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Zucht

Zuchtwertschätzung Fleckvieh sorgt für Überraschungen

von , am
03.09.2013

München - Die aktuelle Zuchtwertschätzung beim Fleckvieh brachte einige Veränderungen mit sich, die sich auch in der Top-Ten-Liste mit fünf neuen Namen widerspiegeln.

Mit einem GZW von 136 erneut auf Platz 1 bei den nachkommengeprüften Fleckvieh-Bullen: Wille von der Besamungsanstalt Birkenberg, Tirol. © Besamungsanstalt Birkenberg, Tirol
Bei der aktuellen Fleckvieh-Zuchtwertschätzung gab es neben der routinemäßigen Anpassung der Basisgruppe, die um vier Monate vorgerückt ist, auch die Neuerung, dass bei Fleckviehbullen (ebenso wie bei Braunviehbullen) erstmalig Gesundheitszuchtwerte mit veröffentlicht werden, die auf Daten aus Österreich und Baden-Württemberg basieren. Damit werden zum ersten Mal Gesundheitszuchtwerte für die Einzelmerkmale Mastitis (Eutererkrankungen), Fruchtbarkeitsstörungen und Milchfieber (Stoffwechselstörung) bei den beiden Rinderrassen bekannt gegeben.
 
Für Landwirte und Züchter mindestens ebenso bedeutsam dürfte die Entdeckung von zwei Erbfehlern und ihre Verbreitung unter den Top-Vererbern beim Fleckvieh sein.

Wille liefert weiter gute Werte, aber auch ein kleines Risiko

Wille führt nach wie vor die aktuelle Fleckvieh-Zuchtwertliste an und hat inzwischen auch schon fünf Söhne unter den 20 besten Bullen. Sein Gesamtzuchtwert ist um drei Punkte auf nunmehr 138 gesunken, er liegt damit mit dem Zweit- und Drittplatzierten gleichauf. Beim Milchwert musste Wille zwei Zähler auf jetzt 129 abgeben, er kann sich in dieser Kategorie aber immer noch gut sehen lassen. Der Fleischwert war ohnehin noch nie seine Stärke, hier kommt er nur auf 101 Punkte. Im Bereich Fitness hat er ebenfalls einen Punkt abgegen, in der Nutzungsdauer konnte er sich jedoch stabil halten.
 
Die Freude über die anhaltend guten Werte des österreichischen Top-Vererbers ist jedoch getrübt, seit wissenschaftlich bestätigt wurde, dass Wille der Träger des Erbfehlers DW (Dwarfism) ist. Nachdem bei seinen Kälbern immer wieder der Zwergwuchs aufgetauchte, wurde sein Genmaterial genauer untersucht. "Die Besamungsstationen haben nun vorerst vereinbart, dass kein Wille-Sohn, der als DW-Anlageträger identifiziert werden kann, in den Besamungseinsatz gelangt", schreibt Dr. Alfred Weidele von der Rinder-Union Baden-Württemberg, "Wahrscheinlich geht der Erbfehler DW auf Polzer (geb.: 1959) zurück und hat aus diesem Grund nur eine begrenzte Verbreitung in unserer heimischen Population", mutmaßt der baden-württembergische Tierzuchtexperte weiter, gleichzeitig weist er aber auf die starke Verbreitung von Wille selbst hin, "allein in Baden-Württemberg wurden bisher mehr als 30.000 Dosen eingesetzt".
 
Bei unbekanntem Status eines Wille-Sohnes sollte deshalb von Inzucht auf Polzer oder Wille abgesehen werden. Diese Ansicht vertritt auch Dr. Frank Bosselmann vom Besamungsverein Nordschwaben: "Risikoanpaarungen mit einer Kuh die potenziell Anlageträgerin sein kann, sollten in jedem Fall vermieden werden". Glücklicherweise sei dieser Erbfehler nur in sehr geringem Umfang in der Fleckviehpopulation vertreten. Die Frequenz liege aktuell bei 0,7 Prozent (%). Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit, dass am einzelnen Betrieb tatsächlich ein zwergwüchsiges Kalb geboren werde, sehr gering.

Rumgo konnte seine Werte verbessern

Der Zweitplatzierte Rumgoist Träger des zweiten neu entdeckten Erbfehlers. Dieser heißt Fleckvieh Haplotyp 2 (genannt FH2) und drückt sich ebenfalls in Form von kleinwüchsigen Nachkommen aus. Anders als beim oben erwähnten Erbfehler DW, entwickeln sich diese Kälber aber anfangs normal, erst nach dem Absetzen der Milch stockt die weitere Entwicklung. "Bei diesen kleinwüchsigen Tieren konnte eine auch beim Menschen bekannte Mutation nachgewiesen werden, die sich auf den Zuckerstoffwechsel auswirkt. Der FH2 hat eine Verbreitung von 4 %", erläutert Dr. Weidele. Da weit verbreitete Linien wie Malf, Rumgo, Witzbold, Waldbrand und Winnipeg davon betroffen seien, seien auch aktuelle Bullen wie Messlattn, Hurrican, Wio, Witam PS und Waldol FH2-Anlageträger.
 
Gendefekt hin oder her, Rumgo konnte nach seinem kurzen Abrutscher auf den siebten Rang in der April-Zuchtwertschätzung nun wieder deutlich an Boden gewinnen und weist jetzt den gleichen Gesamtzuchtwert (138) wie der vor ihm liegende Wille auf. Seinen Milchwert und Fleischwert konnte er um jeweils einen Punkt leicht steigern auf 123 bzw. 105 Zähler und bei der Fitness legte er sogar zwei Punkte zu auf beeindruckende 127 Punkte. Für ihn spricht natürlich auch seine hohe Sicherheit von 99 Prozent im Zuchtwert.

Rotglut - der höchste Neueinsteiger

Auf dem dritten Rang findet sich der höchste Neuling der aktuellen Zuchtwertliste: Rotglut. Der Round up-Sohn erreichte auf Anhieb ebenfalls einen GZW von 138 allerdings mit einer deutlich geringeren Sicherheit, nämlich 77 Prozent. Seine Stärken sind sein Fleischwert mit 122 und seine gute Fitnessmerkmale mit 125 Punkten. Der Milchwert mit 120 Zählern kann sich ebenfalls sehen lassen. Da er bereits als genomischer Jungvererber stark im Einsatz war, freut sich die Besamungsstation Greifenberg, der der Bulle gehört, umso mehr über seine Entwicklung.
 
Zwar gehe in die aktuelle Schätzung nur eine Tochter mit 100-Leistung ein, weitere 13 abgeschlossene Leistungen wiesen aber auch weiterhin eine stabile Tendenz auf. "Durch das Einbeziehen seiner Töchter steigt Rotglut sowohl im GZW (+3) als auch im MW (+6) und ZW-Mkg (+100kg) an. Seine Töchter seien groß und breit angelegt, mit guter Bemuskelung und breiten Becken. Diese Merkmale dürften für den schwereren Kalbeverlauf verantwortlich sein. Im Fundament fallen vor allem die gute Winkelung, die gute Trachtenhöhe und die stabile Fessel positiv auf", meinen die Greifenberger. Die Sprunggelenke seien teilweise etwas stärker ausgeprägt. Rotglut-Töchter haben kleine, fest angesetzte und drüsige Euter mit einer guten Strichausbildung. Die Qualität der Euter spiegle sich auch im EGW von 120 wider.

Vanstein-Söhne punkten mit guten Fleischwerten

Auch der Winnipeg-Abkömmling Waldbrand ist Träger des FH2-Erbfehlers. Davon abgesehen konnte er seine Werte weiter stabil halten. Sein Milchwert liegt bei 124, Fleischwert 109 und Fitness 122 Punkten.
 
Vanadin, der Zweitplatzierte vom April, findet sich nun auf dem fünften Platz wieder. Beim Milchwert und bei der Fitness musste er jeweils einen Punkt abgeben auf nun 117 und 118 Zähler. Gleichgeblieben ist hingegen sein exorbitant hoher Fleischwert von 142 Punkten und sein guter Exterieurwert von 110.
 
Direkt hinter Vanadin liegt nun sein Halbbruder Vabene, ebenfalls ein Neuling der Spitzengruppe. Der zweite Vanstein-Sohn in der Top-Ten-Liste kommt zwar bei weitem nicht an den Fleischwert von Vanadin heran, er erreicht aber immer noch gute 127 Punkte und kann einen leicht höheren Milchwert aufweisen (125).

Weitere Neulinge: Willenberg und Raul

Auf dem siebten Rang ist nun der Wal-Sohn Willenberg zu finden. Er schaffte es bereits in der Zuchtwertschätzung im August 2012 unter die ersten zehn. Seinen Gesamtzuchtwert von 135 konnte er seither stabil halten bzw. seine Sicherheit hier auf 90 Prozent steigern. Verbessert hat er sich im Laufe der Zeit auch im Fleischwert auf 121 und bei der Fitness auf 121.
 
Raul, ein 2008 geborener Rau-Abkömmling, ist ebenfalls neu in der Spitzengruppe. Auch er ist eher ein Fleischvererber mit einem Fleischzuchtwert von 131 und einem guten Fitnesswert von 121. Sein Milchwert beträgt 117.

Manitoba-Söhne Mailer und Manton stehen für Milch und Fitness

Der Manitoba-Sohn Mailer ist der fünfte und letzte Neuzugang. Sein Pfund liegt bei seinem enorm hohen Milchwert von 134, an den kein anderer der hier aufführten Bullen herankommt. Sein Fleischwert beträgt 108 Punkte, die Fitnesswerte liegen bei 105 Zählern.
 
Den zehnten und damit letzten Platz in dieser Spitzengruppe nimmt diesmal Manton ein, der ebenfall Manitoba zum Vater hat. Im Gegensatz zu seinem Halbbruder Mailer punktet er mit seinem Fitnesswert von 124. Beim Milchwert (124) und Fleischwert (103) kommt er allerdings nicht an Mailer heran.     


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