Login
Kommentar

Initiative Tierwohl: "Schweinehalter müssen jetzt Farbe bekennen"

Ökologische Schweinehaltung
Norbert Lehmann, agrarmanager
am
25.07.2017

Jetzt hat die Initiative Tierwohl (ITW) also die Kriterien und Leitfäden für den Vergütungsraum 2018 bis 2020 vorgelegt. Aber werden sich auch genug Schweinehalter anmelden, um das Budget voll abzurufen?

Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager

Mit jährlich rund 130 Millionen Euro geht die Initiative Tierwohl ab 2018 mit einem höheren Budget an den Start. Die Bedingungen für die Teilnahme stehen. Niedrigere Boni bei zugleich erhöhten Grundanforderungen lassen Zweifel aufkommen, ob die Schweinehalter das Budget der Initiative Tierwohl ausschöpfen werden. Das gilt erst recht bei den guten Schlachtschweinepreisen, die seit April gezahlt werden, und den rekordhohen Ferkelpreisen.

Zweifellos hat sich die Wirtschaftlichkeit der Schweinehaltung im Vergleich zum ITW-Start vor zwei Jahren verbessert. Das ist gut so. Aber es schlägt auch auf die Attraktivität der Initiative zurück: Ein Bonus von künftig höchstens 5,10 Euro pro Mastschwein bei Notierungen über 1,70 Euro je kg Schlachtgewicht (SG) klingt weniger hilfreich als bis zu 9 Euro bei kümmerlichen 1,30 Euro je kg SG. Wenn dann das bisher beliebteste Wahlkriterium, das "organische Beschäftigungsmaterial", im neuen Programm nur noch mit 50 Cent statt bisher 1 Euro pro Tier vergütet wird, fängt das Rechnen an. Das ist logisch. Der unternehmerische Landwirt entscheidet über Produktionsverfahren anhand der Rentabilität.

Richtig ist aber auch: Aufgabe der Tierwohl-Initiative ist es nicht, relativ wenigen Betrieben einen kleinen Extra-Gewinn zu verschaffen. Das Ziel lautet stattdessen, möglichst vielen Betrieben die Zusatzkosten für mehr spürbar mehr Tierwohl auszugleichen. Und genau in diese Richtung geht die Initiative mit dem kräftig aufgestockten Budget und dem gestrafften Kriterienkatalog.

Misserfolg der ITW fiele auf die Landwirtschaft zurück

Schweinehalter müssen darum jetzt nicht nur rechnen, sondern sich auch kritisch fragen: Will ich, dass die Tierhaltung in Deutschland eine Zukunft hat? Fühle ich mich mitverantwortlich für das Öffentlichkeitsbild der Branche, der ich angehöre? Will ich mit meinem Unternehmen im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu beitragen, etwas Druck aus der Tierwohl-Debatte zu nehmen?

Denn eines ist klar: Wenn deutlich weniger Betriebe an der Initiative teilnehmen, als es das Budget hergibt, fällt der Misserfolg auf die Landwirtschaft zurück. Dann haben all jene leichtes Spiel, die den Landwirten nur zu gern unterstellen, allein aufs Geld und nicht auf das Wohl ihrer Tiere zu achten. Die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche würde Schaden nehmen. Jede neue Bundesregierung, gleich welcher Couleur, wird darauf mit dem staatlichen Tierwohl-Label plus höheren gesetzlichen Haltungsanforderungen reagieren.

Natürlich kann keiner erwarten, dass der einzelne Tierhalter aus Selbstlosigkeit, quasi als Dienst an der Gesellschaft, Miese macht. Aber wenn die einzelbetriebliche Rechnung annähernd aufgeht, sollten zukunftsorientierte Schweinehalter die langfristigen Perspektiven der Tierhaltung in ihr Kalkül einbeziehen und strategisch entscheiden.

Auch interessant