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Tierwohl

Kastration von Ferkeln: Hoffnung auf Gel zur Betäubung

Ferkel wird vor Kastration mit Gel betäubt.
am Mittwoch, 26.02.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

Noch knapp acht Monate sind es bis zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Trotzdem gibt es für viele Schweinehalter noch keine praktikable Lösung. Ein Gel aus Australien könnte die Lücke füllen.

In Australien setzen Farmer heute schon millionenfach und erfolgreich ein lokal wirkendes Betäubungsgel bei Schafen und Rindern ein. Das australische Unternehmen Medical Ehtics hat das Produkt namens Tri-Solfen entwickelt.

Laut des Herstellers ist Tri-Solfen auch bei der Kastration von Ferkeln sehr wirksam und gut zu handhaben. In Australien erwirbt der Tierhalter das Betäubungsgel vom Tierarzt, wendet es aber selbst bei den Nutztieren an.  

Gel zur Betäubung in der EU-Zulassung

Das Betäubungsgel Tri-Solfen ist bei der in der Europäischen Union (EU) zuständigen Arzneimittelagentur (EMA) zur Zulassung angemeldet. Wenn die EMA Tri-Solfen für einwandfrei hält und sich für die Zulassung ausspricht, sind die EU-Mitgliedsstaaten an der Reihe. Ihre Zulassungsbehörden nehmen erneut eine wissenschaftliche Prüfung der eingereichten Unterlagen vor.

Laut des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) erscheint es in Abhängigkeit von der Dauer der Zulassungsverfahren möglich – jedoch nicht sicher –, dass Tri-Solfen bis Ende 2020 für die deutschen Ferkelerzeuger verfügbar ist. Solange bleiben ihnen die Möglichkeiten der Jungebermast, der Impfung gegen Ebergeruch oder der Kastration unter Inhalations- beziehungsweise Injektionsnarkose.

So wirkt das Betäubungsgel Tri-Solfen

Sollte das Betäubungsgel für die deutschen Ferkelerzeuger verfügbar sein, wird es folgendermaßen angewandt: Tri-Solfen wird dort auf und in den Schnitt aufgetragen, wo operiert wird. Das Medikament deckt laut Hersteller vier zentrale Aspekte ab:

  • Der enthaltende Wirkstoff Lidocain ist ein sehr schnell wirkendes schmerzausschaltendes Mittel. Es sorgt bereits 20 Sekunden nach der Anwendung dafür, dass das Tier den Schmerz durch den Schnitt im Gewebe, kaum noch wahrnimmt.

  • Der Wirkstoff Bupivacain betäubt ebenfalls den Schmerz. Seine Wirkung läuft aber langsamer an als die von Lidocain. Dafür wirkt es rund 24 Stunden. Mit diesen beiden Wirkstoffen lasse sich - so das Unternehmen - der Schmerz, dem die Ferkel bei der Kastration ausgesetzt sind, gut betäuben.

  • Adrenalin ist die dritte Komponente. Es verengt die Blutgefäße und hemmt den Blutverlust bei der Operation.

  • Zusätzlich schützt ein keimtötendes Mittel vor Infektionen. Eine vorbeugende Antibiotikagabe wird durch die Behandlung mit Tri-Solfen überflüssig.

Von Vorteil ist, dass die vier Wirkstoffe nicht einzeln in flüssiger Form gespritzt werden müssen, sondern gemeinsam in einem Gel verpackt sind. 

Schmerzfrei Kastrieren: So wird Tri-Solfen angewandt

Die Kas­tration eines männlichen Ferkels unter Tri-Solfen-Betäubung läuft folgendermaßen ab: Das wenige Tage alte Eberferkel wird in der Kastrationsvorrichtung fixiert. Mit einem Eisspray wird die Haut im Bereich des Eingriffs auf 8 bis 10 °C heruntergekühlt, sodass sie weitgehend gefühllos und taub ist.

Ein gezielter Schnitt mit dem Skalpell öffnet dann den Zugang zu den Hoden. In und um den Hodensack wird das Tri-Solfen-Gel aufgetragen. Innerhalb von 20 Sekunden verliert das Ferkel im gesamten Bereich um den Hoden sein Schmerzempfinden. Die ­Samenstränge werden schmerzfrei gekappt und die Hoden herausgenommen.

Nach der Entnahme der Hoden wird Tri-Solfen-Gel in einer dünnen Schicht in den Hodensack appliziert. Dazu wird ein Instrument genutzt, das einer kleinen ­Kuchenspritze ähnelt und das Gel ohne Verletzungsrisiko aufträgt. Seine Kanüle ist nicht spitz, sondern abgerundet, sodass die Ränder der Schnittwunde nicht weiter verletzt werden.

Jetzt ist die gesamte Kastrationswunde mit einer schützenden Gelschicht überzogen. Sie wehrt Erreger ab und fördert den Heilungsprozess. Der gesamte Eingriff dauert etwa so lange wie eine betäubungslose Kastration. Das kastrierte Ferkel wird in die Bucht zurückgesetzt. Es ist vital und kann zusammen mit seinen Wurfgeschwistern sofort das Gesäuge der Sau aufsuchen.

Alles in allem kostet die Tri-Solfen-Behandlung pro Ferkel etwa 1 Euro. Der Behälter, in dem das Mittel ausgeliefert wird, und die zum Auftragen notwendige Ausrüstung sind im Kaufpreis enthalten. Sobald die Zulassung zum Zweck der Ferkelkastration vorliegt, ist das Gel über Tierärzte verfügbar und kann vom Ferkelerzeuger selbst angewendet werden.

Mit Material von Medical Ehtics, BBV
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