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Weidemanagement

Virtuelle Zäune: Die Weidehaltung der Zukunft?

Holsteinkühe grasen auf einer Weide
am Mittwoch, 11.11.2020 - 14:18 (2 Kommentare)

Virtuelles Zaunstecken mit der App: Das soll die Weidehaltung einfacher machen. Forscher der Universität Göttingen testen in einem mehrjährigen Projekt, ob das wirklich funktioniert. Der erste Testlauf verlief positiv. In den sozialen Netzwerken äußern die User Kritik.

Martin Komainda ist Teil einer Forschungsgruppe in der Abteilung Graslandwissenschaft an der Universität Göttingen, die die Weidehaltung revolutionieren will. Mithilfe eines mehrjährigen Beweidungsexperiments wollen die Forscher herausfinden, ob virtuelle Zäune ein System für die Zukunft sind und den Tierwohlanforderungen der EU entsprechen.

Wie funktioniert das System der virtuellen Zäune? „Der Landwirt kann per Handy oder am Computer mithilfe einer App eine Fläche festlegen, in der sich die Tiere bewegen dürfen“, sagt der Agrarwissenschaftler in der ZDF-Sendung „nano“. Warnreize sollen die Kühe daran hindern, die virtuell abgesteckte Weide zu verlassen.

Halsband lädt sich elektrisch auf

Kuh mit einem Halsband grast auf der Weide

Ob das wirklich funktioniert, testen die Forscher nun im Projekt „GreenGrass“. Der erste Testdurchlauf ist vielversprechend. In dem Versuch hatte jedes der Rinder ein Halsband mit einem Kästchen, das mittels GPS-Signale mit dem Smartphone der Forscher verbunden war.

Den virtuellen Zaun zogen die Wissenschaftler mithilfe der neu entwickelten virtual-fence-App aus Norwegen. Eine Kamera filmte das Verhalten der Kühe. Näherte sich eine Kuh der virtuellen Grenze, ertönte ein akustisches Signal. Drehte die Kuh nicht um, lud sich das Halsband elektrisch auf.

Gerät schaltet sich nach 3 Stromimpulsen ab

Das Rind bekam daraufhin einen leichten elektrischen Impuls. Der Stromimpuls war dabei nur ein Zehntel so stark wie der eines normalen Zauns. Reagierte die Kuh dreimal hintereinander nicht auf den Stromimpuls, schaltete sich das Gerät ab, um das Tier zu schützen.

Insgesamt beobachteten die Forscher 12 Tiere in Gruppen jeweils zwei Wochen lang und erfassten jede Bewegung der Rinder. Dann verglichen sie die Ergebnisse mit dem Verhalten von Tieren einer Vergleichsgruppe, die sie zeitgleich auf einer Fläche mit Elektrozaun hielten.

Forscher: Virtuelle Zäune beeinträchtigen Tierwohl nicht

grafik-virtuelle-weidehaltung

Bislang konnten die Wissenschaftler keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Gruppen feststellen. Nach wenigen Tagen liefen die Tiere nur noch bis zum Piepton, und nicht mehr bis zum Stromimpuls.

„Die Kühe haben sich ab dem dritten bis fünften Tag an die neue Technologie angepasst“, sagte Komainda im Video. Die virtuellen Zäune beeinflussten das Tierwohl nicht negativ, so der Forscher.

Doch damit nicht genug. Die Wissenschaftler wollen die App weiterentwickeln. In Zukunft soll es möglich sein, mittels Drohnenbilder auch detaillierte Informationen über den Zustand der Weideflächen zu erhalten. So schlage man zwei Fliegen mit einer Klappe.

App soll künftig Aussagen über Grasqualität treffen

„Der weitere Nutzen ist, dass wir die Tiere nicht nur artgemäß halten, sprich draußen, sondern ihnen auch gleichzeitig hochwertiges Futter, also Gras, zur Verfügung stellen können“, sagt Prof. Dr. Johannes Isselstein, Leiter der Abteilung Graslandwissenschaft der Universität Göttingen.

So könne man Kühe halten, ohne auf zugekaufte Futtermittel angewiesen zu sein. „Unsere Vision ist es, die gegensätzlichen Ziele, wie Natur und Umwelt auf der einen Seite, und Landwirtschaft und Produktion auf der anderen Seite, möglichst überein zu bringen“, sagt Johannes Isselstein.

Facebook: Virtuelle Zäune lösen Diskussion aus

kuh-liegt-auf-weide

In den sozialen Netzwerken werden die virtuellen Weidezäune heiß diskutiert. Viele sehen das "virtual fencing" eher problematisch. So schreibt eine Userin: "Kühe sind alles andere als dumm und wenn sie merken, was relativ schnell passieren wird, dass sich das Gerät nach dem dritten Impuls abschaltet, sind sie auf und davon."

Ein weiterer User findet: "Im Hundebereich sind diese Halsbänder nicht gern gesehen. Was passiert wohl, wenn man landwirtschaftliche Nutztiere damit konditioniert? Das wird doch in der Tierschutzbevölkerung zu einem großen Aufschrei führen, wenn sich dieser virtuelle Zaun durchsetzen sollte."

Und jemand anderes kommentiert: "Die Weidetierhaltung wird so in Zukunft in Wolfsgebieten kaum mehr möglich sein oder so teuer, dass die Tiere besser im Stall stehen.... Aber das ist ja so gewollt." Aber nicht nur die Wölfe seien eine Gefahr, sondern auch Hunde und Menschen. So schreibt ein User: "Das nächste Problem sind die Spaziergänger, Wanderer und Hunde. Die laufen dann auch rein."

Forscher: Halsbänder für Wölfe und Schilder für Wanderer

Für das Wolfsproblem gebe es bislang keine Lösung, sagt Martin Komainda auf agrarheute-Anfrage. "Ebenso wie ein physischer Zaun, hält ein virtueller Zaun Wölfe nicht davon ab, Weideflächen zu betreten. Ein Lösungsansatz wäre vielleicht die Ausstattung von Wölfen mit virtual-fencing-Halsbändern", sagt er. 

Auf die Frage der agrarheute-Redaktion, wie man Spaziergänger, Wanderer und Hunde daran hindern könne, eine virtuell abgesteckte Weide zu betreten, sagt der Forscher:  "Lösungsansätze bestehen vielleicht im Aufstellen von Warnschildern. Auf Almen funktioniert die Weidehaltung ja auch ohne Zäune."

Mit Material von Universität Göttingen, ZDF, Facebook

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