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Aus der Wirtschaft

Barfuß: 'Wir haben bei der Ebermast noch kein Limit erreicht'

von , am
01.06.2013

Im Gespräch mit Norbert Barfuß, Geschäftsführer Vion Deutschland: Während im ersten Teil die wirtschaftliche Lage des Unternehmens war, geht es jetzt um Tierwohl, Bioschweine und Ebermast.

Die Aufgaben von Norbert Barfuß, bislang Geschäftsführer der Vion Deutschland, wird ein Managementteam übernehmen. © BLW/LuF
Das zweitgrößte Schlachtunternehmen in Deutschland, Vion, war zuletzt öfter in den Schlagzeilen. Einerseits steht die Fleischerzeugung generell im Fokus, andererseits wird viel über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens spekuliert.
 
Im ersten Teil unseres Interviews haben wir uns mit Norbert Barfuß, Geschäftsführer der Vion Deutschland, über die wirtschaftliche Situation von Vion und die Zukunft des Unternehmens unterhalten. Im zweiten Teil geht es jetzt um die Tierhaltung in Deutschland und die Zukunft der Ebermast.

Die intensive Tierhaltung ist derzeit in aller Munde. Wie stehen Sie zu Aussagen eines Mitbewerbers, dass der Landwirt für ein Schwein aus einem Stall mit Luftwäscher und Auslauf 20 Euro mehr bekommen soll?

Wer einen solchen pauschalen Aufschlag zahlen kann, soll es tun. Ich differenziere da lieber und schaue mir an, was am Markt durchsetzbar ist. Wir bei VION machen gerade mit unserem Tierwohllabel erste Erfahrungen an der Ladentheke. Und es gibt durchaus Unterschiede zwischen dem Verbraucherverhalten in Umfragen und bei der Kaufentscheidung in unseren drei beteiligten Handelsketten. Dabei stellt sich heraus, dass die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tierschutzbund aus unserer Sicht der beste Ansatz war. Verbraucher wollen sich nicht im Detail mit Siegeln und deren Inhalten beschäftigen, sondern Vertrauen zum Produkt haben. Beim Deutschen Tierschutzbund fühlen sie sich gut aufgehoben.

Wie steht Vion zur Brancheninitiative Tierwohl?

Wir sind dabei, weil wir überzeugt sind, dass die Gesellschaft ein höheres Engagement für mehr Tierwohl erwartet. Es ist wichtig, dass die ganze Kette - also Einzelhandel, Schlachtbetriebe und Landwirtschaft - bei der Initiative mitarbeitet. Dass QS dies koordiniert, ist richtig, weil hier alle Bereiche vereint sind.
 
Am Ende muss aber eine Lösung stehen, die dem Landwirt garantiert, dass ihm seine Mehraufwendungen vergütet werden. Das wird unseren Erzeugern beim Tierwohllabel gewährleistet, im Rahmen der Brancheninitiative werden gerade Modelle erarbeitet. Der Branchenansatz ist richtig, weil bundesweit tätigen Handelsunternehmen nicht geholfen ist, wenn sie für nur drei ihrer hundert Märkte "Tierwohlfleisch" zur Verfügung haben. Es müssen größere Mengen zur Verfügung stehen, um diese Ketten bedienen zu können.

Ist die Brancheninitiative bis zum Jahresende marktreif?

Derzeit erarbeitet eine Projektgruppe den Kriterienkatalog. Noch gibt es aber kein abschließendes Konzept. Das Jahresende halte ich persönlich für zu spät. Wir sollten eine Lösung vor der Bundestagswahl anstreben, ansonsten laufen wir Gefahr, gesetzliche Vorgaben zu bekommen. Und es ist die Frage, ob das dann besser ist, als wenn wir eigene Konzepte zum Tierwohl umsetzen.

In Holland läuft ja Ähnliches schon länger und erfolgreich?

Das Programm "Beter Leven", an dem der niederländische Tierschutzbund mitwirkt und das schon weit verbreitet ist, wurde durch Initiative aus dem Handel selbst im Markt platziert. Die führende Lebensmittelkette Albert Heijn hat von Beginn an gesagt: Wir wollen das und wir bezahlen es auch.
 
In Deutschland sind wir noch nicht so weit, hier können wir das Thema Tierwohl nicht von den Finanzen trennen. Am Ende muss der Handel bereit sein, für die höhere Qualität uns und den Landwirten mehr zu bezahlen und vom Verbraucher mehr zu verlangen. 

Zum Bioschweinemarkt gibt es unterschiedliche Auffassungen, die 'grünen' Landwirtschaftsminister wollen mehr fördern, aus der Branche selbst hört man von Absatzproblemen und in Folge schlechten Preisen, was sagen Sie?

Die Vermarktung von Biofleisch ist derzeit sehr schwierig. Das zeigen unsere Aktivitäten in Holland, wo wir über einen guten Marktanteil verfügen. In Deutschland haben unsere Wettbewerber Probleme, ihre Mengen zum notwendigen Preis zu vermarkten.
 
Bio und Tierwohl haben das gleiche Problem: in beiden Programmen muss der Preisaufschlag mit nur 40 bis 50 % des Schlachtkörpergewichtes erwirtschaftet werden. Denn bei den Stücken, die in die Verarbeitung gehen - also Knochen oder Fett - interessiert der Status - konventionell, Bio oder Label - nicht.

Wird der deutsche Bioschweinemarkt nur mit deutschen Schweinen bedient?

Auch dieser Markt nimmt auf Grenzen keine Rücksicht.

Wie läuft derzeit die Ebermast? Es hieß kürzlich, Vion könnte nicht mehr Eber absetzen ...

Das bezog sich ausschließlich auf die Niederlande. Dort liegt der Anteil der unkastriert gemästeten männlichen Tiere bei etwa 40 Prozent. Holland ist ein sehr exportabhängiger Markt. Im Export stieß Vion an die Grenze.
 
In Deutschland dagegen liegt der Anteil der Eber erst bei drei bis vier Prozent. Die Landwirte, die Eber mästen, sind sehr zufrieden. Wir haben hier noch lange nicht ein Limit erreicht, an dem wir sagen müssten, mehr ist nicht absetzbar.

Aber das Werben um Landwirte, auf Ebermast umzustellen, hat nachgelassen?

Nein. Ganz im Gegenteil: Die Ebermast ist über das Thema betäubungslose Ferkelkastration eingeflossen in das Gesamtkonzept Tierwohl.

Wie steht es derzeit mit den geruchsauffälligen Tieren?

Wir operieren in einem Bereich, der akzeptabel ist. An einigen Standorten liegt der Anteil bei fünf bis acht Prozent, an anderen Standorten nur bei ein bis zwei Prozent. Woher diese Unterschiedlichkeit herrührt, müssen wir noch untersuchen, das tun wir auch. Aber im Durchschnitt liegen die Werte im prognostizierten Bereich. Fakt ist, wir selektieren das Fleisch so, dass der Verbraucher niemals geruchsauffälliges Fleisch auf den Teller bekommt.

Das Interview mit Norbert Barfuß haben die Wochenblätter des dlv, die Land & Forst und das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt, geführt. Das komplette Gespräch finden Sie in den aktuellen Ausgaben der Bläter.
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