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Kommentar

Hepatitis E: Die nächste Sau wird durchs Dorf getrieben

Schweinefleisch
Sabine Leopold/agrarmanager/Eva Ziegler/agrarheute
am
13.05.2016

Pünktlich zur Grillsaison steht der nächste Lebensmittelskandal an: Tödliche Gefahr für Schweinefleischesser durch Hepatitis E. Ein Kommentar von Sabine Leopold.

Gestern Abend sendete die ARD-Anstalt ihr Wissenschaftsformat "Odysso". Thema unter anderem: Tödliche Gefahr durch Hepatitis E-Erreger in Rohwürsten aus Schweinefleisch. Droht uns also der nächste Lebensmittelskandal? Oder wird - wie so oft - schamlos übertrieben? Sabine Leopold, Redakteurin beim agrarmanager, hat sich des Themas angenommen.

Hepatitis E: Die Fakten

Zunächst einmal ist Hepatitis E tatsächlich eine Zoonose, kann also vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Und Schweine- vor allem aber Wildschweinefleisch gilt als ein Verbreitungsmedium des hierzulande endemischen sogenannten Genotyp 3-Erregers von Hepatitis E. Dieser kann - vor allem bei immungeschwächten Personen – eine Leberentzündung mit ähnlichen Symptomen wie Hepatitis A auslösen. Die Krankheit ist in Deutschland seit 2001 meldepflichtig, seitdem registriert das Robert-Koch-Institut (RKI) einen stetigen Anstieg der Fälle, allerdings auf extrem niedrigem Häufigkeitsniveau. Zuletzt (2015) waren es 1.500 Neuinfektionen im Jahr.

Dieser Anstieg, so vermutet das RKI, liege allerdings möglicherweise nicht nur an tatsächlich steigenden Infektionszahlen, sondern eher an einer wachsenden Aufmerksamkeit bei den behandelnden und meldenden Ärzte. Da Hepatitis E oft mit geringgradigen klinischen Symptomen einhergeht, wurde die Krankheit in der Vergangenheit möglicherweise oft nicht oder falsch diagnostiziert. Die Letalität ist bei Hepatitis E-Infektionen gering. Weniger als ein Prozent der Infizierten sterben, dabei handelt es sich meist um immungeschwächte oder vorerkrankungsgeschädigte Patienten (mehr dazu hier und hier).

Einschaltquoten und Schlagzeilen

Nun hat also der SWR die Krankheit entdeckt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Hepatitis E ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Und jeder einzelne, der mit einer Infektion zu kämpfen hat, verdient Beachtung und Unterstützung. Dennoch: Mit 1.500 Neuinfektionen gehört die Krankheit zu den seltensten und unwahrscheinlichsten Infektionen hierzulande. Rechnet man diese Zahl auf knapp 82 Millionen Deutsche um, so infizierten sich im vergangenen Jahr 0,0018 % der Bevölkerung - oder einer von 54.600 Bürgern.

Von einer generellen Gefahr aus dem Schweinefleisch kann man also wohl kaum reden ... es sei denn, es ginge einem nur um Schlagzeilen und Einschaltquoten. Aber wer wollte das unserem seriösen öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterstellen?

Infektionswege wenig erforscht

Das Robert-Koch-Institut hat sich dennoch mit der Krankheit intensiver befasst. Vor allem die Infektionswege versuchten die Wissenschaftler aufzudröseln: Wer hat den Erreger wo aufgeschnappt? Zwischen Mai 2006 und August 2007 wurden von insgesamt 96 neu gemeldeten Fällen 66 gründlich durchleuchtet. Bei 21 der Erkrankten (also einem knappen Drittel) ließ sich die Infektion auf eine Auslandsreise zurückführen. Die restlichen beiden Drittel hatten sich offenbar hierzulande infiziert. Bei einem Vergleich der Patientendaten und der Lebensumstände fiel auf, dass Männer mit 76% deutlich überwogen. Zudem kamen die Patienten meist aus kleineren Gemeinden. Eine Frage der Ernährungsgewohnheiten bei diesem Personenkreis?

Und noch etwas stach ins Auge: etwas mehr als die Hälfte der Befragten hatte im infektionsrelevanten Zeitraum Innereien, meist Lebern, oder Wildschweinefleisch verzehrt. In diesen Fällen ist eine Ansteckung über das Fleisch also zumindest ziemlich wahrscheinlich. Dass vor allem Wildschweinebestände häufig mit dem Erreger durchseucht sind, ist bereits seit längerem bekannt. Die Tiere erkranken selber nicht, können den Virus jedoch ausscheiden und weitergeben. Die Infektion der Artgenossen erfolgt fäkal-oral, also durch Aufnahme von Kot. Untersuchungen an Wildschweinebeständen haben bei rund 5 % aller Proben Hepatitis E-RNA nachweisen können. Ähnlich häufig (mit 7 %) waren bei einer niederländischen Erfassung rohe Lebern von Hausschweinen infiziert.

Infektionsrate ist bedauerlich aber bei weitem kein Skandal

Sabine Leopold

Fasst man die Zahlen zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Von Mai 2006 bis August 2007 infizierten sich 96 Deutsche (0,00012% der Bevölkerung) mit Hepatitis E. Hochgerechnet zwei Drittel der Patienten (etwa 64) hatten sich mit dem heimischen Genotyp 3 angesteckt, von denen wiederum gut die Hälfte (rund 32 oder 0,00004 % der Bevölkerung) vermutlich infiziertes Fleisch aufgenommen hatte.

Auch wenn diese Zahlen viel zu gering sind, um daraus statistisch belastbare Daten zu ziehen: 32 wild- und hausschweineassoziierte Infektionen in einem Jahr sind bedauerlich, aber kein Skandal und schon gar keine Bedrohung. Auch wenn man diese Rechnung analog für das vergangene Jahr aufstellt, sind die Werte noch verschwindend gering. Ein Drittel von 1.500 Patienten - das sind 500 Menschen, die sich möglicherweise an infiziertem Schweinefleisch angesteckt haben.

Die Wahrscheinlichkeit, sich statt am Schweinebraten an der zugehörigen Pilzsoße zu vergiften, liegt deutlich höher. Im Jahr 2006 wurden beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 1.704 Pilzvergiftungen erfasst, drei davon endeten tödlich. Die Dunkelziffer könnte, so das BfR, um das Fünf- bis Zehnfache höher liegen. Im Zweifelsfalle verzichten Sie also lieber auf die Jägersoße als aufs Schweineschnitzel.

Zum ausführlichen Text beim agrarmanager ...

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