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Ferkelkastration: Schlachter und Handel winden sich

Martina Hungerkamp
am Mittwoch, 09.10.2019 - 14:41 (Jetzt kommentieren)

Es sind nur noch 449 Tage bis zum Ende der betäubungslosen Kastration. Eine Katastrophe, dass die meisten Sauenhalter immer noch keine Ahnung haben, welche Ferkel in welcher Menge ihnen ab dem 1. Januar 2021 abgenommen werden.

Es sind nur noch 449 Tage bis zum Ende der betäubungslosen Kastration. Eine Katastrophe, dass die meisten Sauenhalter immer noch keine Ahnung haben, welche Ferkel in welcher Menge ihnen ab dem 1. Januar 2021 abgenommen werden.

Es ist erschreckend, wie die Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels und der Schlachtbranche die Schuld bei anderen suchen, statt verlässliche Lösungen für die Schweinehalter zu präsentieren. Das zeigte sich auch gestern auf der Fachtagung „Ferkelkastration: Zeit für Antworten“ des Bundesverband Rind und Schwein (BRS) in Verden.

Verlässliche Aussagen fehlen

Oberflächlich hätte man zu dem Schluss kommen können, dass alle Beteiligten in allen erlaubten Verfahren kein Problem sehen.

Doch wo ist dann der Knoten, der platzen muss? Die Landwirte haben ihre Hausaufgaben gemacht: Viele könnten längst mit den drei rechtlich zugelassenen Wegen leben. Sie wären sogar zum sofortigen Kastrationsverzicht bereit – wenn Schlachter und Handel dies vernünftig entlohnen und den Absatz sichern würden.

Den deutschen Schweinehaltern fehlt die verlässliche Zusage der abnehmenden Seite. Lebensmitteleinzelhandel und – noch stärker – die Schlachtbranche winden sich um eine feste Zusage mit konkreten Zahlen.

Vierter Weg ist tot

Der Vierte Weg, also die örtliche Betäubung, ist wahrscheinlich gestorben – das betonten die Vertreter der Schlachtbranche ebenso wie die des Lebensmitteleinzelhandels (LEH). Selbst die Kastration unter Isoflurannarkose sehen sie nur noch als Brückentechnologie auf dem Weg zum Kastrationsverzicht.

Die große Frage ist: Wie geht die deutsche Schlachtbranche damit um? Ihre Vertreter von Böseler Goldschmaus, Vion und Westfleisch wurden gestern regelrecht in die Zange genommen: Auf der einen Seite standen die Landwirte, auf der anderen Seite der LEH, vertreten durch Aldi Nord und die Rewe Group. Auf Nachfragen, welche Tiere sie ab dem 1. Januar 2021 in welcher Menge abnehmen, blieben die Schlachter konkrete Antworten schuldig.

Die Vorgänge seien komplex. Man würde eben kein Auto zusammen-, sondern ein Schwein auseinanderbauen und damit verschiedenste Märkte mit verschiedensten Ansprüchen beliefern. Das sei für die Schlachtunternehmen ein großes Problem. Wie eine Lösung aussehen könnte? Fehlanzeige.

Einig waren sich gestern alle nur darin, dass sich der Mark nicht aufspalten darf. Sonst würden die unkastrierten männlichen Schweine an Wert verlieren.

Improvac ist kein Problem

Konkrete Ansagen gab es hingegen von den anwesenden Tierschutzverbänden und Lebensmitteleinzelhändlern: Es werde keine Kampagne gegen Improvac-geimpfte Schweine geben. Die Sprecherinnen der anwesenden Tierschutzverbände (Der Deutsche Tierschutzbund, Vier Pfoten und ProVieh) verwiesen auf eine Vereinbarung, die sie dahingehend unterschrieben haben.

Julia Blankenhagen von der Rewe Group ging sogar noch einen Schritt weiter: Wenn es einen Skandal in Sachen Improvac gäbe, sei das eine selbsterfüllende Prophezeiung der Schweinehalter. Sie würde nur von Landwirten selbst solche Vorbehalte hören. Einzig der BSE-Skandal habe ernsthaft zu einer Krise beim Fleischabsatz geführt.

Wenn es in Sachen Improvac Nachfragen gäbe, dann wolle der Verbraucher vor allem wissen, wo das Fleisch der so behandelten Tiere zu beziehen sei, ergänzten die Tierschutzorganisationen.

Ferkelkastration: Wir brauchen Branchenvereinbarung

Ich stimme den Aussagen von Heribert Qualbrink, Einkaufsleiter Westfleisch, zu: Ab dem 1. Januar 2021 darf es nicht mehr darum gehen, nach welcher der erlaubten Verfahren männliche Ferkel behandelt wurden. Es zählt allein die Fleischqualität.

Um das zu erreichen, brauchen wir – wie gestern von den Landwirten gefordert – eine Branchenvereinbarung, die von wirklich allen Beteiligten getragen und unterzeichnet wird. Erst dann können Sauenhalter verlässlich planen, welches Verfahren sie künftig bei den männlichen Ferkeln anwenden.

Und, vielleicht noch wichtiger, selbst wenn einige Optionen scheinbar gestorben sind, muss man neuen Ansätzen gegenüber offenbleiben!

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