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Aus der Wirtschaft

Ebermast - eine sinnvolle Alternative

von , am
16.08.2012

Syke - Über Chancen der Ebermast und Möglichkeiten der Vermarktung von Eberfleisch sprachen wir mit Stefan Willenborg von der Erzeugergemeinschaft für Qualitätstiere (EfQ) Syke.

Stefan Willenborg ist stellvertretender Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft für Qualitätstiere Syke eG (EfQ). Die Genossenschaft ist in der Region Diepholz, Vechta, Cloppenburg, Nienburg, Osnabrück, Emsland und Oldenburg tätig. Jährlich werden derzeit ca. 500.000 Ferkel vermarktet und gut 1 Mio. Schlachtschweine. Gemästete Jungeber sind davon 80.000 Stück, mit steigender Tendenz.

Welche Betriebe aus Ihrem Kundenkreis haben sich bisher für die Ebermast entschieden?

Stefan Willenborg: Die ersten Betriebe, die in die Ebermast eingestiegen sind, waren Betriebe mit geschlossenem System. Bei diesen Betrieben stellt sich nicht die Frage der Absatzsicherheit, da die Mast auf dem eigenen Betrieb stattfindet. Das war vor gut einem Jahr. Anfang dieses Jahres kamen bei uns zwei große Ferkelerzeuger und deren Mäster dazu, die sich auch zur Ebermast entschlossen haben. Und aktuell gibt es auch die ersten Zukaufmäster: Sie kaufen Ferkel als reine Ebergruppen oder gemischt. Wir stellen fest, dass die Nachfrage insgesamt steigend ist.

Welche Erfahrungen haben die Betriebe bisher mit der Ebermast gemacht?

Stefan Willenborg: Bisher gab es keine großen Schwierigkeiten. Ein Knackpunkt ist das Tier- Fressplatz-Verhältnis in der Mast. Bis zu einem Verhältnis bis 1:4 gibt es keine Probleme. Wenn das Verhältnis in Großgruppen bis 1:10 und darüber hinaus geht, dann gibt es erhebliche Rangeleien und Dominanzprobleme in der Pubertätsphase der Eber. Darauf müssen die Mäster sich einstellen. Sie müssen außerdem wissen, dass Eber einen anderen Wachstumsverlauf haben. Masteber wachsen bis zu einem Gewicht von 60 bis 70 kg deutlich langsamer als Börge. Danach wachsen sie dann aber sehr schnell und gehen eher aus dem Stall als die Sauschweine. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Mäster zu begleiten, die oft schon seit 20 oder 30 Jahren Schweine mästen und die Ebermast bisher aber nicht kennen.

Wohin vermarkten Sie die Eber derzeit und wie werden die Tiere abgerechnet?

Stefan Willenborg: Die Eber gehen zu Tönnies und zur VION. Die Tiere werden grundsätzlich nach AutoFOM-Maske abgerechnet. Bei Tönnies erfolgt die Abrechnung seit dem 1. Juli für Eber und Sauschweine jeweils über eine getrennte Abrechnungsmaske, AutoFOM. Die Maske für Jungeber weicht von der Mastschweinemaske in der Bewertung des Schinkens und des Magerfleischanteiles im Bauch ab. Die VION-Gruppe hat keine eigene Abrechnungsmaske für Jungeber. Ab Juli 2012 werden diese ohne jegliche Abzüge nach der gleichen AutoFOM-Maske abgerechnet wie Sauschweine und Börge. Eine spezielle Abrechnungsmaske (Formelberechnung mit Gewichtung der Faktoren) für Eber gibt es derzeit nicht. Es gibt aber schon Bestrebungen, eine solche Maske zu entwickeln. Aber ich gehe davon aus, dass wir noch ein bis zwei Jahre darauf warten müssen.

Lohnt sich die Ebermast wirtschaftlich?

Stefan Willenborg: Die Reaktionen der Mäster, die in die Ebermast eingestiegen sind, sind durchweg positiv. Der Eber kommt mit 55 Prozent Bauchmagerfleisch aus der Mast (je nach Eberanpaarung), was recht hoch ist. Der Wachstumsverlauf ist 30 bis 50 g schneller als beim Borg. Besonders überzeugend für die Mäster ist die bessere Futterverwertung. Diese liegt um ca. 0,15 bis 0,20 Punkte besser als bei Börgen. So habe ich also einen mageres Schwein bei weniger Futterverbrauch und einer schnelleren Mast. Die Probleme mit der Aktivität der Tiere sind geringer als zuerst angenommen.

Wohin vermarkten Tönnies und VION das Eberfleisch?

Stefan Willenborg: Die Nachfrage nach Eberfleisch ist da. Es sind mittlerweile annähernd 100 Prozent der Lebensmitteleinzelhändler und Fleischverarbeiter, die am Eberfleisch interessiert sind. Beispielsweise kaufen auch holländische Fleischimporteure zu 100 Prozent Fleisch von unkastrierten Tieren.

Wird der Fleischexport in Drittländer Ihrer Meinung nach von einem zunehmenden Eberfleischanteil beeinflusst?

Stefan Willenborg: Der Fleischexport wird meiner Einschätzung nach nicht beeinflusst. Nach dem Fleischgesetz ist Schweinefleisch einfach Schweinefleisch, egal ob es von einem Sauschwein oder einem gemästeten Eber stammt. Das Fleisch wird als Schweinefleisch verkauft und da wird nicht weiter unterschieden. Da sehe ich kein Problem.

Wird es wegen der Geruchsabweichler ein Problem geben mit dem Verschneiden von Fleisch, wenn es nur noch Sauschweine- und Eberfleisch gibt?

Stefan Willenborg: Extreme Geruchsabweichler gibt es unabhängig vom Geschlecht schon immer und es wird sie auch immer geben. Das Fleisch dieser Tiere ist in jedem Fall untauglich. Bei den geschlachteten Jungebern gibt es Geruchsabweichler, die in die Verarbeitung gegeben werden dürfen. Dieses Fleisch wird gekocht, gesalzen oder gepökelt und als verarbeitetes Fleisch an den Lebensmitteleinzelhandel und an die Industrie verkauft. Derzeit gibt es da keine Hinweise, dass es zu Abstrafungen in Form von Malussystemen kommen wird. Hier sei noch gesagt, dass die Firma Tönnies ab Oktober diesen Jahres einen „Geruchsbonus“ zahlen will: Wer Genetik einsetzt, die auf einen möglichst geringen Anteil an Geruchsabweichlern unter den Nachkommen selektiert wurde, wird mit einem Bonus belohnt. Damit will die Firma Tönnies die Zuchtarbeit auf diesem Gebiet unterstützen.

Raten Sie Ihren Mästern, in die Ebermast einzusteigen?

Stefan Willenborg: Das Datum des Kastrationsverbotes steht fest: spätestens 2017. Bis dahin ist noch etwas Zeit und ich kann nur jedem Mäster raten, die Ebermast auszuprobieren. Es ist kein großer Aufwand. Ein paar Dinge muss man lernen. Da kann man sich aber mittlerweile auch durch erfahrene Leute anleiten lassen. Wir bieten Mästern mit geschlossenen Systemen beispielsweise an, das Kastrieren für einen oder zwei Monate einzustellen. Sie können die Tiere durchmästen mit unserer Begleitung. Danach können sie dann überlegen: Kann ich auf meinem Betrieb so Eber mästen oder was muss ich im Hinblick auf das Kastrationsverbot auf meinem Betrieb noch anpassen? Das rate ich jedem Mäster.
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