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Ebermast auf dem Vormarsch

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von , am
23.07.2012

In den Niederlanden werden bereits 40 Prozent der männlichen Ferkel nicht mehr kastriert. Ihre Erfahrungen zeigen, wie Landwirte von der Ebermast profitieren können.

© Mühlhausen/landpixel
Bereits seit mehreren Jahren beschäftigen sich nicht nur deutsche, sondern auch niederländische Fachleute intensiv mit den verschiedenen Fragestellungen rund um das Thema "kastrationsfreie Schweinefleischproduktion". In den Niederlanden werden bereits 40 Prozent der männlichen Ferkel nicht mehr kastriert; bis 2015 soll dort komplett auf die Ferkelkastration verzichtet werden. In Deutschland wird bis zum Jahr 2017 zumindest ein Verbot der betäubungslosen Kastration angestrebt.
 
Landwirte profitieren von der Ebermast
 
Für Ben Dellaert ,SekretärbeiderPVV, ist dies schon ein beachtlicher Teilerfolg auf dem Weg ins Jahr 2023. Bis dahin soll nämlich in den Niederlanden nur noch "nachhaltige Viehhaltung" betrieben werden. "Von diesem Nachhaltigkeitsmanagement profitierten auch die Mäster," betonte Dellaert. "Jungeber hätten eine bessere Futterverwertung, wüchsen schneller und verfügten über einen höheren Fleischanteil."
 
Annechien ten Have-Mellema,Vorsitzende der Abteilung Schwein im niederländischen Bauernverband (LTO), machte noch weitere Pluspunkte für die Ebermast aus: Nach ihrer Erfahrung ist das Infektionsrisiko bei den nicht kastrierten Tieren deutlich geringer. Zudem hätten die Landwirte durch den Verzicht auf die Kastration generell weniger Arbeit. Auch in Sachen Haltungs- management sieht ten Have-Mellema die Branche auf einem guten Weg. Auch in Sachen Haltungsmanagement sieht ten Have-Mellema die Branche auf einem guten Weg.

Rahmenbedingungen für eine ordnungsgemäße Geruchskontrolle

Bereits 2010 war im Rahmen der Brüsseler Erklärung die Zielsetzung formuliert worden, bis 2018 europaweit keine Eber mehr zu kastrieren. Als Alternative etabliert sich zunehmend die Ebermast. Dabei können die großen Schlachtunternehmen schon auf vielfältige Erfahrungen verweisen. So hat die B. & C. Tönnies Fleischwerk GmbH & Co. KG bereits 2008 die ersten Mastbetriebe umgestellt.
 
Vor allem hinsichtlich der betriebsinternen Logistik, der Sicherungssysteme und der erforderlichen getrennten Chargierung habe man wertvolle Erkenntnisse sammeln können und sei so in dieses Thema hineingewachsen, berichtete Dr. Wilhelm Jaeger, Abteilungsleiter Landwirtschaft bei Tönnies auf der 5. Bonner Runde, bei der sich Ende Juni Branchenexperten auf Einladung der niederländischen Wirtschaftsgruppe Vieh und Fleisch (PVV) zu einem Er- fahrungsaustausch in der Bundesstadt trafen.
 
Inzwischen schlachte das Unternehmen eine stetig wachsende Zahl an Ebern. Die führenden Unternehmen in Deutschland und den Niederlanden hätten sich bereits darauf verständigt, wie die Geruchskontrolle bei den Eberschlachtkörpern grundsätzlich zu handhaben sei, erklärte Jaeger. Die Rahmenbedingungen für eine ordnungsgemäße Geruchskontrolle seien im System der Qualität und Sicherheit GmbH (QS) verankert.

Betäubung als Alternative?

Edeka beschäftigt sich gemeinsam mit der Vermarktungsgemeinschaft für Zucht- und Nutzvieh (ZNVG) seit geraumer Zeit mit dem Thema Ebermast. "In Kooperation mit den Ländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben wir ein Animal-Welfare-Projekt auf den Weg gebracht. Hierbei ist der Kastrationsverzicht natürlich ein wichtiger Aspekt", berichtete ZNVG-Geschäftsführer Dr. Achim Münster. Die Ver- antwortlichen der Erzeugergemeinschaft Osnabrück (EGO) setzen dagegen gleich auf zwei Pferde.
 
Nach Angaben von EGO-Geschäftsführer Rudolf Festag prüft die Erzeugergemeinschaft derzeit in einem Pilotprojekt, ob auch die Betäubung der Ferkel eine Alternative sein kann. Zudem werde man noch in diesem Jahr die ersten Eber schlachten und ausloten, wie man die Produkte am besten vermarkten könne. Dagegen ist man in den Niederlanden schon ein gutes Stück weiter, wie Marc Jansen, Direktor Verbraucherangelegenheiten und Qualität beim Zentralbüro des niederländischen Lebensmitteleinzelhandels (CBL), berichtete.

Zuchtziel neu definieren

Nach Ansicht von Heinz Osterloh, Präsident des Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbundes (DVFB), dürften die Aktivitäten im Bereich Ebermast auch Veränderungen der Größenstrukturen mit sich bringen, und zwar nicht nur bei den landwirtschaftlichen Betrieben, sondern auch bei den Schlachtunternehmen. Aber auch die Zuchtstufe sieht sich vor neuen Herausforderungen.
 
So zeigte sich Dr. Ernst Tholen von der Universität Bonn überzeugt, dass die Zuchtorganisationen ihre Zuchtziele erheblich verändern müssten. Diese Anpassung sei aber vor allem aufgrund der Konkurrenzsituation problematisch. Zudem habe die Einbeziehung des Merkmals Ebergeruch in das Zuchtziel negative Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, insbesondere auf das Erstferkelalter. Allerdings sei die Zucht nur ein Weg, um den Ebergeruch zu reduzieren, sagte Tholen. Auf die richtige Justierung von Vorbeugungsmaßnahmen wie Zucht, Ernährung und Management kommt es auch für die Viehhändler an.
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