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Milchproduktion

Zweifel an EMB-Streikzahlen - Molkerei Rückholz: Nur Schaber liefert nicht - Eklat in Trautmannshof

von , am
14.09.2009

Wien/Freising/München/Paris - Österreichische Landwirte legen Autobahnkreuze zeitweise lahm. Bauernverbände zweifeln an korrekten Teilnehmerzahlen. Die Allgäuer Molkerei Rückholz meldet, dass von ihren 600 Bauern nur BDM-Chef R. Schaber nicht liefere.

Streikaktion im badischen Oppenau

Mit einer Autobahnblockade haben 100 Landwirte am Montag gegen den anhaltenden Verfall der Milchpreise protestiert, meldet der ORF. Die Pyhrnautobahn (A9) wurde beim Knoten St. Michael für eineinhalb Stunden lahmgelegt. Der Knoten St. Michael auf der A9 wurde eineinhalb Stunden lang blockiert. Der Knoten St. Michael ist ein neuralgischer Punkt im steirischen Autobahnnetz - und genau deshalb habe man hier den Verkehr eineinhalb Stunden lang blockiert, sagte Herbert Kammerhofer von der IG Milch Mürztal. mehr...

Österreich: VÖM droht bei Molkereiblockaden mit Klagen

Die Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter (VÖM) warnt unterdessen die IG Milch vor Blockaden von Molkereien. In einem Schreiben an den Obmann der IG Milch, Ewald Grünzweil, warnte die VÖM davor, dass man sich bei allfälligen Schäden bei den Verantwortlichen schadlos halten werde und diese auch eingeklagt würden. Die allermeisten der österreichischen Molkereien stünden im Eigentum der Milchbauern und erfüllten erfolgreich ihren Auftrag, die angelieferte Milch bestmöglich zu vermarkten, betonte die VÖM mit Hinweis auf die im EU-Vergleich deutlich überdurchschnittlichen Milchpreise in Österreich.

In einer Replik auf dieses Schreiben bezeichnete Grünzweil diesen Hinweis als zynisch, "wenn man bedenkt, dass wir die höchsten Produktionskosten und Milchqualitäten, die kleinste Struktur sowie um vieles höhere Lebensmittelpreise, besonders gegenüber Deutschland, haben". Der genossenschaftliche Auftrag sei gemäß den Statuten der genossenschaftlichen Molkereien nicht nur, die Milch abzuholen und bestmöglich zu vermarkten, sondern die wirtschaftliche Situation der bäuerlichen Betriebe zu stärken, hob Grünzweil hervor. So seien alle Preissenkungen der letzten Monate mit einem Überangebot an Milch begründet worden. Alle Versuche, dagegen etwas zu unternehmen, seien aber boykottiert worden. Damit seien die Genossenschaften diesem Auftrag der wirtschaftlichen Stärkung ihrer Mitglieder nicht nachgekommen, so Grünzweil.

Frankreich: Milchpräsident des Bauernverbandes FNPL Henri Brichart kontert EMB

Währenddessen erklärte der französische Milchpräsident des Bauernverbandes FNPL Henri Brichart, dass deutlich weniger Milcherzeuger an dem europäischen Milchstreik teilnehmen als vom European Milk Board (EMB) behauptet. Seiner Einschätzung nach würden in Frankreich nur 4 bis 5 % statt der vom EMB gemeldeten 35 bis 40 % der Landwirte keine Milch mehr liefern.

Deutschland: Bauernverband zweifelt ebenfalls an EMB-Angaben

Auch Dr. Rudolf Schmidt vom Deutschen Bauernverband zweifelt an den EMB-Angaben: Es würden sich nur sehr wenige Milchbauern am Streik beteiligen, erklärte der Funktionär. Die vom EMB verbreiteten Zahlen, wonach inzwischen über 1.000 deutsche Landwirte keine Milch mehr liefern, seinen übertrieben. Die Erklärung des Bundesverbandes Deutscher Milcherzeuger (BDM), wonach bayerische Molkereien ihre Pulvertürme abgestellt hätten und Milch nach Frankreich liefern, dementiert Dr. Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern: "Die Türme laufen derzeit ohnehin nicht, da nur nach Bedarf produziert wird und gleichzeitig die Spotmarkt-Preise angezogen sind. Zudem läuft das Italien-Geschäft wieder besser."

Proteste vor dem Aldi-Zentrallager: Vor dem Aldi-Zentrallager im schleswig-holsteinischen Horst protestierten am frühen Morgen rund 40 Bauern gegen Niedrigpreise von Molkereien. Drei Stunden lang versperrten die Demonstranten mit einer Sitzblockade mehrere Eingänge des Lagers.

Eklat in Trautmannshof: Eigentlich hätte der CSU-Bundestagsabgeordnete Alois Karl schon vor seinem Einzug ins Festzelt der Kirchweih in Trautmannshof bei Neumarkt abgefangen werden sollen. Doch das hatte offenbar nicht geklappt. Umsonst waren die Vertreter des Bunds Deutscher Milchviehhalter (BDM) an der Zufahrtsstraße zum Kirchweihgelände im Regen gestanden, berichtet heute die Mittelbayerische Zeitung Online. Dann ging Kreisvorsitzender Xaver Geitner ins Kirchweihzelt und sowohl Karl als auch MdL Albert Füracker kamen heraus, um sich anzuhören, was die Landwirte zu sagen hatten. Eine wutentbrannte Bäuerin überschüttete ihn daraufhin mit Milch, er revanchierte sich mit einer Ohrfeige. mehr...

Umfrage unter Molkereien: Eine aktuelle Umfrage von agrarheute.com am heutigen Montag unter ausgesuchten deutschen Molkereien ergab ein recht einheitliches Bild. Trotz zahlreichen Demonstrationen und Protesten gegen den derzeitigen Milchpreis am Wochenende, ist die Stimmung bei den Molkereien seit dem indirekten Aufruf zum Lieferstreik am vergangenen Freitag immer noch entspannt.

  • Nord- und Ostdeutschland: Keine Anzeichen
    Vor allem im Norden Deutschlands macht sich - nach Stichproben bei vier Molkereien -  noch nichts bemerkbar. Sprecher verschiedener Meiereien erklärten, dass "immer noch geliefert wird". An einer Demonstration in Oldenburg am Wochenende haben auch nur 30 Landwirte teilgenommen. Die gleiche Stimmung ist auch im Osten zu verzeichnen. Es wurde bisher "nichts auffälliges" festgestellt, so ein Sprecher einer Molkerei in Sachsen.
  • Bayern: Erste Anzeichen spürbar Anders dagegen die Lage im Süden. Im Bayern gibt es bei einigen Molkereien "eine Hand voll" Landwirte, die derzeit nicht liefern. Laut Aussage einer bayerischen Molkerei, die nicht genannt werden möchte, kommen momentan noch immer 99,2 Prozent der üblichen Milchmengen täglich an. Die vier befragten Molkereien sind überwiegend der Auffassung, dass der BDM eine positive
    Stimmung für den Milchstreik machen will, die sich allerdings bei den Landwirten nur in sehr geringem Ausmaß breitmacht. "Natürlich ist die Stimmung der Landwirte aufgrund der niedrigen Milchpreise derzeit auf dem Tiefststand", doch hoffen viele auf einen baldigen Preisanstieg.
  • Südbaden: Verstärkte Anzeichen für Milchlieferstopp Der Südbadische Raum ist aufgrund seiner Nähe zu Frankreich und Belgien besonderer Brennpunkt im Milchboykott. Nach Aussage einer Molkerei sind in der Region "bereits Anzeichen für weniger Milch vorhanden." Über die Größenordnung und die Beteiligung lässt sich derzeit noch nichts Konkretes sagen. Weiterhin gibt es vereinzelte Aussagen und Tendenzen von Landwirten, die bereits definitiv die Milchlieferung in den kommenden Tagen absagten. Die Schätzungen der gesunkenen Milchliefermenge liegen momentan zwischen zwei bis fünf Prozent, so eine dort ansässige Molkerei.

Insgesamt lässt sich die Stimmung der Molkereien eher positiv beurteilen. Es wird bundesweit davon ausgegangen, dass sich nicht mehr allzu viel bewegt und sich die Zahl der streikenden Landwirte nicht mehr nennenswert vergrößern wird.

Schaber hat als Einziger die Milchlieferung eingestellt: Die Allgäuer Molkerei Rückholz meldet, dass von ihren 600 Lieferanten derzeit lediglich ein Landwirt keine Milch liefert. Bei diesem handelt es sich um den Vorsitzenden des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber. "Obwohl Schaber in der Region viele Anhänger hat, streiken diese bis zum heutigen Montag noch nicht", so der Sprecher der Molkerei. 
  • Milchstreik Update vom Sonntag
    Über 200.000 Liter Milch ausgeschüttet: In Europa laufen die Protestaktionen von Landwirten gegen die niedrigen Milchpreise an. Alle Ereignisse im Überblick.
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