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Interview

Forschungsstand Ebermast: Tierwohl steht in Frage

Grave Anne-Maria/dlz-agrarmagazin/Nicoleta Culiuc/agrarheute
am
13.07.2016

Der Kastrationsverzicht bringt unerwünschte Verhaltensweisen wie Penisbeißen mit sich. Prof. Ulrike Weiler erklärt, was die Immunokastration bringt.

Anormale Verhaltensweisen wie beispielsweise das Penisbeißen, sind problematisch in der Ebermast. Diese und weitere tierschutzrelevante Aspekte stellen den Kastrationsverzicht, - der als positives Kriterium zum Tierwohl angesehen wird - massiv infrage. Eine Alternative ist die Immunokastration. Sie verhindert das Ausbilden des Ebergeruchs. Diese Methode lässt sich in Deutschland jedoch nur schwer etablieren. Ein Interview mit Prof. Ulrike Weiler, Abteilung für Verhaltensphysiologie landwirtschaftlicher Nutztiere, Universität Hohenheim.

1. Wie lautet der aktuelle Stand der Forschung zur Ebermast?

Weiler: Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Studien zur

  • Züchterischen Verminderung von Androstenon und Skatol bei Mastebern,
  • Beeinflussung der Skatoleinlagerung durch Fütterungsmaßnahmen,
  • Detektion der Geruchsabweichungen am Schlachthof sowie zu den Verbraucherreaktionen.

Wir haben ebenfalls viel darüber gelernt, wie es zur Androstenon- und Skatolbildung kommt und was Management und Stress bei Ebern bewirken. Eine Patentlösung, die Geruchsbildung zu mindern, ist aber nicht in Sicht. Denn einerseits werden Schlachtkörper mit Geruchsabweichungen bei uns nicht monetär sanktioniert und der Anteil der Eber bei den Schlachtschweinen ist noch so gering, dass sich die belasteten Schlachtkörper verwerten lassen. Dadurch besteht kein Zwang, diese Erkenntnisse stringent umzusetzen.

2. Worauf wird momentan der Fokus gelegt?

Weiler: Jetzt geraten Tierschutzprobleme, die durch den Kastrationsverzicht ja vermieden werden sollten, in die Diskussion. Denn die Probleme, die wir durch den Kastrationsverzicht eindämmen, sind geringer als die Probleme, die durch die spezifischen Verhaltensweisen der Eber entstehen. Das betrifft nicht nur Schlachtkörperläsionen aufgrund von Kämpfen oder Aufreiten beim Transport und in der Wartebucht, sondern vielmehr das lang ignorierte Problem des Penisbeißens. Hierzu wurden im letzten Jahr erstmals systematische Daten veröffentlicht. Von den über 500 Versuchsebern hatten etwa 80 Prozent der Tiere Wunden und/oder Narben am Penis.

3. Worauf deuten diese Ergebnisse hin?

Weiler: Die Befunde stellen massiv infrage, dass der Kastrationsverzicht per se als positives Kriterium beim Tierwohl gesehen und finanziell honoriert wird. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar.

4. Sind praktikable Lösungen also nicht in Sicht?

Weiler: Der früher proklamierte Königsweg der flächendeckenden Ebermast wird aus den oben genannten eberspezifischen Tierschutzproblemen zunehmend kritisch gesehen. Zudem ist eine praktikable Methode mit sicherer Schmerzausschaltung bei der Kastration nicht wirklich vorhanden. Zusätzlich sind die Probleme hinsichtlich des Verbraucherschutzes ungelöst. So existiert noch keine sichere Detektion von Geruchsabweichungen am Schlachtband.

5. Welche Alternativen gäbe es?

Weiler: Für mich ist die Immunokastration aktuell die einzige kurzfristig verfügbare Methode, um bei Kastrationsverzicht Tierschutz und Verbraucherschutz sicherzustellen. Allerdings sind Probleme vorprogrammiert, da nun die Arbeit und die Kosten vom Ferkelerzeuger auf den Mäster abgewälzt werden. Bei den aktuellen Preisen ist natürlich niemand bereit, irgendwelche Mehrkosten und einen Mehraufwand zu tragen.

6. Warum hat sich dieses Verfahren bei uns noch nicht etabliert?

Weiler: Die Landwirte haben zu Recht Angst, dass auch hier wieder eine Skandalberichterstattung über einen Hormoneinsatz in der Fleischerzeugung vollzogen wird, obwohl der Impfstoff keine Hormonwirkung hat.

7. Welche Aspekte müssen bis zum 1. Januar 2019 noch geklärt werden?

Weiler: Eigentlich ist noch vieles zu klären. Solange keine sichere und sensible Geruchsdetektion am Schlachtband vorhanden ist, kann man Ebermast nicht weiter als Königsweg propagieren. Auch wenn es gelingen würde, die Geruchsabweichungen züchterisch sicher auszuschalten, wären die Tierschutzprobleme aufgrund der männlichen, hormonbedingten Verhaltensweisen nicht gelöst. Die Immunkastration ist eine Chance in diesem Dilemma.

Das vollständige Interview können Sie in der April-Ausgabe, des dlz primus Schwein lesen ...

 

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