der Weide. Auf den Feldern wachsen im Sommer (November bis März) Mais, Sorghum und Soja. Im Winter (Mai bis August) wird Getreide angebaut. Neuansaaten mit Klee und Gras sprießen über das ganze Jahr. Sie dienen ähnlich wie zum Teil Mais und Sorghum der Bereitung von Silage und Heu. Das Weideland befindet sich etwas entfernt vom Hof in Flussauen und Hanglagen.

Milchpreis unter Vollkosten

Zum Jahreswechsel 2019/2020 herrschte dort große Trockenheit. Vieles verdorrte auf dem Halm. Das Gras auf den Weiden reichte für die Kühe nicht aus, sodass noch Heu und Silage zugefüttert werden mussten. Die Vorräte waren bald aufgebraucht, und die Milchleistung der Kühe ging zurück.
Der junge Landwirt ist dennoch frohen Mutes. Er zeigt mit Stolz seinen neuen Swing-over-Melkstand mit 2 x 10 Plätzen, der seine Arbeit erleichtert. Es ist die erste größere Investition in seinem Betrieb. Dort melkt er die Kühe in knapp einer Stunde. Startzeit ist täglich um 11 und 23 Uhr. Die Zeit am späten Abend hat er gewählt, weil nachts der Strom deutlich billiger ist als tagsüber.
Hodel muss sehr auf die Kosten achten. Er bekommt nur 29 US-Cent/kg Milch. Die Vollkosten liegen bei ihm zurzeit um die 30 US-Cent/kg. Eigentlich bräuchte er 40 Cent/kg Milch, um voranzukommen, sagt er. Seine Kühe geben im Schnitt rund 19 kg Milch am Tag. Das sind rund 7.000 kg im Jahr mit 4,1 Prozent Fett und 3,5 Prozent Eiweiß. Die recht hohen Inhaltsstoffe in der Milch verdankt Hodel der Anpaarung mit Sperma von Jerseys an seine Holsteinkühe. Den Ratschlag bekam er von Freunden aus Neuseeland. Die Kreuzungskühe sind robuster und gute Grasverwerter. Kraftfutter füttert er etwas beim Melken zu.
Die Kälberaufzucht ist einfach organisiert. Auch für die Kleinsten gibt es keinen Stall. Sie werden anfangs auf einer Weide direkt neben dem Haus an einen Pflock gebunden. Milch erhalten sie zweimal täglich aus einem Eimer mit Nuckel. Danach kommen sie gruppenweise auf die Weide, wo es statt Milch nur noch Wasser gibt.

Tragende Rinder und männliche Kälber in den Verkauf

Auch die Aufzucht der Färsen erfolgt bis zur Hochträchtigkeit auf der Weide. Weil Hodel nicht alle Tiere zur Remontierung benötigt, verkauft er tragende Rinder. Die männlichen Kälber gehen meist schon nach drei Tagen vom Hof. Dafür erhält er 50 US-Dollar pro Kalb. Acht Monate alte Tiere verkauft er für 250 US-Dollar zur Mast. Auch das bringt nur wenig Geld.
So wie Carlos Hodel geht es vielen Milchviehhaltern in Uruguay. Nicht wenige geben wegen der niedrigen Milchpreise auf. Insgesamt werden in diesem kleinen Land 2 Mio. t Milch an die Molkereien geliefert und weiterverarbeitet. Ein Großteil davon geht in den Export.

Fazit

Auch die Landwirtschaft in Uruguay steht vor großen Herausforderungen. Rindermäster kommen derzeit noch gut über die Runden, wenn der Fleischexport klappt. Kleinere Betriebe mit Milchviehhaltung müssen dagegen mit jedem Cent rechnen und Investitionen reiflich überlegen. Staatliche Unterstützung gibt es in Uruguay nicht. Dabei hängen im Land Wohl und Wehe vor allem von der Landwirtschaft ab. Schließlich ist sie neben dem Tourismus der größte Devisenbringer.

Uruguay: Rinder in der Mehrheit

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