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Ferkelkastration

Deutscher Tierschutzbund: Fristverlängerung verstößt gegen Recht

Kastration eines Ferkels
am
24.10.2018
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Laut des deutschen Tierschutzbunds sei eine Fristverlängerung bei der betäubungslosen Ferkelkastration ein Verfassungsverstoß. Die Bundestierärztekammer fordert mehr Forschung zum vierten Weg.

Die Große Koalition hält weiter an der Fristverlängerung für die betäubungslose Ferkelkastration fest. Der Deutsche Tierschutzbund machte jetzt in einer Pressemitteilung deutlich, dass der entsprechende Gesetzentwurf gegen das Staatsziel Tierschutz und somit gegen das Grundgesetz verstoßen würde.

In einer Anhörung im Deutschen Bundestag auf Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen hatte bereits der Mannheimer Strafrechtler Prof. Dr. Jens Bülte diesen Verfassungsverstoß belegt.

Nun bestätigt ein weiteres Gutachten, das dem Deutschen Tierschutzbund vorliegt, diese Rechtsauffassung: Der renommierte Tierschutzrechtsexperte Dr. Christoph Maisack kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass eine Verschiebung des Gesetzes, das bisher ab 1. Januar 2019 die Schmerzausschaltung vorschreibt, gegen das Staatsziel Tierschutz verstößt.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes kommentiert: „Damit stellt die Große Koalition die wirtschaftlichen Interessen der Tiernutzer in Deutschland über das Staatsziel Tierschutz."

Vierter Weg: Mehr Forschung nötig

Zudem wendete sich der Präsident der Bundestierärztekammer (BTK), Dr. Uwe Tiedemann, in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Darin spricht er sich gegen die Gleichbehandlung der Lokalanästhesie in der Tier- und Humanmedizin aus. 

Demnach könne man die Bedingungen bei der Kastration von unter acht Tage alten Ferkeln nicht annähernd mit einem entsprechenden Eingriff im Rahmen einer humanmedizinischen Behandlung vergleichen. Aufgrund der Arbeitsabläufe sei zumindest in Frage zu stellen, ob in jedem Fall ein sorgsames Warten auf den Wirkungseintritt gewährleistet werden kann. 

Laut Uwe Tiedemann fehle bisher der wissenschaftliche Nachweis für eine wirksame Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration unter Lokalanästhesie. Von Erfahrungen mit Eingriffen unter Lokalanästhesie beim Menschen Rückschlüsse auf das Schmerzempfinden von Saugferkeln zu ziehen, greift in seinen Augen zu kurz und könne keinesfalls den wissenschaftlichen Anspruch genügen.  

Bevor die Methode der Lokalanästhesie für die Ferkelkastration in Betracht gezogen werden kann sollten unter anderem folgende Fragen weiter untersucht werden:

  • Welche Wirkstoffe eignen sich, wie ist deren lokale Verteilung und Wirkdauer? 
  • Welches ist die optimale Lokalisation für eine schmerzfreie Applikation?
  • Mit wlecher Methode lässt sich die Schmerzfreiheit objektiv beurteilen?

BBV: Staatsziel Tierschutz nicht isoliert betrachten

In einer Stellungnahme hält Dr. Johann Ertl, Fachreferent des Bayerischen Bauernverbands (BBV) den Äußerungen von Prof. Bülte und Dr. Maisack entgegen, dass das Staatsziel Tierschutz nicht isoliert zu betrachten ist, sondern mit anderen Verfassungsgütern wie der Berufsausübungsfreiheit und der Eigentumsgarantie in Ausgleich zu bringen ist.

Außerdem könnten auch Tiere im Ausland Schutzobjekte des Staatsziels Tierschutz sein. Das Staatsziel Tierschutz habe nicht das Ziel, bestimmte Eingriffe bei Tieren in Deutschland zukünftig im Ergebnis unmöglich zu machen und so diese Eingriffe ins Ausland zu verlagern (Rechtsgutachten Dr. Hansen, 2016).

Der Gesetzgeber ist laut Johann Ertl daher verfassungsrechtlich nicht gehindert, in Reaktion auf Probleme rechtliche Änderungen vorzunehmen, zum Beispiel eine Übergangsfrist in angemessenem Rahmen zu verlängern. In der Veranstaltung der Grünen am 10. Oktober in Berlin habe Prof. Bülte selbst eingeräumt, dass es einen verfassungsrechtlichen Grund gibt, die betäubungslose Ferkelkastration nicht zu verbieten, falls keine Alternativen bestehen.

Entgegen der Mitteilung des Deutschen Tierschutzbundes vertritt Johann Ertl die Meinung, dass mit einer Fristverlängerung der Tierschutzstandard nicht deutlich herabgesetzt werde, sondern eine Verlagerung der Ferkelerzeugung ins Ausland und zusätzliche Langstreckentransporte von Ferkeln vermieden werden.

Laut Tierschutzbund gibt es mit der Ebermast, der Immunokastration und der Betäubung mit Isofluran mittlerweile drei Alternativverfahren zur betäubungslosen Kastration. Johann Ertl ist andere Meinung: Isofluran ist mangels Zulassung bis heute (noch) nicht möglich. Der Tierschutzbund ignoriere nach wie vor, dass diese drei Verfahren - auch zusammen - keineswegs als Lösung ausreichen.

Mit Material von BBV, BTK, Deutscher Tierschutzbund,

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