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+++Update+++ Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung

Kastenstandhaltung von Sauen: NRW schlägt neuen Kompromiss vor

Bewegungsbucht mit Sau und Ferkeln im Abferkelstall
am Donnerstag, 25.06.2020 - 09:45 (Jetzt kommentieren)

Nordrhein-Westfalen spricht sich im neuen Kompromissvorschlag für den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung von Sauen im Deckzentrum innerhalb von acht Jahren aus. Grüne Agrarpolitiker signalisieren Verständigungsbereitschaft.

Am 5. Juni 2020 hat der Bundesrat die Entscheidung über die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung erneut vertagt. Jetzt unternimmt Nordrhein-Westfalen einen neuen Anlauf, um im Streit über eine Neuregelung der Kastenstandhaltung von Sauen einen Kompromiss zu finden. Sollte sich eine Ländermehrheit abzeichnen, soll in der Bundesratssitzung am 3. Juli über die Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung abgestimmt werden.

Kastenstand: Ausstieg im Deckzentrum in spätestens acht Jahren

Zu den Kernpunkten des nachgebesserten Kompromissvorschlags gehört ein Ausstieg aus der Kastenstandhaltung im Deckzentrum innerhalb einer Übergangsfrist von acht Jahren. Die Umbauförderung soll sich dabei auf Maßnahmen konzentrieren, die über die Vorgaben der Verordnung hinausgehen.

Konkret heißt das, dass nach den acht Jahren die Sauen nur noch für einen kurzen Zeitraum um den Zeitpunkt der Besamung fixiert werden dürfen. Außerhalb dieses Zeitraums müssen die Sauen in Gruppen gehalten werden. Innerhalb der Übergangsfrist soll eine Haltung in vorhandenen Kastenständen unter der Voraussetzung zulässig sein, dass dem Schwein beim Ausstrecken der Gliedmaßen in Seitenlage kein bauliches Hindernis entgegensteht.

Im Abferkelbereich soll es bei den bisher geplanten Regelungen bleiben. Dazu zählen eine auf fünf Tage verkürzte Verweildauer der Sauen im Ferkelschutzkorb, auf 6,5 m2 vergrößerte Abferkelbuchten sowie eine Übergangsfrist von 15 Jahren.

Tierrechtler fordern sofortiges Ende der Kastenstandhaltung

Dagegen fordern zwölf Tierschutz- bzw. Tierrechtsorganisationen – die Liste reicht vom Deutschen Tierschutzbund über Pro Vieh und Vier Pfoten bis zum Deutschen Naturschutzring – in einem gemeinsamen Positionspapier den sofortigen Ausstieg aus diesem Haltungssystem. So soll im Deckzentrum innerhalb von zwei Jahren der Umstieg auf die Gruppenhaltung ohne jegliche Kastenstandhaltung vollzogen werden. In den ersten sechs Monaten müssen die Betriebe ein Umbaukonzept, innerhalb des ersten Jahres einen Bauantrag vorlegen.

Im Abferkelbereich sollen die Betriebe dem Vorschlag zufolge nach spätestens fünf Jahren auf freie Abferkelsysteme umgestellt haben. Die Gesamtgröße der zumindest teilweise eingestreuten Buchten soll 9m2 betragen. Nach zwei Jahren müssen die Betriebe ein Umbaukonzept, nach einem weiteren Jahr einen Bauantrag vorlegen.

Laut den Tierrechtlern sollen für alle Kastenstände die Vorgaben des sogenannten Magdeburger Urteils sofort umgesetzt werden. Möglichkeiten dazu seien – je nach betrieblichen Gegebenheiten – unter anderem das Öffnen der Kastenstände nach hinten oder eine Bestandsreduzierung, sodass jeder zweite Kastenstand frei bleibe und die Sauen ungehindert ihre Beine ausstrecken können.

ISN: Forderungen der Tierschützer sind realitätsfern

Laut der ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands ist die von den Tierschützern geforderte freie Abferkelung aus Tier- und Arbeitsschutzgründen ein No-Go für die konventionellen Schweinehalter. Die Sauen müssten für mindestens wenige Tage um die Geburt herum fixiert werden, um explodierende Ferkelverluste zu vermeiden. Das belegen nicht nur die eigenen Erfahrungen, sondern auch verschiedene wissenschaftliche Projekte wie InnoPig in Deutschland und ProSau in Österreich.

Deshalb dürften sich die Bundesländer von den realitätsfernen Vorschlägen der Tierschutzorganisationen nicht blenden lassen. Die von ihnen in den Raum geworfenen Übergangsfristen sind laut ISN allein schon angesichts der Genehmigungspraxis in Deutschland eine Lachnummer.

Den von Nordrhein-Westfalen erneut vorgenommenen Kompromissanlauf bezeichnet die ISN dagegen als richtig, denn die Ferkelerzeuger brauchen endlich Planungssicherheit und Perspektive. Wichtig sei es, dass insbesondere auch die Betriebe, die bereits im Deckzentrum und Abferkelstall nach bestem Wissen und Gewissen und mit viel Geld ihre Sauenhaltung angepasst haben, eine angemessene Übergangszeit bekommen. Auch wenn die Gruppenhaltung im Deckzentrum das erklärte Ziel in der Gesetzgebung werden sollte, müsse die Einzelhaltung im Deckzentrum künftig ebenso möglich sein, wenn entsprechende Vorgaben eingehalten werden.  

Update: Grüne signalisieren Kompromissbereitschaft

Nach der bisherigen Blockadehaltung der Grünen haben jetzt zumindest die die agrarpolitischen Sprecher der grünen Landtagsfraktionen von Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Verständigungsbereitschaft im Hinblick auf die anstehende Neuregelung der Kastenstandhaltung signalisiert. Wie AgE heute (25. Juni) vermeldet, fordern sie in einer gemeinsamen Erklärung ein Enddatum, ab wann nur noch die Gruppenhaltung von Sauen im Deckzentrum gestattet ist. Um die Umgestaltung zu unterstützen, müsse es eine degressiv gestaffelte Förderung geben.

Für den Abferkelbereich verlangen die Grünen-Politiker klare Signale und tiergerechte Vorgaben – ohne die begrenzten Möglichkeiten der Betriebe zu ignorieren, kurzfristig in neue Abferkelsysteme investieren zu können. Während die neuen Vorgaben für alle neu gebauten Anlagen ab sofort gelten sollen, müssten Bestandsanlagen die Möglichkeit haben, die vorhandenen Einrichtungen über die verbleibende Restlaufzeit von maximal zehn Jahren abzuschreiben.

Die Novelle der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sollte als Startschuss für den Umbau der Nutztierhaltung verstanden werden. Die Politiker betonten die Notwendigkeit, Planungssicherheit zu schaffen und damit langfristig kleine und mittlere Betriebe zu erhalten.

Mit Material von AgE, ISN

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