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Projekt

Langer Weg zum Ringelschwanz

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am Donnerstag, 28.11.2019 - 13:26 (Jetzt kommentieren)

Ein sich kringelnder Langschwanz gilt als Indikator für eine tiergerechte Haltung. Der Weg dorthin ist alles andere als einfach, wie die Ergebnisse des Caudophagie-Projekts in Thüringen zeigen.

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Auslöser für die Wirtschaftsinitiative der 18 thüringischen Schweinehalter waren die höheren Tierschutzauflagen, wonach ab 2015 die Schwänze der Ferkel nur noch um maximal ein Drittel kupiert werden dürfen. Diese Vorgabe war nicht umsetzbar. Schweine mit längeren Schwänzen haben ein höheres Risiko für Schwanzverletzungen. Neben Absatzschwierigkeiten mussten mehr tiergesundheitliche Behandlungen erfolgen.

Im Projekt „Thüringer Beratungs- und Management-System Caudophagie“ schlossen sich Betriebe mit insgesamt 30.000 Sauen- und 98.000 Mastplätzen zusammen und holten unter anderem Thüringer Beratungsorganisationen mit ins Boot. Das Projekt wurde mit der Förderrichtlinie „Förderung der Zusammenarbeit in der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (LFE)“ unterstützt.

Ziel war die Etablierung eines praxiserprobten Beratungs- und Managementsystems, um langfristig Schweine mit ungekürzten Schwänzen ohne tierschutzrelevante Verletzungen und Teilstückverluste halten zu können. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten erfolgte über vier wesentliche Etappen beziehungsweise Arbeitspakete:

Als Erstes wurde der Status erhoben: Hier ging es um Erhebungen zu Tiergesundheit, Haltungsbedingungen, Futter und Tränkwasser sowie Stallklimachecks in der Ferkelproduktion und -aufzucht sowie in der Schweinemast. Danach wurden die Betriebe zur Risikominimierung geschult und beraten. Jeder Betrieb erhielt einen individuellen Maßnahmenplan und Lösungsansätze. Zeitgleich begannen Mitarbeiterschulungen. Durch die Vermittlung typischer Tiersignale und die Erklärung der Hintergründe konnten die Mitarbeiter schneller erkennen, welche Ursachen zugrunde liegen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Im dritten Schritt wurden die betriebsspezifischen Maßnahmenpläne umgesetzt und der Erfolg kontrolliert. Als Viertes folgte die Etablierung von Betriebserprobungen. Betriebe, in denen die weitere Risikoanalyse zeigte, dass eine geringe Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Schwanzverletzungen bestand, begannen mit der Haltung kleiner Gruppen unkupierter Schweine in sogenannten Komfortbuchten. Diese Buchten erfüllen die Kriterien der Tabelle „Mindestanforderungen zur Haltung unkupierter Tiere“.

Die komplexe Risikoanalyse berücksichtigte das Zusammenspiel verschiedener bekannter Haltungsfaktoren, der Futter- und Wasserversorgung, primär oder sekundär bedingter Verhaltensbesonderheiten, Management und vieles mehr.

Jede Menge Wissen

Mithilfe des Schwanzbeißinterventionsprogramms SchwIP des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) Celle kristallisierten sich die häufigste Risikofaktoren heraus: einstreulose Haltung, unzureichendes Angebot von losem, organischem Beschäftigungsmaterial in der Ferkelaufzucht und Schweinemast, das Fehlen von tierischem Eiweiß im Ferkelaufzuchtfutter und nicht rechtzeitiges Erkennen gesundheitlich auffälliger Tiere.

Auch beim Futter konnten Schwachstellen aufgedeckt werden, wie zu feines Futter oder die Belastung mit Mykotoxinen, besonders für tragende Sauen. Untersuchungen zum Mykotoxingehalt zeigten, dass das Futter teilweise mit sonstigen Fusarien- beziehungsweise Pflanzentoxinen kontaminiert war, die sich ebenfalls negativ auf die Darmgesundheit auswirken können. Ein Risiko besteht auch beim Energiegehalt im Alleinfutter, der unter den Empfehlungen liegt, und wenn die Aminosäurengehalte absolut, aber auch im Verhältnis zueinander nicht optimal sind.

Bestandsuntersuchungen des Thüringer Schweinegesundheitsdiensts (SDG) zeigten, dass 9 von 14 Betrieben mit SPF-Status (spezifisch pathogen frei) gute Voraussetzungen besaßen, aber diese spezifische Erregerunverdächtigkeit war von untergeordneter Bedeutung. Akute Infektionen stören die gesundheitliche Stabilität empfindlicher – ebenso wie typische, überall vorkommende Erreger. Hat ein Betrieb also einen stabilen Status, müssen sich spezifische Bestandsinfektionen (insbesondere PRRS, PCV2) hinsichtlich unkupierter Tiere nicht negativ auswirken.

Großes Augenmerk lag auf der Stoffwechsel- beteiligung bei Schwanz- und Ohrrandnekrosen. Inzwischen ist SINS, das Stoffwechsel- und Nekrosesyndrom beim Schwein, von der Fachwelt anerkannt. Die Bonituren zeigten deutliche Unterschiede im Anteil belasteter Würfe und Saugferkel, die im Alter von drei bis fünf Tagen entzündete Kronsäume, Schwanznekrosen oder Karpalgelenksentzündungen aufweisen. Diese Signale deuten auf SINS bei der Muttersau hin.

Langschwanz nicht immer möglich

Die Auswahl unkupierter Saugferkel für die Erprobungen konzentrierte sich deshalb in den meisten Fällen auf Würfe, in denen weniger als 50 Prozent der Ferkel erhebliche Belastungen durch Endotoxine (Schwanz), Mykotoxine (Zitzen) und Milchmangelsituationen (Karpalgelenke) aufwiesen. Gesunde Saugferkel ohne maternale Vorbelastungen können ein stabileres Immunsystem ausprägen und haben bessere Erfolgsaussichten, ohne gesundheitliche Störungen aufgezogen und gemästet zu werden. Die Muttersau ist deshalb einzubeziehen.
In puncto Stallklima wurde deutlich: Jedes Klimasystem ist ein Unikat. Für das Erkennen von Schwachstellen benötigt man neutrale, erfahrene Fachleute. Zum Teil waren Mitarbeiter unzureichend in den Lüftungs-PC eingewiesen und die Vorgaben mussten spezifischer auf den Betrieb angepasst werden.
Die Hälfte der 14 Betriebe erprobte nach einer über zweijährigen Vorbereitungszeit die Haltung unkupierter Tiere mit kleinen Gruppen. Die Ergebnisse variierten stark. Am Ende der Aufzucht wiesen 20 Prozent der Tiere beziehungsweise rund 31 Prozent am Ende der Mast keinen intakten Schwanz mehr auf. Erfreulich ist, dass der Anteil von Tieren mit nekrotischen oder verhaltensbedingten Schwanzverletzungen gegenüber der Statuserhebung vor dem Projektstart um rund die Hälfte reduziert wurde.
Die sowohl während der Aufzucht als auch während der Mast entstehenden Nekrosen können ein Absterben kleinerer oder auch größerer Teilstücke des Schwanzes verursachen. Diese können ohne massives Schwanzbeißen in der Bucht verheilen. Dennoch ist permanent ein erhöhtes Risiko vorhanden, dass den Tieren Schmerzen und Leiden entstehen (können). Damit verbunden ist auch eine höhere, unter Umständen auch antibiotische Behandlungsfrequenz.
Praktikable Lösungen für eine schrittweise Änderung der Kupierpraxis lassen sich nachhaltig nur umsetzen, wenn neben den sogenannten Basics auch die Stoffwechselbeteiligung genügend berücksichtigt wird, alle Produktionsstufen beinhaltet sind und man die Mitarbeiter einbezieht.

Viel Zeit und Zusammenarbeit nötig

Der Optimierungsprozess benötigt (viel) Zeit und eine intensive Zusammenarbeit mit den bestandsbetreuenden Tierärzten, den Futtermittellieferanten und den Stallausrüstern nach dem Prinzip: „Alle an einen Tisch und Klartext reden“, realistische Ziele setzen und die Umsetzung immer wieder kontrollieren.

Zudem darf sich keine Erwartungshaltung aufbauen, dass einzelne Maßnahmen sofortige Effekte bringen. Selbst in der Summe kann der erwartete Erfolg ausbleiben. Man sollte erst unkupierter Tiere halten, wenn es die betriebsspezifische Risikoanalyse zulässt, es keine Ohrrand- oder Schwanznekrosen oder Schwanzbeißen im kupierten Bestand gibt und eine stabile Bestandsgesundheit besteht.
Unkupierte Tiergruppen stellen höhere Anforderungen an Haltung, Genetik und Betreuung. Selbst bei bester Prognose ist das Risiko des Auftretens von Schwanzverletzungen bei unkupierten Tieren erhöht.

Die Haltung unkupierter Tiere ist mit höherem personellen und finanziellen Aufwand verbunden. Der Optimierungsprozess muss ständig überwacht und bei veränderten Bedingungen neu konzipiert werden.

Die Risikoanalyse muss alle Stufen der Schweinehaltung umfassen. Es braucht mehr Wissen, um Nekrosen (SINS) in der Aufzucht und Mast zu vermeiden und mehr Kenntnisse über Mykotoxine. Die Erwartungshaltung, dass Änderungen einzelner Faktoren schnelle Effekte versprechen, ist unrealistisch. Nur ein konsequentes und abgestimmtes Vorgehen führt zu vielen kleinen positiven Veränderungen.

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