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Interview

Nekrosen mindern für mehr Tierwohl

Mastschweine mit Ringelschwänzen
am Dienstag, 14.08.2018 - 08:57 (Jetzt kommentieren)

Beim Schwanzbeißen spielen auch Nekrosen eine wesentliche Rolle. Prof. Dr. Gerald Reiner erklärt, wie sie entstehen und welche Auswirkungen sie auf die Schweinehaltung haben.

Wie entsteht Schwanzbeißen bei

Prof. dr. Gerald Reiner

Es gibt viele auslösende Faktoren, die alle miteinander zusammenhängen. Daher ist es sehr wichtig, sich nicht von Einzelbeobachtungen beirren zu lassen, die einige Ursachen scheinbar ausschließen. Im nächsten Durchgang oder auf einem anderen Betrieb kann alles wieder ganz anders sein.

Welche Faktoren können für Schwanzbeißen verantwortlich gemacht werden?

Grundsätzlich steigt das Risiko für das Auftreten von Schwanzbeißen durch verminderten Tierkomfort. Ausschlaggebende Faktoren können zum Beispiel die Thermoregulation, die Luftqualität, die Haltungsdichte sowie die Wassermenge und -qualität sein. Außerdem nehmen die Futterzusammensetzung, die Buchtenstruktur, das Raufutterangebot und die Genetik einen Einfluss auf das Beißgeschehen bei Schweinen.

Ist beim sekundären Beißen der Täter das eigentliche Opfer?

Schwein mit blutigem Schwanz

In diesem Fall ist nicht der Beißer das Problem, sondern der Gebissene. Er toleriert das Benagen der Buchtengenossen. Kommt es dabei zu leichten Verletzungen mit Austritt von Serum oder gar Blut, nimmt das
Schwanzbeißen rasch seinen Lauf.
Und dann gibt es noch Schwanz- und Ohrverletzungen, die ganz ohne Zutun anderer Schweine entstehen. Sie führen zu Juckreiz und können damit sekundäres Beißen fördern. Ob es tatsächlich zusätzlich noch dazu kommt, hängt jedoch stark von anderen Stressfaktoren im Betrieb ab.

Wie entstehen diese Nekrosen?

Wir gehen heute davon aus, dass die Entzündungen, die eine Nekrose verursachen, durch mikrobielle Produkte ausgelöst werden, die in den Blutkreislauf gelangen. Dort werden sie von Abwehrzellen erkannt, die verschiedene Entzündungsreaktionen auslösen. Wesentlich ist dabei das Weitstellen der Blutgefäße, damit Abwehrstoffe ins betroffene Gewebe geleitet werden. Am Randbereich des Körpers kann das vermehrt einströmende Blut nicht abfließen. In Verbindung mit der Entzündung wird das Gewebe schlechter durchblutet und stirbt ab – Nekrosen entstehen.

Wie gelangen die mikrobiellen Produkte ins Blut?

Für diese starke Abwehrreaktion des Körpers reichen Bruchstücke toter Bakterien aus. Die Hauptquelle für mikrobielle Abbauprodukte ist der Darm. Bereits beim gesunden Tier gelangen ständig geringe Mengen davon in den Leberkreislauf. Hier werden sie normalerweise abgefangen und entgiftet. Bei zu starker Vermehrung von Mikroorganismen im Darm, gestörter Blut-Darm-Schranke und verminderter Leberleistung können die Produkte jedoch bis in den Körperkreislauf übertreten.

Welche Umstände kann man für das Auftreten von Nekrosen verantwortlich machen?

Die Gründe sind vielfältig, aber eine schlechte Thermoregulation, eine ungenügende Wasserversorgung und eine verminderte Darmdurchblutung fördern das Entstehen von Nekrosen.

Wenn die Thermoregulation nicht stimmt, vermehren sich die Darmbakterien unerwünscht stark. Können die Tiere ihre überschüssige Wärme nicht durch Kontaktkühlung abgeben, brauchen sie mehr Flüssigkeit zum Kühlen über die Haut und die Ohren. Diese Flüssigkeit wird dem Darm entzogen. Der Darminhalt dickt ein. Den Bakterien bleibt so mehr Zeit zum Vermehren und zum Bilden von Abbauprodukten. Eine schlechte Wasserversorgung unterstützt dieses Geschehen: Rückstände aus dem Biofilm der Wasserleitungen können von den Tieren aufgenommen werden. Zudem müssen sie die Darmdurchblutung weiter reduzieren, wenn ihnen ranghöhere Artgenossen oder mangelhafte Tränken das Saufen erschweren.

Welche Gründe gibt es noch?

Eine verminderte Darmdurchblutung, Hitzestress und Mykotoxine schwächen die Blut- Darm- Schranke, die so mehr Abbauprodukte durchlässt. Pilzgifte fördern zudem die Aufnahme dieser mikrobiellen Stoffe und hemmen deren Abbau in der Leber.

Welche Auswirkungen haben Schwanznekrosen in der Schweinehaltung?

Sie führen zu Tierverlusten und dazu, dass Schweine nicht mehr transportiert und geschlachtet werden dürfen. Diese Verluste sind enorm. Zudem bleiben die verursachenden Entzündungen nicht lokal begrenzt. Sie werden ans Zentralnervensystem gemeldet. Beim Schwein äußert sich dies in Appetitlosigkeit, was mit hohen Leistungseinbußen einhergeht.

Gibt es Maßnahmen, Nekrosen zu verhindern?

Die Prophylaxe muss schon bei der Jungsau beginnen. Hochwertige, gesunde Sauen ohne Entzündungen und Nekrosen, mit gutem Gesäuge und starken Klauen sind die Grundlage für gesunde Ferkel. Eine optimale Thermoregulation, Wasserversorgung, Fütterung und Haltung während ihrer Aufzucht sind dafür ein Muss. Und auch eine robuste Genetik ist wichtig, um Entzündungen und Nekrosen bei Ferkeln und Mastschweinen zu minimeren.

Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang das Kupierverzicht bei Schweinen ein?

Experten gehen davon aus, dass unter den derzeitigen Haltungsbedingungen und einem Kupierverzicht bei über 60 Prozent der Mastschweine mit Schwanzverletzungen zu rechnen ist. Selbst mit den Anstrengungen der deutschlandweiten Langschwanzprojekte kann ein intakter Schwanz nur in 30 Prozent der Fälle erhalten werden.

Kann ein Kupierverzicht trotzdem in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden?

Das Kupierverbot ist keine Frage des reinen Abschneidens oder Dranlassens des Schwanzes. Vielmehr müssen die Haltungsbedingungen so geändert werden, dass die Schweine eine Chance erhalten, den intakten Schwanz zu behalten. Doch der Weg dahin fordert Umdenken. Auch die Genetik der Tiere  muss berücksichtig werden. Entzündungen und Nekrosen zeigen einen überlasteten Stoffwechsel an. Für die Zukunft müssen wir das Optimum und nicht das Maximum bei den Tieren anvisieren. Dazu muss sich aber auch die Bezahlung anpassen. Mehr Tierwohl kann es nicht zum Nulltarif geben!

 

Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Gerald Reiner lesen Sie in der Augustausgabe von agrarheute Schwein.

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