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„Wir werden zukünftig eine zweigeteilte Milchwirtschaft haben“

Im Vergleich zu einfachen Mischungen aus Weidelgras und Weißklee erhöht die Ansaatmischung aus Gräsern, Leguminosen und Kräutern mit insgesamt acht Arten die Futteraufnahme und Milchleistung um rund zehn Prozent.
am Freitag, 21.10.2022 - 05:00 (23 Kommentare)

Diese Herausforderungen werden in den kommenden 20 Jahren auf die Milchviehhalter zukommen. Sind es nur Risiken oder auch Chancen?

Klimaschutzgesetzt und die europäische Farm-to-Fork-Strategie werden für große Einschnitte in der Tierhaltung sorgen. Wir haben Prof. Dr. Friedhelm Taube von der Universität Kiel gefragt, was die Milchviehhalter in den nächsten 20 Jahren erwarten wird, welche Anpassungen notwendig werden und was dies für Grünland- und Nichtgrünlandstandorte bedeuten kann.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für Milchviehhalter in den nächsten 20 Jahren?

Das Klimaschutzgesetz und die europäische Farm-to-Fork-(F2F)-Strategie geben die Richtung vor. Laut Klimaschutzgesetz sollen die Treibhausgase aus der Landwirtschaft bis 2030 von 70 auf 56 Mio. t CO2-Äquivalente sinken. Dafür braucht es erhebliche Veränderungen. Die F2F-Strategie macht unterschiedliche Vorgaben. Es wird in der Fachpresse vor allem auf die Einschränkungen beim chemischen Pflanzenschutz eingegangen. Dabei geht die F2F-Strategie wesentlich weiter, indem sie vor allem eine Veränderung des Konsums geltend macht. Wenn dies gelingt, werden auch die Ziele zur weiteren deutlichen Minderung der Nährstoffüberschüsse oder zum Antibiotikaeinsatz plausibel, denn es bedeutet eine massive Reduktion der Produktion und des Konsums von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft. Davon ist auch der Milchsektor erheblich betroffen.

Welche Anpassungen sind dafür notwendig?

Um die Vorgaben aus dem Klimaschutzgesetz umzusetzen, gibt es drei große Handlungsfelder: Das erste ist die Stickstoff-Effizienz der Düngung zu verbessern. Der sektorale N-Überschuss soll bis 2030 von aktuell im fünfjährigen Durchschnitt knapp 100 kg/ha auf unter 70 kg/ha sinken. Vor allem in Tierhaltungsregionen sind größere Anpassungen nötig. Danach wird es weitergehen müssen – wir sprechen dann von maximalen Überschüssen von 50 kg N/ha, die bis 2045 erreicht werden müssen. Damit die Klimaziele erreicht werden, müssen der Konsum und die Erzeugung von tierischen Produkten reduziert werden. Im Bereich der Milchviehhaltung würde das bedeuten, dass bis 2045 rund 35 Prozent weniger Milchprodukte und rund 50 Prozent weniger Rindfleisch konsumiert werden. Das kann man erreichen, indem man die reduzierte Mehrwertsteuer auf tierische Produkte streicht. Das sichert zusätzliche Einnahmen, unter anderem für den Umbau der Tierhaltung, in der Größenordnung von über 4 Mrd. Euro im Jahr. Zusätzlich sollte die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Erzeugnisse vollständig wegfallen. Zu guter Letzt ist da das Wiedervernässen von Mooren und Anmooren. Hierbei geht es um eine Fläche von rund 700.000 ha. Damit würden 31 Mio. t CO2 im Jahr eingespart. Hier schlagen wir vor, Fotovoltaik auf wiedervernässten Flächen zuzulassen, um alternative Einkommen für die Betriebe zu gewährleisten.

Inwieweit kann eine Konzentration auf Grünlandstandorte eine Lösung sein?

Beim Grünland gibt es noch erheblichen Nachbesserungsbedarf. Auf vielen Milchviehbetrieben scheint die Hauptaufgabe des Grünlands zu sein, ausreichend Struktur ins Futter zu bringen. So stagnieren die Energiedichten vom Grünland seit Jahren auf einem mittleren Niveau. Energie und Eiweiß kommen über Mais beziehungsweise Konzentrate in die Ration. Sinnvoll ist es jedoch, über einen deutlich höheren Anteil an Gras und Kleegras in der Ration den Eiweiß- und Energiebedarf der Kühe zu decken, um Landnutzungskonkurrenzen zur Humanernährung zu vermindern, aber auch um Umwelt- und Futterkosten zu reduzieren. Allein die importierten Phosphormengen in den Hochleistungsrationen stellen heute die gute fachliche Praxis der Nährstoffversorgung der Futterpflanzenbestände infrage. Auf Dauergrünland wird die Ausbreitung der Gemeinen Rispe zunehmend zur Herausforderung, die die Qualität des Konservatfutters enorm senkt. Zurückgehende Beweidungsanteile und späte Güllegaben im Herbst fördern das noch. Um entsprechende Energie- und Eiweißmengen zu erzeugen, ist es nötig, regelmäßig mit Deutschem Weidelgras nachzusäen. So erreichen gute Grünlandbetriebe über 6,5 MJ NEL im ersten Schnitt und über 6,2 MJ NEL in den Folgeschnitten. Es ist vor allem eine Frage des Grünland- und Silomanagements. Wir sollten es forcieren, nicht nur Weidemilch, sondern auch eine echte Grünlandmilch mit einem Zuschlag zu versehen. Dafür müssten, statt wie heute im Mittel 35 Prozent Grünlandfutter, mehr als 75 Prozent des Futtereiweißes und der Futterenergie in der Ration aus dem Grünland stammen. Dann lohnt es sich auch, mehr ins Grünland in der Ration zu inves- tieren. Man schafft mit dem Label eine zusätzliche Wertschöpfung und vermeidet Umweltkosten.

Wie wird sich die Milchviehhaltung auf Nichtgrünlandstandorten weiterentwickeln können.

Wir werden künftig eine zweigeteilte Milchwirtschaft haben, zum einen die globalen Milchpulverproduzenten, die den Milchertrag je Kuh maximieren, die Kosten minimieren und dafür entsprechende Konzentratmengen einsetzen. Sie halten sich ans Fachrecht, verzichten künftig aber auf Transferzahlungen für Ökosystemdienstleistungen. Zum anderen werden wir insbesondere in Regionen mit ausreichend hohen Niederschlägen für die Weidenutzung Milch mit einem ökologischen Zusatznutzen haben. Hier steht im Ackerfutterbau die pflanzliche Erzeugung ohne Mineraldünger, aber dafür alternativ mit Kleegrasansaaten in der Fruchtfolge im Mittelpunkt. Die Betriebe bauen zwei Jahre Kleegras und danach zum Beispiel ein Jahr Hafer in Anlehnung an Ökostandards an und danach klassisch konventionell zum Beispiel Raps und Getreide. Mit einem solchen Hybridmodell werden hohe Ertragsniveaus gesichert und dennoch die Vorgaben der F2F-Strategie erfüllt. Der mehrjährige Kleegrasanbau verbessert die Ackerbausysteme, hat einen hohen Vorfruchtwert und mindert die Umweltbelastungen. Auch in Kombination mit dem Maisanbau ist Kleegras interessant. Nach zweijährigem Kleegrasanbau schafft der Mais mit einer 10-m³-Gülle-Unterfussdüngung 15 Prozent mehr Ertrag als in Selbstfolge. Zusätzlicher Dünger ist dafür nicht nötig! Der ökologische Effekt des zweijährigen Kleegrases mit anschließender Sommerung durch vermiedene Umweltkosten liegt bei rund 500 Euro/ha im Jahr. Daher ist es volkswirtschaftlich sinnvoll, staatliches Geld zum Beispiel aus den Eco-Schemes in die Hand zu nehmen, um solche Hybridsysteme in der Breite anzuschieben. Marktfruchtbaubetriebe könnten ein solches Konzept zum Beispiel in Kooperation mit rinderhaltenden Betrieben nutzen, die das Kleegras nutzen und zum Ausgleich eine organische Düngeleistung erbringen. Es gibt viele innovative Ansätze jenseits der Kategorien ökologisch oder konventionell, die Ökonomie und Ökologie verbinden. Sie brauchen aber einen Anschub durch die Politik und Beratung! 

Im Vergleich zu einfachen Mischungen aus Weidelgras und Weißklee erhöht die Ansaatmischung aus Gräsern, Leguminosen und Kräutern mit insgesamt acht Arten die Futteraufnahme und Milchleistung um rund zehn Prozent.

Prof. Dr. Friedhelm Taube von der Universität Kiel, Institut für Pflanzenbau und Pflanzen-züchtung, Abteilung Grünland und Futterbau hatte letztes Jahr die Ergebnisse eines großen Forschungsprojekts veröffentlicht, bei dem mit Weidemilch auf Futterbaustandorten nicht nur der ökologische Fußabdruck der Milchviehhaltung, sondern auch die Bodenqualität verbessert wurde.

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