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Neues Tierwohl-Label - ein Etikettenschwindel?

von , am
07.02.2013

Kaum ist das Tierwohl-Siegel im Handel, sorgt es für einen Medienskandal. Belastende Aufnahmen aus einem Vertragsbetrieb stellen das Siegel in Frage. Der Tierschutzbund wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Report Mainz: Aufnahmen eines Tieraktivisten aus einem Schweinemastbetrieb im Tierwohl-Labelprogramm. © SWR
Verkotete Böden, Kannibalismus, nicht normgerechte Spalten - das Nachrichtenmagazin "Report Mainz" zeigte in einem aktuellen Beitrag zum neuen Tierwohllabel verdeckt gefilmte Aufnahmen aus einem Label-Vertragsbetrieb. Die nachts und illegal von einem Tieraktivisten gefilmten Aufnahmen zeigen einige verletzte Schweine auf stark verkoteten Spaltenböden. Das Tierwohllabel sei ein Etikettenschwindel, so der Vorwurf. "Hier ist der Stall nicht so gestaltet, dass sich die Tiere wesensgerecht verhalten können", stellt ein Tierarzt angesichts der Bilder fest. Es sei nicht nur zu wenig Platz, sondern die Spaltenböden seien nicht normgerecht.
 
Auf Konfrontation mit dem Bildmaterial räumt der betroffene Landwirt ein, dass ein geringer Teil des Stalls noch renovierungsbedürftig sei, der Rest des Stalls sei jedoch labelgerecht. Beweise dafür gibt es nicht, denn der Landwirt gewährt keinen Zutritt zum Stall. Der Tierschutzbund gerät in Erklärungsnot und rechtfertigt sich mit seinem Stufenprogramm.
 

Tierschutzverband kritisiert einseitige Berichterstattung

Laut Tierschutzverband basiert der Bericht auf Aufnahmen aus einem Stall, der an dem Tierschutzlabel-Programm in der Einstiegsstufe teilnimmt. Bei der Teilnahme in der Einstiegsstufe müsse der Landwirt weniger strenge Haltungskriterien erfüllen. Die Anforderungen der Einstiegsstufe liegen zwar über den gültigen gesetzlichen Bestimmungen, seien aber nur ein erster Schritt zu mehr Tierwohl. So haben die Tiere in der Einstiegsstufe beispielswiese ein Drittel mehr Platz als in konventioneller Haltung.
 
Die Filmaufnahmen seien laut Tierschutzverband auch nur Teilausschnitte aus einem der Funktionsbereiche und bildeten nicht das Gesamtsystem ab. Der Aufnahmefokus sei dabei auf den Kotbereich des Haltungssystems gesetzt worden. Verletzungen sowie Schwanzbeißen, so der Tierschutzverband, kämen in jedem - selbst im besten Haltungssystem - immer wieder einmal vor. Ebenso lasse der Bericht aus, dass beide Labelstufen Tierwohl-Kriterien von der Zucht über die Haltung bis zum Transport und zum Schlachthof abdecken.
 

Tierwohl-Produkte mit Premiumstufe nicht erhältlich

Neues Tierschutz-Siegel: Je mehr Sterne, desto mehr Tierschutz © Tierschutzbund
Das Tierwohl-Siegel ist für die Einstiegsstufe mit einem Stern, die Premiumstufe mit zwei Sternen gekennzeichnet. Die Stufen sollten sich auch im Preis wiederspiegeln. Bisher gibt es jedoch nur Produkte mit einem Stern, sprich der Einstiegsstufe, im Handel. Betriebe der Premiumstufe wurden noch nicht zertifiziert. Die Auflagen seien deutlich höher und damit sei der Zertifizierungsprozess aufwendiger, so Marius Tünte, Pressesprecher des Tierschutzverbands gegenüber agrarheute.com. Vion hat laut Tünte bisher 15 Schweinemastbetriebe, Wiesenhof 27 Masthühnerställe in der Einstiegsstufe zertifiziert. 
 
Die Schlachtunternehmen haben sich verpflichtet auch Premiumprodukte anzubieten, es sind aber keine Fristen vereinbart. Die Zertifizierungen führe das private Kontrollunternehmen Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) durch, dessen Prüfer vom Tierschutzverband geschult würden, erklärt Tünte. Zweimal im Jahr sollen Kontrollen durchgeführt werden, davon einige auch unangemeldet, so stehe es in den Verträgen.
 

Tierwohl-Label soll Tierschutz bundesweit fördern

Die Mainz-Report-Autoren sehen das Problem unter anderem im Kontrollsystem, das beim Tierschutzlabel nicht in staatlicher, sondern in privatwirtschaftlicher Hand ist. Außerdem stünden die Tierwohlprodukte in Konkurrenz zu biologisch erzeugten Waren, die unter weitaus strengeren Tierschutzkriterien produziert werden. Der Verbraucher könnte sich eher für das kostengünstigere Tierwohllabel und gegen Bio entscheiden. Dies ginge letztlich insgesamt zu Lasten des Tierschutzes.
 
Der Tierschutzverband möchte dagegen mit der Initiative langfristig und bundesweit die Tierschutz-Mindeststandards anheben. "Wir sind überzeugt, dass wir mit dem zweistufigen Label zugleich den Druck auf den Gesetzgeber erhöhen. Denn wenn die, die Tiere halten, vermarkten oder verkaufen, mit dem freiwilligen Umstieg auf mehr Tierschutz beweisen, dass es geht, dann muss auch der Gesetzgeber reagieren und die gesetzlichen Standards mindestens auf die Kriterien der Einstiegsstufe anheben", so heißt es in der Stellungnahme des Tierschutzverbands.
 

Kriterien Einstiegsstufe Schweinehaltung

  • Platzangebot:  ein Drittel mehr als gesetzlich vorgeschrieben
  • Bodenbeschaffenheit, Liegebereich: perforierter Boden, Liegebereich planbefestigt mit Minimaleinstreu oder weicher Matte (2 Jahre Übergangsfrist)
  • Beschäftigungsmaterial: Beschäftigungsautomaten mit Stroh
  • Klima: Luftkühlung oder Wasservernebelung (Hochdruck)
  • Bestandsobergrenze: 3.000 Schweinemastplätze
  • Strukturierung der Bucht
  • Schwänze kürzen verboten (maximal 2 Jahre Übergangsfrist für die Einstiegsstufe)
  • Keine betäubungslose Kastration: Akzeptiert werden Ebermast, Kastration unter Betäubung (Isofluran) kombiniert mit einer Schmerzmittelgabe, Impfung gegen Ebergeruch
  • Transportdauer: maximal 4 Stunden
  • Schlachtung: Kontrollen am Schlachthof; sichere und tiefe Betäubung muss sichergestellt sein
 

Kriterien Premiumstufe Schweinehaltung

  • Platzangebot: circa doppeltes Platzangebot als gesetzlich vorgeschrieben
  • Bodenbeschaffenheit, Liegebereich: perforierter Aktivitätsbereich, mit Langstroh eingestreuter Liegebereich
  • Mehrflächenbucht: Trennung von Aktivitäts-, Liege- und Kotbereich
  • Verschiedene Temperaturzonen: Auslauf oder Offenfrontstall
  • Bestandsobergrenze: 950 Schweinemastplätze
  • Gentechnik verboten: Der Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel ist im Rahmen der Produktion der Premiumstufe verboten.
  • Strukturierung der Bucht
  • Schwänze kürzen verboten (maximal 2 Jahre Übergangsfrist für die Einstiegsstufe)
  • Keine betäubungslose Kastration: Akzeptiert werden Ebermast, Kastration unter Betäubung (Isofluran) kombiniert mit einer Schmerzmittelgabe, Impfung gegen Ebergeruch
  • Transportdauer: maximal 4 Stunden
  • Schlachtung: Kontrollen am Schlachthof, sichere und tiefe Betäubung muss sichergestellt sein
 
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