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Hohe Tierwohl-Standards erfüllen

Beschäftigungsmaterial: Praktische Tipps von Schweinehaltern

Meier-Brakenberg-Pelletomat
am Montag, 07.06.2021 - 13:15 (Jetzt kommentieren)

Organisches Beschäftigungsmaterial ist künftig Pflicht. Herausfordernd ist es, die gesetzlichen Vorgaben und die der Initiative Tierwohl zu erfüllen. agrarheute hat Schweinehalter nach ihren Lösungen und Tipps gefragt.

Womit beschäftigt Ihr künftig Eure Schweine? Und wie?“ Ab dem 1. August dieses Jahres verschärfen sich die Vorgaben. Organisches und veränderbares Beschäftigungsmaterial ist dann laut Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutzV) bei allen Schweinen Pflicht.

Nehmen Schweinehalter zudem an der Initiative Tierwohl (ITW) teil, müssen sie weitere Vorgaben zum „Raufutter“ erfüllen. Dementsprechend ploppt das Thema in unserer agrarheute-Gruppe für Schweinehalter auf Facebook immer wieder auf.

Gesetz und Initiative Tierwohl

Unklar ist einigen, wie sich das Gesetz mit den Vorgaben der ITW verbinden lässt. „Brauche ich wirklich zwei unterschiedliche Beschäftigungsmöglichkeiten?“ Die kurze Antwort: Ja! Die ITW sagt: Das Raufutter muss ein anderes Material sein als das gesetzlich geforderte Beschäftigungsmaterial (zum Beispiel Stroh und Heu; verschiedene Strohsorten gelten als ein Material). Zudem müssen das Raufutter und das Beschäftigungsmaterial getrennt (zum Beispiel nicht über eine gemeinsame Raufe für Heu und Stroh) angeboten werden.

Es reicht also nicht aus, eine Raufe mit Stroh in der Bucht zu installieren und gleichzeitig Stroh einzustreuen. So würde man die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, aber für die ITW benötigen Schweinehalter ein anderes Raufutter. Auch der Wechsel von Heu und Stroh in einer Raufe reicht zwar vor dem Gesetz, nicht aber für die ITW.

Maximale Tierzahl beachten

Unterschiedliche Vorgaben gibt es auch bei den Tierzahlen pro Beschäftigungsobjekt (Raufe, Tröge, Automaten). Hat man in einer Mastbucht zum Beispiel eine wandständige Raufe mit offenen Seitenwänden, die einen Durchmesser beziehungsweise eine Breite von 20 bis 30 cm hat, reicht sie laut ITW-Vorgaben für bis zu 50 Mastschweine bis 60 kg. Nach der TierSchNutzV reicht so eine Raufe nur für deutlich weniger Tiere. Grundlage ist die Schulterbreite der Schweine. Als Richtwert können die Fressplatzbreiten der Ausführungshinweise zu Abschnitt 5 der TierSchNutzV herangezogen werden. Sie wird bei Schweinen zwischen 26 und 60 kg mit 27 cm angegeben. Für das oben genannte Beispiel mit der 30 cm breiten Raufe wären das nur zwölf Tiere.
Außerdem akzeptiert die ITW, dass in Intervallen gefüttert wird, wenn sichergestellt ist, „dass es in der überwiegenden Zeit des Tages (also mindestens zwölf Stunden) zur Verfügung steht.“ Das soll gewährleisten, dass „immer wieder ein Anreiz vom Raufutter ausgeht“. In der TierSchNutzV ist hingegen von „ständig“ die Rede.

Pellets automatisiert geben

Weiterer Knackpunkt sind die vorhandenen Güllesysteme. „Welche Materialien machen keinen Ärger?“ Hier scheinen viele Schweinehalter auf Pellets zu setzen. Die Kosten seien zwar verhältnismäßig hoch. Auf lange Sicht scheint es ihnen aber die beste Lösung in Sachen Gülleaufbereitung zu sein. Außerdem ließe sich die Gabe gut automatisieren.
Das sehen auch Verena Große-Wietfeld und Heino Sohnrey so. Verena Große-Wietfeld aus Langenberg (Nordrhein-Westfalen) hält 300 Sauen im geschlossenen System und nutzt in allen Ställen Porky’s Pellettomaten von Meier-Brakenberg. Heino Sohnrey aus Dransfeld in Niedersachsen setzt die Pellettomaten in der Ferkelaufzucht und Mast ein. „Wir haben verschiedene Pelletarten getestet. Mittelgroße lassen sich besser dosieren als ganz kleine – egal um welche Pellets es sich handelt“, berichtet er. Je nach Tierzahl bietet er bei den Ferkeln zusätzlich Knabberrohre an, in sehr großen Gruppen zudem Porky’s FunBox. „Sie hat eine hohe Akzeptanz. Die Schweine spielen ständig damit.“
Verena Große-Wietfeld sagt: „Im Deck- und Wartebereich habe ich für die ITW 40 Sauen an einem Automaten.“ Den richtigen Platz hat die Landwirtin mithilfe einer Kamera bestimmt. Schnell zeigte sich eine Stelle, an der die Sauen nicht vorbeikommen, wenn sie „Stress“ machen wollen oder Ablenkung suchen.
Hier platzierte Große-Wietfeld die Automaten, die sie derzeit mit Pellets aus löslichen Faserbestandteilen, vor allem Zuckerrübenschnitzel und unlöslichen Bestandteilen wie Sonnenblumen und Sojabohnenschalen, bestückt. „Zuvor habe ich Luzernepellets eingesetzt. Die wirkten sich positiv auf die Verdauung aus, sind auf Dauer aber sehr teuer.“ Deshalb sei sie wieder auf handelsübliche Cobs umgestiegen.
Um neben der ITW die Vorgaben der TierSchNutzV zu erfüllen, setzt die Schweinehalterin in der Sauenhaltung zusätzlich Sisalseile und Jutesäcke ein. „In der Ferkelaufzucht verfahre ich ähnlich. In der Mast werden wir zusätzlich zu den bestehenden Strohraufen in allen Abteilen die Automaten für Beschäftigungsfutter nachrüsten.“ Die Pellets seien im Vergleich zu Stroh zwar deutlich teurer, allerdings, so Große-Wietfeld, vor allem für die Sauenhaltung hygienischer. „Das Risiko von Mykotoxinen ist quasi gleich null.“

Stroh mit Qualität

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Die Schweinehalter Torsten Deye und Albert Willemsen sehen ebenfalls die Mykotoxingefahr. Torsten Deye sagt: „Das Stroh muss einwandfrei sein. Dann ist es ein sehr gutes Beschäftigungsfutter.“ Der 48-jährige Landwirt aus Großenkneten (Niedersachsen) nutzt Stroh im Warte- und Deckstall und stellt fest, dass die Sauen es gerne und in großen Mengen fressen. „Das sorgt nicht nur für Beschäftigung. Die Sauen entwickeln ein großes Magenvolumen, sodass die Tiere auch im Abferkelstall besser und mehr fressen.“

Albert Willemsen, Geschäftsführer der Schlaitzer Tierzucht GmbH in Muldestausee (Sachsen-Anhalt) und zuständig für die Schweine, sieht es ähnlich, weist aber auf die zusätzlichen Kosten hin. „Auch wenn ich ebenfalls feststelle, dass gerade die frohwüchsigen Mastschweine zufriedener und satter sind, ohne sich zu überfressen.“
Albert Willemsen, Torsten Deye und auch der Bioschweinehalter Johannes Hoffmann suchten – wie viele ihrer Berufskollegen – nach einer Möglichkeit, gehäckseltes Stroh automatisch in die Bucht einstreuen zu können, um Handarbeit zu sparen. Skeptisch sehen manche die zusätzliche Staubbelastung durch solche sogenannten Strohduschen, aber auch dafür gibt es Lösungen. So hat Albert Willemsen die Entstaubung direkt mit eingebaut. „Sonst würde die Luft im geschlossenen Stall zu schlecht.“
Albert Willemsen und Johannes Hoffmann nutzen die „Strohmatic“ von Schauer Agrotronic. Sie löst Strohballen automatisch auf, häckselt das Stroh und entstaubt es optional, bevor die Strohhäcksel über einen Rohrkettenförderer zu den Buchten transportiert werden. Dort verteilt die Anlage regelmäßig mehrmals täglich kleine Mengen. Albert Willemsen gefällt, dass er die ausdosierten Mengen so leicht steuern und buchtenweise anpassen kann.
Johannes Hoffmann aus Postau (Bayern) versorgt seine Mastschweine im Innen- und Außenbereich über die Strohmatic. Als Biobauer würde er mit den Verbandsrichtlinien schon alle gesetzlichen Vorgaben erfüllen. „Ich frage mich nur, ob die Vorgaben vor allem in konventionellen Ställen künftig reichen, um auf das Kupieren der Ringelschwänze verzichten zu können.“
Er selbst setzt schon weitere Maßnahmen um. Sein Schweinefutter enthält Rohfaser in Form von Haferschalenpellets, Luzernecobs oder Hanfschalen. „Außerdem will ich meinen Schweinen über Raufen noch Luzerne- oder Grassilage anbieten.“ Er ist davon überzeugt, dass gehäckseltes Stroh oder beispielsweise Knabberstangen aus Luzerne nicht genügen, um Schwanzbeißen vorzubeugen. „Die Schweine brauchen langfaseriges Strukturfutter. Dank der Silagegabe sind sie noch ruhiger und ausgeglichener.“
Torsten Deye entwickelte seine Rohrketten-Raufutteranlage mit der Firma Witte-Lastrup, die gerade mit ihrem System Tier aktiv startete. Die Annahmestation lieferte die Firma Pumpe zu. „Mir war wichtig, dass ich jede Bucht individuell ansteuern und ausdosieren kann.“ Es gäbe nun mal Tiergruppen, die sehr viel Stroh fressen würden und bei anderen reiche deutlich weniger.

Mit Futter beschäftigen

Das sieht Heino Sohnrey ähnlich. Er nutzt in der Sauenhaltung Porky´s Strohtomaten und FunBoxen für die Strohgabe. „Zusätzlich haben wir Strohraufen in den Buchten installiert. So kombiniert funktioniert das Anbieten des Beschäftigungsmaterials in der richtigen Menge gut“, sagt der Schweinehalter.
Johannes Hoffmann hat es angedeutet: Das Thema Beschäftigungsfutter gewinnt an Bedeutung – vor allem im Hinblick auf den Ringelschwanz. Deshalb bietet zum Beispiel Torsten Deye seinen Masttieren mit Langschwanz über eine separate Futterkette und ganz normale Volumendosierer stündlich ein Mischung aus Roggenschrot, Melasse und Strohgranulat an. „Außerdem haben wir zusätzliches Spielzeug wie Knabberhölzer in den Buchten. Damit sich die Tiere wohlfühlen, müssen sie sich aus dem Weg gehen können und Abwechslung ist wichtig.
Der Landwirt ist überzeugt von mehr Beschäftigung für die Schweine, aber die Vorgaben der neuen TierSchNutzV stoßen auch auf Unverständnis: „Die Vorgaben gelten dann auch für die Saugferkel. Das macht für mich keinen Sinn und da weiß ich auch noch nicht, wie ich das lösen werde.“

Praktikertipps: So beschäftigen Schweinehalter ihre Tiere

Attraktivität aufrechterhalten

Bei Jürgen Horstmann aus Sendenhorst (Nordrhein-Westfalen), der 300 Sauen im geschlossenen System hält, sorgt vor allem das „jederzeit“ in der TierSchNutzV für Unmut. „Automaten müssen auch mal ein paar Stunden leer sein dürfen. Das erhöht die Attraktivität bei den Schweinen.“ Selbst sein ITW-Auditor sähe das ähnlich. Man würde schnell mitbekommen, ob ein Schweinehalter die Gabe des Beschäftigungsfutters lebt oder nicht. Der Landwirt setzt ebenfalls auf Pellets aus dem Automaten als Beschäftigungsfutter. Sie bestehen im Wesentlichen aus Luzerne sowie Soja- und Rapsschalen. „In der Mast und Ferkelaufzucht haben wir den Pellettomat eingebaut. Bei den Sauen suchte ich ein stabileres Modell, das ich bei der Firma EnSta fand.“ Jürgen Horstmann macht sich bereits seit Jahren Gedanken über Maßnahmen zur Beschäftigung, zumal er Jungeber mästet und versuchsweise einen kleinen Teil seiner Ferkel unkupiert lässt. „Wir haben mit den typischen, unbehandelten Dachlatten angefangen, die mit Karabinerhaken an Ketten befestigt sind. Davon habe ich immer noch einige im Zentralgang liegen, um bei Bedarf schnell für Ablenkung sorgen zu können.“ Er findet es wichtig, verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten parat zu haben, damit den Tieren nie langweilig wird.
Deshalb bietet er – neben den Pellets – weiterhin allen Tieren die unterschiedlichsten klassischen Spielzeuge an und wechselt diese regelmäßig. „Ich habe aus dem GfS-Topshop schon viele Sachen ausprobiert, die immer gut funktionieren, zum Beispiel Beißrollen und -kugeln, Spieligel, Bite-Rite, Kauseile und Jutesäcke vor allem für die Ferkel in der Aufzucht.“ Die Automaten befüllen er und seine Mitarbeiter derzeit noch mit der Hand. Sie sind aber so angelegt, dass er sie automatisieren könnte. „Im Moment verbinden wir das Verteilen mit der Kontrolle der Schweine und sehen so täglich, wie gut ihnen die Beschäftigung tut.“
Natürlich ist die Gesetzesvorgabe laut Jürgen Horstmann mit höherem Arbeitsaufwand für Befüllen, Wartung, Reparatur und Kosten verbunden. Die ITW-Prämie gleiche das bei ihm zum Glück größtenteils aus.

Raufen Marke Eigenbau

Diese Meinung teilen viele Landwirte: Beschäftigung sorgt für mehr Tierwohl. Nichtsdestotrotz sind sie auf der Suche nach möglichst einfachen und kostengünstigen Lösungen. Dazu zählen alle möglichen selbstgebauten Raufen, beispielsweise für Deck- und Warteställe mit Selbstfangliegebuchten. So schlägt ein Landwirt in der Facebook-Gruppe Doppelstegmatten (25 mm x 200 mm) vor, die sich passend biegen lassen und dann eine Schlitzweite von 18 bis 22 mm aufweisen. Berater machen darauf aufmerksam, dass bei der Auswahl der Raufen die Schlitzweite und der Aufbau wichtig seien. So dürfen bei gelaserten Modellen aus Blech die Kanten nicht zu scharf sein.
Wenn das Stroh aus der Raufe auf den Boden fällt, sollte auch die Vorgabe „bodennah“ aus der TierSchNutzV erfüllt sein. Andere Schweinehalter haben die Körbe von Einkaufswagen in Großgruppen zu Strohraufen umgewandelt und an die Decke gehängt. Damit nicht zu viel Stroh durch die Spalten in die Gülle fällt und die Schweine auch das herausfallende Stroh aufnehmen, werden die Spalten teilweise einfach verschlossen.
Eine Schweinehalterin berichtet, dass sie in Großgruppen mit 450 Masttieren sechs solcher Körbe hängen hat. Alle ein bis drei Wochen füllt sie je einen halben Bund Stroh nach – je nach Aktivität der Tiere. So lassen sich für alle Bereiche und alle Betriebe funktionierende und kostengünstige Lösungen finden, die beweisen, wie ideenreich und flexibel Schweinehalter in puncto Beschäftigung sind.

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